Wie immer war der Plan, die Hip-Hop-Welt auf den Kopf zu stellen. Dafür ist Kanye West schließlich da. Nicht jedes der sieben Alben, die er zwischen 2004 und 2016 veröffentlichte, gilt heute als unangreifbares Meisterwerk, aber alle Platten des Rappers und Produzenten aus Chicago haben Sound und Selbstverständnis der Popmusik eine Zeit lang geprägt. West machte autogetuneten Schmuddel-R-'n'-B, als noch niemand The Weeknd kannte. Er lockte Hip-Hop ins Stadion und war, als die Konkurrenz dort ankam, längst unterwegs Richtung Berghain. Vor zwei Jahren veröffentlichte er The Life of Pablo, ein ewig unfertiges Album für die Generation Spotify. Möglich, dass West noch heute in freien Minuten daran herumdoktert.

Nicht, dass es zuletzt viele freie Minuten gegeben hätte. Der Lebensmittelpunkt des Großkünstlers lag im vergangenen Jahr in Wyoming, dem US-Bundesstaat mit der geringsten Bevölkerungsdichte und den wenigsten Ablenkungsmöglichkeiten. Zwischen Steppe und Skiressort produzierte West fünf Alben, die in den vergangenen fünf Wochen erschienen sind: eins für sich selbst, eins mit dem Erbauungsmusiker Kid Cudi sowie jeweils eins für den Drogendeal-Rapper Pusha T, den Verschwörungstheoretiker und Impfgegner Nas sowie die Soulsängerin Teyana Taylor. Geile Truppe! Als alle ihre Platten veröffentlicht hatten, stand die Hip-Hop-Welt tatsächlich Kopf. Nur hatte das leider gar nichts mit West zu tun.

Das alles überschattende Ereignis der jüngeren Rap-Vergangenheit ist die Ermordung von XXXTentacion am 18. Juni in Deerfield Beach in Florida. Im Alter von 20 Jahren wurde der Rapper und Sänger, der eigentlich Jahseh Onfroy heißt, auf dem Parkplatz eines Motorradhauses erschossen. Bewaffneter Raubüberfall. Sein Werk und Leben stehen seitdem einmal mehr im Fokus kontrovers geführter Diskussionen. Indirekt geht es dabei auch um den aktuellen Beschädigungsgrad der Karriere von Kanye West.

Die Karriere von Onfroy nahm Fahrt auf, als der Künstler vor knapp zwei Jahren eine Haftstrafe wegen verletzter Bewährungsauflagen absaß. Während sein Song Look At Me! durch die Decke ging, erfuhr die Öffentlichkeit von einem weiteren Verfahren gegen Onfroy: Seine schwangere Ex-Freundin warf ihm gefährliche Körperverletzung, häusliche Gewalt und Freiheitsberaubung vor. Hinzu kam eine Anklage wegen Zeugenmanipulation. Onfroy bestritt alle Vorwürfe. In seiner Musik stilisierte er sich als Opfer übel gesinnter Frauen und Konkurrenten sowie eines Werdegangs, der schon im Kindesalter durch Isolation und Gewalt geprägt wurde.

Ungefilterte Gefühlsausbrüche

Seinen Erfolg schmälerten die Vorwürfe nicht. Während das Pop-Feuilleton und der kritischere Teil der Rap-Presse noch über die Möglichkeit einer Trennung von Künstler und Werk sinnierten, beantworteten Onfroys Fans diese Frage mit hundertmillionenfachen Streams für sich. Das Debütalbum von XXXTentacion erreichte im Sommer 2017 Platz zwei der US-Charts, sein Nachfolger ? im vergangenen März die Spitzenposition. Mit rauen, auf absolute Authentizität gebürsteten Songs traf Onfroy einen Nerv bei seinem überwiegend jungen Publikum. Immerhin daran gab es nichts zu diskutieren.

Zwischen erregt gezupften Emo-Gitarren, verzerrten Grunge-Akkorden und New-Metal-Gebrüll kommt in der Musik von XXXTentacion alles zum Einsatz, was sich in den vergangenen 30 Jahren als musikalischer Anzeiger männlicher Verzweiflungstaten bewährt hat. Onfroy verehrte Nirvana, Papa Roach und Coldplay. Die Neigung dieser Bands zum scheinbar ungefilterten Gefühlsausbruch überführte er in moderne Rap-Produktionen. Hinzu kamen der Reiz des Verbotenen und pathetische Gesten der Verbrüderung, mit denen Onfroy seine Fans auf bessere Zeiten einschwor.