Sehnend und klagend und dann doch verzagend. So ging es mir immer mit Richard Wagner. Wie wird man Wagnerianerin? Ich wüsste das gern. Es klappt nicht. Ich höre seine Opernvorspiele und das reicht mir. Die Dosis macht das Gift: Sollte man sich wirklich vier Stunden am Stück überwältigen lassen? Wie hält man das aus, vor allem wenn man möglicherweise doch auf den Text achtet? Ich spüre diesen Widerwillen, mich dem Ganzen zu ergeben, doch das muss man schon können als Wagneranhängerin: sich souverän und willentlich hingeben.

Ich vermute, es ist mit Wagner wie mit Karneval. Entweder man steckt da schon immer drin oder man kommt nicht mehr rein. Wagnerfans berichten von Erweckungserlebnissen in frühester Jugend. Sie wurden irgendwie verzaubert und verhext, verliebten sich in die Musik oder wurden verliebt. Es sind heftige Erfahrungen, die sie dann ein Leben lang nicht mehr loslassen, sie auf den Hügel treiben, wo sie einen Rausch erleben, der jedes menschliche Gefühl hervorrufen, erklären und verklären kann.

Bayreuth - Angela Merkel besucht Richard-Wagner-Festspiele Die Bundeskanzlerin hat Urlaub. Und besucht, wie in jedem Jahr, die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Zum Auftakt wird die Oper Lohengrin gespielt. © Foto: Matthias Balk/dpa

Der Musiklehrer meiner Jugend liebte Bach und hasste Wagner. Er ließ uns den Tristan-Akkord zu Tode analysieren, verschwieg die Erotik und behauptete, mit diesen Harmonien sei die Musikgeschichte an ihr Ende gekommen, weshalb wir uns danach nur noch mit Jazz beschäftigten.

Wie soll ich dagegen jetzt ankommen? Kann ich mich auf Kommando verlieben? Ich werde diesen Sommer nach Bayreuth fahren. War auch schon mal für einen Abend in drei Akten dort, aber das endete im Delirium. Dazu muss man sagen: Delirium und Rausch sind nicht das Gleiche. Der Rausch ist wenigstens währenddessen angenehm, das Delirium nicht. Es war Überforderung statt Überwältigung. Ich habe das auf meine mangelhafte Vorbereitung zurückgeführt. Das soll mir diesmal nicht passieren.

Wenn ich demnächst Tristan und Isolde sehe, will ich zu den Verzückten gehören. Nie habe ich mich getraut, die Oper ganz durchzuhören, aus Angst, sie könnte mir nicht gefallen. Aber jetzt muss ich schleunigst ins Tristan-Trainingslager, Kondition aufbauen, die Nerven hervorpräparieren, die später gereizt werden sollen. Man darf von einer mündigen Zuschauerin erwarten, dass sie sich vorbereitet. Je mehr man weiß, desto mehr wird man hören und folglich auch erleben. Oder nicht?

Erster Versuch: Eiskaffee mit Libretto im Schatten. Textsicherheit kann in Bayreuth nur von Vorteil sein. Wagner hatte wirklich Glück, dass sich "Holde" auf "Isolde" reimt. Mit "wähnen" und "Brangäne" ist es schon nicht mehr ganz so einfach, das ficht ihn aber nicht an, er hängt Brangäne einfach so oft es geht ein N an. Die Genitive sind ganz von Sinnen. Und nicht nur die Brangäne sagt: "Tristan, mein Herre, / was höhnst du mich? / Dünkt dich nicht deutlich / die tör'ge Magd, / hör meiner Herrin Wort! / So hieß sie sollt' ich sagen: - / befehlen ließ' / dem Eigenholde / Furcht der Herrin  / sie, Isolde." Das ist Syntax auf Drogen. Die Wörter sind schon high, ich bin’s noch nicht. Wie bei einer Party, zu der man zu spät kommt: die anderen betrunken, man selbst stocknüchtern. 

Mit manchen von Wagners Versen ist es, als läse man Latein oder Mittelhochdeutsch: Man weiß zwar, was alle Wörter einzeln für sich genommen bedeuten, hat auch das Verb erfolgreich isoliert, aber ein Sinnzusammenhang will sich nicht einstellen. Die Sprache ist eine poetische, exotische und höchst artifizielle Mischung aus Mittelalter und 19. Jahrhundert mit Hang zur Übertreibung. Durchaus komisch manchmal, was Wagner so bestimmt nicht gewollt hat. Manches erscheint mir schlicht ungrammatisch. Die Binnenreime sind toll, aber ich bin weder gebannt noch entbrannt. Im Weg ist mir der Verstand.