Das Ende, so unvermeidbar es uns allen droht, kommt doch oft überraschend. Ganz gleich, wie lange sich der Tod angekündigt hatte, ganz gleich, wie langwierig das Sterben verlief. Vor allem, wenn die Hinterbliebenen merken, dass gerade die halbe Verwandtschaft von ihnen gegangen ist: die uralte Oma, die freche Schwester, der ulkige Onkel, die süße Tochter, der vorlaute Neffe, die verrückte Tante, der verzogene Sohn. All dies nämlich war Viva.

Viwas? mögen Teenager jetzt fragen, für die das lineare Fernsehen nur noch eine Erzählung der Alten ist. Dabei wäre ohne Viva, den besten, peinlichsten, wichtigsten, dümmsten, unersetzbarsten Musiksender der hiesigen Popkultur, vieles, was täglich, stündlich, nanosekündlich auf eure Smartphones poppt, kaum denkbar, liebe Kinder. Dass der Sender nach jahrelanger Agonie im Alter von 25 Jahren tatsächlich eingestellt worden ist, dürfte Millennials mehr tangieren, als sie zunächst denken.

Als Viva am 1. Dezember 1993 on air geht, ist der Titel des Premierenvideos gewiss nicht zufällig gewählt: Du bist zu geil für diese Welt! heißt der Song von den Fantastischen Vier, damals selbst noch Teil der Zielgruppe um die 20. MTV, die Mutter aller Musikkanäle ist zu diesem Zeitpunkt zwar schon ein gutes Jahrzehnt auf Sendung; doch während dort die Nachwendejugend nur auf Englisch beliefert wird, ist die Verkehrssprache im Mietstudio Köln-Ossendorf Deutsch. Und was für eins!

Schlüsselfertige Sendungskonzepte gibt es bei Viva nicht, von Drehbüchern ganz zu schweigen. Als Mola Adebisi, Heike Makatsch, Nils Bokelberg, Aleksandra Bechtel und ein gewisser Stefan Raab vor der Alterskohorte Ecstasy ihr, hüstel, Programm improvisieren, herrscht bei den Shareholdern der Bertelsmann AG vermutlich blankes Entsetzen. Zumindest bis sie die Einschaltquote erblicken und, mehr noch, das Echo im Tal der Heranwachsenden mit noch formbaren Musik-, Klamotten- und Energydrink-Geschmack. Obwohl Viva ein renditeorientiertes Unternehmen im wachsenden Boom-Segment Lifestyle ist, bietet es seinem Publikum eine Orientierung wie kein anderer TV-Kanal.

Mit so einem Hemd konnte man in den Neunzigern noch Karriere machen. Stefan Raab im Juni 1995. Seine Sendung hieß übrigens "Vivasion". © Public Address/ullstein bild

Viva trifft nicht nur den Tonfall seiner Ära, Viva prägt ihn. Und als 1995 der Ableger Viva 2 fürs elaboriertere, ja alternative Kunstverständnis auf Sendung geht, findet sogar die Rockboheme der Hamburger Schule zweidimensionales Asyl. Leider wird das Programm rasch so zugemüllt, dass selbst hart gesottene Fans abschalten.

So wichtig das Musikfernsehen für die Jugendkultur ist, so sehr es dem RapRythm'n'BluesPop zur Hegemonie im Plattenregal verhilft, so wild die erste Generation Sorglos zum Sound saftiger Videos in Heavy Rotation feiert – als Collien Fernandes 2003 die Ringtone Charts moderiert und der MTV-Eigner Viacom bald darauf den Mitbewerber übernimmt, ist der ewige Rave beendet. Musik verkommt bei MTViva zur Werbeumfeldbegleitung. Mit Datingshows, Reality-Dünnpfiff und Oliver Pocher versucht der neue Besitzer eine Kundschaft zu erreichen, die längst zu Facebook und YouTube abgewandert ist.

Na, gleich erkannt? Charlotte Roche im April 2000 im Viva-Studio in Köln-Ossendorf © teutopress/imago

Wenn die Alten jetzt also von Viva sprechen, ist das auch die Erzählung der Neunzigerjahre, als alles so schön bunt war und Bauchfrei kein Zitat, sondern modern. Eine Zeit, als Fernsehen noch die Kraft zur Meinungsbildung hatte. Tatsächlich gehören einige Stars der ersten Stunden heute zum TV-Establishment: Matthias Opdenhövel ist der Schlaumeier des Sportfernsehens, Jessica Schwarz die Quotendiva des Primetimemelodrams, Charlotte Roche die Vintagequeen des Spartenprogramms und Klaas Heufer-Umlauf nicht weniger als die Hoffnung des Mediums überhaupt.

Nach Loveparade und Eurodance, Myspace, MTV und zuletzt dem Mittzwanzigerblatt Neon scheint der Hedonismus dieses seltsamen Jahrzehnts namens Neunziger also endgültig beerdigt zu werden. Über Tote soll man nicht schlecht reden. Machen wir auch nicht. Viva hat der Welt viel gegeben – und sei es nur Stefan Raabs Mandolinen-Spiel. Rest in Rave, liebes Viva.