Wann ist es eigentlich passiert? Wann ist der letzte Rest Schwarz aus Simon Rattles Locken gewichen? Am 7. September 2002, als er das Chefdirigentenamt bei den Berliner Philharmonikern antrat, war seine Mähne jedenfalls noch grau meliert. Resultierte der finale Farbverlust aus dem Angriff des Journalisten Axel Brüggemann, der im April 2006 behauptete, Rattle würde den traditionsreichen deutschen Klang des Orchesters zerstören, weil er ein "Globalisierer" sei, "ein Mann ohne Eigenschaften", dessen Interpretationen sich anhören "wie ein verkrampftes Anders-Machen-Wollen"?

Die Anschuldigungen lösten eine Grundsatzdebatte aus, die sich über Monate hinzog – und an deren Ende die Erkenntnis stand, dass keinesfalls ein "neuer Karajan" hermusste, der mit auratischer Unnahbarkeit und geschlossenen Augen Klassik als Religionsersatz zelebriert. Sondern dass Simon Rattle genau der Typus Künstler ist, den die Berliner Philharmoniker brauchen, um auch im 21. Jahrhundert Weltspitze zu bleiben. Und den sich die Musikerinnen und Musiker genau darum ausgesucht haben. Weil es zur DNA der basisdemokratisch organisierten Musikervereinigung gehört, sich selber permanent herauszufordern.

Darum votierte die Mehrheit gegen die Nummer-sicher-Variante mit dem allseits verehrten Daniel Barenboim und entschied sich stattdessen für den Weg ins Offene mit Sir Simon. Er riss den stilistischen Horizont der Berliner dann auch radikal auf, mit viel zeitgenössischer Musik, mit der Aufführung von Mozart-Opern, die das Orchester noch nie gespielt hatte, mit seiner Liebe zu Haydn, Janáček und Sibelius, zum französischen Impressionismus und zu den rhythmischen Raffinessen eines Igor Strawinsky.

Hier ist der Dirigent nie der Boss

Vielleicht aber war es ja auch eben jener Orchestergeist, der Rattles Haare in Berlin bald schlohweiß werden ließ. Immer wieder hat der Dirigent zwar in Interviews hervorgehoben, wie großartig es ist, dass die Philharmoniker keine Befehlsempfänger sind, sondern jede Interpretation gedanklich nachvollziehen wollen und deshalb "lieber länger proben, um herauszufinden, warum sie etwas so oder so machen sollen". Diese Geisteshaltung aber schließt eben auch die Möglichkeit ein, dass sie die vom Dirigenten vorgeschlagene Stückdeutung ablehnen.

In der aktuellen Ausgabe des Philharmoniker-Magazins beschreibt Simon Rattle den Grundkonflikt mit britischer Doppeldeutigkeit. Ja, dieses Orchester brennt – doch genau darum dürfe man ihm nicht zu nahe kommen. Lodernde Leidenschaft für die Sache, flammendes Engagement im Spiel – was Dirigenten bei anderen Ensembles oft mühevoll einfordern müssen, gehört hier zum Selbstverständnis. Aber diese Musikerinnen und Musiker sind zugleich auch Feuerquallen. Und der Dirigent ist hier folglich nie der Boss. Nicht einmal ein primus inter pares, sondern ein Sparringspartner. "Sie sind wie die Meistersinger: eine Gilde", weiß Rattle. Und ermahnt sich und seine Kollegen: "Wir sollten niemals vergessen, dass wir zu dieser Gilde nicht gehören. Wir dürfen dabei sein, wir dürfen teilhaben."

Herbert von Karajan habe ihm das übrigens bestätigt. Selbst für den maestro assoluto war es in den ersten Jahren mit den Philharmonikern unglaublich schwer, "das Orchester dazu zu bringen, irgendetwas anders zu machen", erzählt Sir Simon gerne. Um sofort hinzuzufügen: "Wenn es aber funktioniert, dann passiert Außergewöhnliches."

Die Glücksabende in der Ära Rattle

Und es gab in der Ära Rattle einige solcher Glücksabende. Das ausgelassene, fröhliche Silvesterkonzert mit Bernsteins Wonderful-Town-Musical gehört dazu, eine zündende Carmina Burana, Holsts Planeten, bereichert um Neukompositionen, viele Abende mit Werken von Robert Schumann, den Rattle spät für sich entdeckte, außerdem Karlheinz Stockhausens Gruppen im Hangar des Flughafens Tempelhof und nicht zuletzt Wagners Parsifal bei den diesjährigen Osterfestspielen in Baden-Baden.

Schaut man in die Statistik, überrascht es einen, dass bei den meistgespielten Werken der Philharmoniker unter Rattles Leitung Brahms' 2. Sinfonie an erster Stelle steht, mit 34 Aufführungen, gefolgt von Beethovens Neunter mit 26 Aufführungen. Beide Komponisten tauchen auch auf den weiteren Top-10-Plätzen wiederholt auf. Was an der enormen Tourneetätigkeit der Philharmoniker liegt. Im Ausland wollen die Veranstalter von dem Spitzenorchester eben am liebsten die Klassiker des nationalen Kernrepertoires hören. Auch wenn sich Rattle lange mit Brahms schwergetan hat, auch wenn er mit seinen Beethoven-Interpretationen nicht wirklich Neuland betrat.