Sehnend und klagend und dann doch verzagend. So ging es mir immer mit Richard Wagner. Wie wird man Wagnerianerin? Ich wüsste das gern. Es klappt nicht. Ich höre seine Opernvorspiele und das reicht mir. Die Dosis macht das Gift: Sollte man sich wirklich vier Stunden am Stück überwältigen lassen? Wie hält man das aus, vor allem wenn man möglicherweise doch auf den Text achtet? Ich spüre diesen Widerwillen, mich dem Ganzen zu ergeben, doch das muss man schon können als Wagneranhängerin: sich souverän und willentlich hingeben.

Ich vermute, es ist mit Wagner wie mit Karneval. Entweder man steckt da schon immer drin oder man kommt nicht mehr rein. Wagnerfans berichten von Erweckungserlebnissen in frühester Jugend. Sie wurden irgendwie verzaubert und verhext, verliebten sich in die Musik oder wurden verliebt. Es sind heftige Erfahrungen, die sie dann ein Leben lang nicht mehr loslassen, sie auf den Hügel treiben, wo sie einen Rausch erleben, der jedes menschliche Gefühl hervorrufen, erklären und verklären kann.

Der Musiklehrer meiner Jugend liebte Bach und hasste Wagner. Er ließ uns den Tristan-Akkord zu Tode analysieren, verschwieg die Erotik und behauptete, mit diesen Harmonien sei die Musikgeschichte an ihr Ende gekommen, weshalb wir uns danach nur noch mit Jazz beschäftigten.

Wie soll ich dagegen jetzt ankommen? Kann ich mich auf Kommando verlieben? Ich werde diesen Sommer nach Bayreuth fahren. War auch schon mal für einen Abend in drei Akten dort, aber das endete im Delirium. Dazu muss man sagen: Delirium und Rausch sind nicht das Gleiche. Der Rausch ist wenigstens währenddessen angenehm, das Delirium nicht. Es war Überforderung statt Überwältigung. Ich habe das auf meine mangelhafte Vorbereitung zurückgeführt. Das soll mir diesmal nicht passieren.

Wenn ich demnächst Tristan und Isolde sehe, will ich zu den Verzückten gehören. Nie habe ich mich getraut, die Oper ganz durchzuhören, aus Angst, sie könnte mir nicht gefallen. Aber jetzt muss ich schleunigst ins Tristan-Trainingslager, Kondition aufbauen, die Nerven hervorpräparieren, die später gereizt werden sollen. Man darf von einer mündigen Zuschauerin erwarten, dass sie sich vorbereitet. Je mehr man weiß, desto mehr wird man hören und folglich auch erleben. Oder nicht?

Erster Versuch: Eiskaffee mit Libretto im Schatten. Textsicherheit kann in Bayreuth nur von Vorteil sein. Wagner hatte wirklich Glück, dass sich "Holde" auf "Isolde" reimt. Mit "wähnen" und "Brangäne" ist es schon nicht mehr ganz so einfach, das ficht ihn aber nicht an, er hängt Brangäne einfach so oft es geht ein N an. Die Genitive sind ganz von Sinnen. Und nicht nur die Brangäne sagt: "Tristan, mein Herre, / was höhnst du mich? / Dünkt dich nicht deutlich / die tör'ge Magd, / hör meiner Herrin Wort! / So hieß sie sollt' ich sagen: - / befehlen ließ' / dem Eigenholde / Furcht der Herrin  / sie, Isolde." Das ist Syntax auf Drogen. Die Wörter sind schon high, ich bin’s noch nicht. Wie bei einer Party, zu der man zu spät kommt: die anderen betrunken, man selbst stocknüchtern. 

Mit manchen von Wagners Versen ist es, als läse man Latein oder Mittelhochdeutsch: Man weiß zwar, was alle Wörter einzeln für sich genommen bedeuten, hat auch das Verb erfolgreich isoliert, aber ein Sinnzusammenhang will sich nicht einstellen. Die Sprache ist eine poetische, exotische und höchst artifizielle Mischung aus Mittelalter und 19. Jahrhundert mit Hang zur Übertreibung. Durchaus komisch manchmal, was Wagner so bestimmt nicht gewollt hat. Manches erscheint mir schlicht ungrammatisch. Die Binnenreime sind toll, aber ich bin weder gebannt noch entbrannt. Im Weg ist mir der Verstand.

Wenn man aufhört, alles zu hinterfragen

Wahre Hingabe: Tristan und Isolde auf einem Gemälde des Spaniers Rogelio de Egusquiza (1910)

An Wagner am meisten beeindruckt hat mich immer, wie Thomas Mann über ihn gedichtet hat. Zu einer Stelle im Tristan schrieb er in seiner gleichnamigen Erzählung, es handele sich um einen "Aufstieg der Violinen, der höher ist als alle Vernunft". Den will ich hören!

Zweiter Versuch: Ein Ausflug in die Sphäre, in der Wagner wild gewirkt hat, ins Bürgertum. Wie begeistert man Ende des 19. Jahrhunderts von seinen Werken war, lässt sich an den Straßenschildern in Berlin-Nikolassee ablesen: Lohengrinstraße, Nibelungenstraße, Nymphenufer. Im Villenviertel treffen sich Tristan- und Isoldestraße im rechten Winkel. So haben sich auch die Liebenden getroffen: Er ist der Mörder ihres Verlobten, muss sich aber leider aufgrund komplizierter Umstände von Isolde gesund pflegen lassen, sie macht es, obwohl sie in Tristan den Mörder erkennt.

Sie verlieben sich ineinander, laufen vor der Erkenntnis aber davon, bis sie einen Liebestrank zu sich nehmen, von dem Isolde denkt, es sei ein Todestrank. Anstatt des letzten Lebenshauchs also gewaltiges Entbrennen füreinander zu einem Zeitpunkt, da Isolde bereits Tristans Herrn, König Marke, versprochen ist.

Das Erstaunliche an dieser Liebestragödie aber ist, dass beide selbst den Tod wollen, die immerwährende Nacht, weil sie dort auf eine Vereinigung in Ewigkeit hoffen, mit der die Vereinigungen, die sich einem Liebespaar auf der Welt bieten, nicht mithalten können. In die Welt des Bürgertums brach damals diese nachtromantische Oper krachend ein, und das tut sie noch heute. Wer selbst die Ehe und die Ordnung liebt, darf durch den Tristan einen Blick in die erotische Anarchie werfen. 

Ertrinken-versinken im Nikolassee?

Das Wagnerviertel in Nikolassee ist jedenfalls maximal aufgeräumt. Die Katzen schauen so misstrauisch wie die Gärtner. Die Zäune sind hoch, die Häuser schön. Stauffenberg wohnte hier. Entgegen meines Plans, mit dem Tristan auf dem Kopfhörer durch das Wagnerviertel zu spazieren, verbringe ich die zehn Minuten des Vorspiels an der Kreuzung stehend. Ob sich in der Villa vor mir irgendwelche Dramen abspielen? Bürgerliche Trauerspiele, unglückliche Ehen, eigentümliche Exzesse hinter schweren Vorhängen.

Ich überspringe (schon wieder!) ungeduldig den ersten Akt. Am Nikolassee will ich jetzt zum ersten Mal im Leben das Duett hören, bei dem Tristan und Isolde höhepunktmäßig wegschmelzen. Es läuft "O sink hernieder, Nacht der Liebe". Also die Böschung hinunter, ans Ufer. "Achtung, Einbruchsgefahr!" warnt ein Schild. Ertrinken-versinken im Nikolassee? Etwas stimmt nicht. Es riecht sehr übel. Der See liegt starr, sieht aus wie nach einem Angriff mit biologischen Waffen, eine zähe Apokalypse in Giftgrün, aus der morsche Äste ragen. Es ist schwül und heiß. Hier lebt nichts mehr.

Plötzlich strömt die Musik unaufhaltsam in einen Vereinigungsausbruch der beiden Liebenden. Ist das jetzt der Aufstieg der Violinen? Die Verse sind immer noch rätselhaft – "heil’ger Dämm’rung hehres Ahnen / löscht des Wähnens Graus welterlösend aus" –, aber ich will sie gar nicht mehr verstehen. Meinetwegen könnten sie jetzt auch das Alphabet singen. Das muss diese Überwältigung sein. Die ganze bizarre Szenerie scheint mir jetzt ein gelungenes Tristan-Bühnenbild abzugeben. Hier herrscht die Vergiftung. Es hätte schön sein können, doch der See hat sich an der Romantik verschluckt. Ich höre fasziniert den zweiten Akt. In einer Generalpause fällt mir ein Blatt auf die Schulter. Ich erschrecke mich furchtbar und ergreife die Flucht.

Die Böschung erklommen, dem See entronnen: Allein wegen dieses Duetts muss ich nach Bayreuth! An den Ort für verirrte Bürger. Vielleicht ist der Tristan für einen Wagnerneuling genau das Richtige. Der Stoff ist zu bewältigen, das Personaltableau ist klein, Götter, Schwäne und Gralsritter müssen draußen bleiben, vorausgesetzt wird wenig, es entwickelt sich bloß eine fatale Romanze. Das ist anschlussfähig. Das muss man auch gar nicht nachvollziehen können, nachempfinden reicht. Vielleicht wird man Wagnerianerin, wenn man aufhört, alles zu hinterfragen. Das, glaube ich, ist Hingabe.