Der Boykott vom Boykott vom Boykott – Seite 1

Eines muss man den Kampagnenstrategen der israelfeindlichen Organisation BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) lassen: Sie haben es binnen kürzester Zeit geschafft, die liberale kulturelle Öffentlichkeit in Deutschland zu polarisieren. Sie haben jenen unversöhnlichen Hass, der die radikalen Akteure des Nahostkonflikts charakterisiert, erfolgreich in eine Szene hineingetragen, die sich bislang noch tapfer um das Miteinander der Kulturen bemühte. Sie haben Zwietracht und Verwirrung gesät.

Am Donnerstag gab die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, bekannt, dass sie das britische Hip-Hop-Trio Young Fathers nun doch auf ihr Festival einlädt – um kurze Zeit später mitteilen zu lassen, dass die Gruppe die Einladung nun doch nicht wahrnehmen werde. Die Musiker aus Edinburgh hatten schon einmal auf dem Programm gestanden, waren dann aber wieder ausgeladen worden. Einige Journalistinnen und Journalisten hatten Carp auf einen Umstand hingewiesen, der ihr – bei auch nur gelegentlicher Lektüre der Feuilletons – vorher hätte bekannt sein können: dass die Young Fathers zu den Unterstützern von BDS gehören und sich im vergangenen Jahr maßgeblich am Boykott des Berliner Pop-Kultur-Festivals beteiligt hatten. Hier sollten – unter anderem – arabische neben israelischen Künstlern auftreten; darunter befand sich auch die israelische Sängerin Riff Cohen, deren Auftritt von der Botschaft ihres Heimatlands mit einem Reisekostenzuschuss unterstützt wurde.

Daraufhin entfachte die BDS-Organisation, die sich für den vollständigen kulturellen und wirtschaftlichen Boykott des Staates Israel einsetzt und auch von der Hamas in ihren Zielen unterstützt wird, eine Kampagne gegen das Festival. Fast alle eingeladenen Musikerinnen und Musiker wurden persönlich angeschrieben und unter anderem mit der Desinformation, der Staat Israel habe auf das Pop-Kultur-Programm Einfluss genommen, unter Druck gesetzt. Alle arabischen Künstler sagten ihre Teilnahme daraufhin ab. Sie hatten nicht zuletzt auch darum zu fürchten, in ihren Heimatländern nicht mehr auftreten zu können, wenn sie sich dem Boykottaufruf der mächtigen Organisation widersetzen.

Die Young Fathers brauchen solche Ängste nicht zu haben, sie entschieden sich dennoch dafür, das Festival zu boykottieren. Nennenswerte Konsequenzen oder gar ein größerer Gegenboykott ergaben sich bisher für sie daraus nicht. Einige deutsche Veranstalter weigern sich inzwischen, sie in ihren Klubs oder auf ihren Festivals auftreten zu lassen, andere sprangen dafür ein – das war es auch schon.

Verheerender Vorgang

Aber dann kam die Ruhrtriennale. Am 18. August sollte die Band hier ein Konzert spielen. Als das Programm bekannt gegeben wurde, regte sich dagegen Protest – immerhin ist die Ruhrtriennale kein kleiner, privatwirtschaftlich finanzierter Klub, sondern ein staatlich gefördertes Repräsentationsfestival, das für sich überdies eine besondere Sensibilität bei der politischen Reflexion ästhetischer Phänomene in Anspruch nimmt. Wie passt dies mit der Einladung einer Gruppe zusammen, die eine Kampagne unterstützt, die das Existenzrecht Israels prinzipiell leugnet und die – auch wenn nicht alle ihre Unterstützerinnen und Unterstützer deswegen notwendig Antisemiten sind – jedenfalls mit antisemitischen Gruppen kooperiert?

Das kann man fragen, und darauf könnte man von der Intendantin des Festivals eine Antwort verlangen – sie sollte sich ja irgendetwas dabei gedacht haben, ausgerechnet diese Band mit dieser politischen Haltung einzuladen. Von Stefanie Carp kam dazu aber keine Stellungnahme, sie forderte die Gruppe zunächst lediglich auf, sich von BDS zu distanzieren, und als diese sich – was zu erwarten war – weigerte, sagte sie den Auftritt ab.

In einer Pressemitteilung vom 13. Juni hieß es: "Bedauerlicherweise haben sich die Young Fathers nicht von BDS distanziert. Wir schlussfolgern daraus ausdrücklich nicht, dass die Band antisemitisch sei, und es ist mir in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, dass Kritik an der Politik der derzeitigen israelischen Regierung nicht per se mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Die Ruhrtriennale distanziert sich hingegen in aller Form von der BDS-Bewegung und möchte mit der Kampagne in keinerlei Verbindung stehen. Deshalb haben wir entschieden, das Konzert ausfallen zu lassen. Wir bedauern das außerordentlich, weil die Young Fathers einen wichtigen Akzent im Programm der Ruhrtriennale gesetzt hätten."

Das klang nun allerdings nicht so, als ob sie selbst hinter dieser Entscheidung stehe, sondern eher, als ob diese auf äußeren Druck hin unternommen worden sei. Den Young Fathers gab dies jedenfalls gute Gelegenheit, sich als Opfer von Meinungszensur zu inszenieren: In einer Stellungnahme, die sie auf der Internetseite Artists for Palestine veröffentlichten, beklagten sie die "falsche und unfaire" Behandlung durch die Ruhrtriennale; man habe sie dazu zwingen wollen, sich von ihren "Menschenrechtsprinzipien" zu distanzieren.

Es geht nicht um Meinungsfreiheit

Die englischsprachige Musikpresse von Billboard bis Pitchfork verbreitete diese Version ungeprüft und unkritisiert; die Redaktion der Musikseite Stereogum gratulierte der Gruppe ausdrücklich für ihre politische Standfestigkeit. Dass sich die Kritik am Verhalten der Young Fathers in Wahrheit gar nicht an einer politischen Meinung entzündet hatte, sondern an der Unterstützung einer Kampagne, die mit Menschen anderer Meinung nicht diskutiert, sondern diese bekämpft – dieses Detail wurde generell unterschlagen.

Es kam, wie es kommen musste: Die Spirale aus Boykott und Gegenboykott drehte sich weiter; der prominente BDS-Unterstützer Roger Waters rief zum Boykott der Ruhrtriennale auf, einige arabische Künstler sagten ab. Und was tat die Intendantin des Festivals, Stefanie Carp? Sie verteidigte nicht etwa ihre Entscheidung oder bekundete gar ihre Solidarität mit dem israelischen Volk oder mit den Jüdinnen und Juden, die sich auch in Deutschland wachsendem Antisemitismus ausgesetzt sehen. Sie beugte sich dem BDS-Druck und nahm ihre Entscheidung zurück. Am Donnerstag gab sie in einer Pressemitteilung bekannt, dass sie es sich anders überlegt habe und die Young Fathers nun doch wieder zu ihrem Festival einlade.

In der Begründung hieß es: "Zur Zeit werden das Programm der Ruhrtriennale und die Künstlerinnen und Künstler dieses Programmes von zwei Kampagnen unter Druck gesetzt: Die eine sagt: Künstlerinnen und Künstler, die Organisationen unterstützen, die sich gegen die derzeitige Politik der Regierung des israelischen Staates wenden und für die Rechte der Palästinenser eintreten, sind automatisch antisemitisch. Die zweite Kampagne ist die BDS-Kampagne, die sagt: Künstlerinnen und Künstler, die nicht die derzeitige Regierung des Staates Israel boykottieren, stehen automatisch im Verdacht, rassistisch bzw. Gegner der Palästinenser zu sein." Als Intendantin, so Carp, wolle sie sich gleichwohl "die Haltung herausnehmen dürfen, eine Band wie die Young Fathers einzuladen", auch wenn es für sie  "als Deutsche" schwierig sei, "mit einer Bewegung in Zusammenhang gebracht zu werden, die Israel boykottiert".

Das ist nun allerdings ein verheerender Vorgang, auch wenn der Auftritt am Freitag schließlich doch wieder abgesagt wurde. Nicht, weil die Ruhrtriennale sich zunächst dazu entschieden hat, die Young Fathers spielen zu lassen; man kann mit guten Gründen dafür plädieren, die von BDS in Gang gesetzte toxische Spirale aus Boykott und Gegenboykott zu durchbrechen. Verheerend ist, dass Stefanie Carp gleich im ersten Satz ihrer Stellungnahme die Rhetorik der BDS-Akteure übernimmt, die sich ja bei jeder Kritik ihrer Aktionsformen auf die passive Rolle des Antisemitismus-Keulen-Opfers zurückziehen.

Die Kulturministerin greift ein

Aber das ist gerade nicht der Fall. Niemand, der die Kampagnen von BDS für indiskutabel hält, setzt deswegen, wie hier behauptet, "automatisch" Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich; das unterstellt den Kritikern von BDS eine politische Blödheit, die in Wahrheit bloß die eigene ist. Man kann die Politik Benjamin Netanjahus entsetzlich finden – und dennoch der Ansicht sein, dass der Staat Israel ein Existenzrecht besitzt; dass er das Recht hat, sich gegen den Terror der Hamas zu verteidigen; dass es richtig ist, wenigstens im Feld der Kultur arabische und israelische Künstler zusammenzubringen mit dem Ziel der Verständigung und Versöhnung, wie aussichtslos das immer auch gerade erscheinen mag.

All das will BDS ausdrücklich nicht –  es geht ihren Strategen und Anhängern ja gerade nicht um jene Meinungsfreiheit, die sie hier selbstgerecht für sich reklamieren; sie wollen all jene unter Druck setzen und zum Schweigen bringen, die ihr politisches Weltbild und ihre Meinung nicht teilen; und wenn man dem entgegentritt, stellen sie sich als Opfer dar

Diese Doppelstrategie aus Aggression und Viktimisierung kennen wir aus der Politik der deutschen Rechtspopulisten mittlerweile zur Genüge – es sollte doch auch der und die Letzte jetzt mal verstanden haben, wie das funktioniert und warum man sich darauf nicht einlassen darf. Nicht so die Intendantin der Ruhrtriennale. Wenn man ihre Erklärung vom Donnerstag liest, versteht man, warum sich viele Jüdinnen und Juden in Deutschland gerade wieder sehr allein gelassen fühlen. Die jüdischen Landesverbände beschweren sich nun über Stefanie Carps "grundlegende Unwissenheit um den Begriff des Antisemitismus und Fakten des Nahostkonflikts".

Die nordrhein-westfälische Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen erklärte am Donnerstagabend, sie "bedauere" den Entschluss von Stefanie Carp, die Young Fathers nun doch auftreten zu lassen: "Die Gruppe hat in den vergangenen Tagen durch ihre Teilnahme an der BDS-Kampagne gegen die Ruhrtriennale gezeigt, dass sie offenkundig die BDS-Bewegung unterstützt, die das Existenzrecht Israels in Frage stellt und zu einem umfassenden Boykott Israels auffordert. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht akzeptabel. Es ist nicht auszuschließen, dass durch die Entscheidung die BDS-Kampagne eine Plattform auf der Ruhrtriennale erhält. Dies ist in Zeiten zunehmender antisemitischer Straftaten und anderer Vorfälle, leider auch in Nordrhein-Westfalen, ein falsches Signal."

Für diese deutliche Stellungnahme ist der Ministerin zu danken. Es müssen aber auch Konsequenzen daraus folgen. Die Young Fathers haben ihren Auftritt am Freitagabend abgesagt. Und wie wäre es mit einem Führungswechsel bei der Ruhrtriennale?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung haben wir auf eine unsichere Quelle verlinkt. Diesen Link haben wir entfernt.