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The Internet: Hive Mind (Columbia)

Der Name der Band The Internet geht auf einen Witzen des Mitglieds Syd zurück ("Woher komme ich? Aus dem Internet!"). Aber die Veröffentlichung ihres vierten Albums fühlte sich doch eher nach Neuland an: Als die Band es via Twitter verbreiten wollte, vergaß sie den Link und setzte stattdessen nur ein kontextloses "Enjoy" ab. Oder war das vielleicht doch ein Statement: Qualität braucht keine Klicks?


Wenn es ein The-Internet-Gefühl gibt, dann besteht es nicht aus verkühlter Entfremdung, blühender Verliebtheit, verschwitzten Bedroom-Vibes oder dekadentem Absturz – auch wenn die Band all diese Schattierungen und Sounds beherrscht. Es ist eher das bodenständigere Gefühl, Leuten zuzuhören, die wissen, was sie tun. Die Musik machen können, die einen umschließt, ohne einzuengen. Ihre Werkzeuge kommen aus dem Soul, den sie ohne Retro-Besessenheit und mit einem Ohr in der Zukunft spielen. Durch das Album zieht sich ein Isleys-Groove, der gleiche, mit dem schon Ice Cube seinen good day gepriesen hat. Aber aus solchen Bezügen machen The Internet kein Museumsstück, sondern organische Musik. Sie setzen mit Beschwörungen queeren Verlangens gleichzeitig Akzente, die sie eindeutig im Jahr 2018 verankern. Ego Death hieß ihr letzes Album, Hive Mind, Schwarmintelligenz, heißt ihr neues. Was zunächst nach Digitalapokalypse oder Robotererlösung klingt, wird hier zum simplen humanistischen Versprechen. Nicht das Internet, die Welt ist ihre Heimat.




© Urban

Lary: Hart Fragil (Urban)

Angenehm großspurig verkündete die Gelsenkirchnerin Lary mit ihrem Debüt 2014 gleich eine neue Ära, die FutureDeutscheWelle. Dass die Welle ausblieb, hatte weniger mit Lary selbst als mit fehlender Rückendeckung zu tun: Modernen R'n'B über Selbstzerstörung und Sex auf Deutsch zu machen, traut sich vielleicht sonst niemand. Lary schon, und sie geht auch auf Hart Fragil ihren Weg zwischen Instagram-Depression und Uber-Melancholie.


Die Inspirationen kommen aus überraschenden Richtungen, wie zum Beispiel die Adaption von Schreib es mir in den Sand von der DDR-Größe Frank Schöbel. Dessen Original Gyöngyhajú lány der ungarischen Prog-Band Omega hat Kanye West schon auf Yeezus gesampled, aber Lary ist hier ausnahmsweise mal nicht an Zerfall interessiert, sondern an Tradition. Sie sucht große Gesten im deutschen Pop und nimmt, was sie findet, auch auf die Gefahr hin, in platten Kitsches abzugleiten, mit dem Schlagerradio kompatibel zu sein.


Mal spricht Lary zu wenig aus, geht nicht weit genug, mal sagt sie zu viel, wie im arg gesellschaftskritischen Medizin. Dafür entgeht sie den Drake-Klischees und lässt in den besten Moment richtiges Kaputtsein durchklingen. Überzeugend schlägt sie die Brücke zwischen Sehnsucht und Verlangen. Und wenn das Songmaterial sie im Stich lässt, dann kann sie immer noch singen. Nicht unbedingt eine neue Welle, aber immerhin ein Fluss.



© Caroline

UxI (Iggy Pop & Underworld): Tea Time Dub Encounters (Caroline)

Iggy Pop ist für seinen nicht immer weisen Lebenswandel bekannt – und damit ist seine musikalische Karriere gemeint. Vor dem Album Post Pop Depression mit Josh Homme präsentierte er zwei Alben voller französischer Chansons, Jazzstandards und Beatles-Songs.


Im Vergleich dazu ist eine Zusammenarbeit mit den walisischen Elektro-Veteranen Underworld fast schon erwartbar. Der Kultfilm Trainspotting, an dessen Anfang Iggy Pops Lust For Life und Ende Born Slippy von Underworld standen, brachte die beiden zusammen. Das Ergebnis sind vier wenigstens der Länge nach recht epische Songs.

Eigentlich sind es aber eher gut gelaunte Skizzen, auf denen Iggy sich an die gute alte Zeit erinnert, als er noch zugekokst im Flugzeug rauchen und mit Stewardessen schäkern konnte. Nur zwischendurch schlägt die Apokalypse durch, und im Finale I'm Trapped ist dann sogar wirklich etwas von der alten manischen "Komm doch her, Gevatter Tod"-Energie der Stooges zu spüren. Iggy, der letzte Mensch auf der Erde, der sie alle überlebt: Vielleicht ist UxI der Beginn seiner American Recordings.




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Buddy: Harlan & Alondra (RCA)

Kendrick Lamar hat seiner Heimat Compton zu einem zweiten musikalischen Frühling verholfen, aber, so ist zu befürchten, seinen Nachfolgern die Freiheit verbaut: Wer jung ist, aus L.A. stammt und Hip-Hop macht, wird schnell in die Kendrick-Schublade gesteckt und soll gefälligst genauso moralisch eindringlich und technisch versiert sein.


Der Rapper Buddy nimmt die Herausforderung an. Seine Verwurzelung in Compton und L.A. allgemein zeigen schon die Titel seiner bisherigen EPs, die alle nach Straßen benannt sind. Sein Debütalbum verweist nun auf sein Geburtshaus, das Cover ist ein Foto seiner Familie, darunter sein Vater, der den Sohn früh an Gospel herangeführt hat. Trotz dieser familiären Grundierung ist Buddys Album kein typisches "Coming of Age"-Narrativ. Wir erleben ihn als gewachsenen Künstler, der seine Stärken kennt und weiß, was er will: über sein Leben rappen und daraus "Sonnenschein" machen.


Buddy ist nicht unernst, aber trotzdem mehr auf Unterhaltung bedacht und dabei bodenständiger als Kendrick Lamar. Religiöse Allegorien oder Dekonstruktion gibt es bei ihm nicht. Er hat dafür seine eigenen Tugenden. Nirgends werden sie so deutlich wie in Trouble On Central über eine Autofahrt, auf der alltäglicher Ennui mit Frust über das große Ganze verbunden wird, und das auch noch in Form eines Jams. Große Hip-Hop-Kunst also.