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Dirty Projectors: Lamp Lit Prose (Domino/GoodToGo)

Was bedeutet es für die Rockmusik, wenn selbst ihre besten Leute inzwischen lieber Rap- und R'n'B-Platten aufnehmen? David Longstreth galt lange als Allzweckwaffe einer kunstverständigen New Yorker Gitarrenszene um Bands wie Grizzly Bear, TV On The Radio und seine eigenen Dirty Projectors. Er kann Chöre und Orchester originell arrangieren und so Gitarre spielen, dass es nicht nach Männerschweiß riecht. Schon 2009 aber, zu einer Zeit, als Beyoncé und Jay-Z plötzlich auf Konzerten von Grizzly Bear (und, okay, Coldplay) auftauchten, navigierte Longstreth seine Band weg vom Rocksong. In Stillness Is The Move, ihrem bis heute besten Stück, klangen Dirty Projectors wie eine Androidenversion von Mariah Carey.

Seitdem sind drei weitere Alben erschienen, mit denen Dirty Projectors aufgrund persönlicher und künstlerischer Turbulenzen immer mehr zum Soloprojekt von Longstreth wurden. Lamp Lit Prose ist das neuste davon und zeigt seinen Schöpfer gut erholt. Beseelt von neuer Lebensfreude und Potenz rattert er durch zehn vergnügte Soul- und Art-Pop-Songs, in denen er die Zweisamkeit zum Allheilmittel aller Gegenwartskrankheiten stilisiert. Mit hochgestochenem Vokabular und gekonnten Genre-Schlenkern versucht Longstreth noch, über die Einfältigkeit dieses Konzepts hinwegzutäuschen. Lamp Lit Prose bleibt jedoch seine erste Platte, die man sich etwas schlauer gewünscht hätte.

 

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Deafheaven: Ordinary Corrupt Human Love (Anti/Indigo)

Je nach Blickwinkel sind Deafheaven die beste Metal-Band der Welt oder überhaupt keine richtige Metal-Band. Die genreferne Presse verehrt die fünf Männer aus Los Angeles für ihre gar nicht mal originelle, aber schlüssige Mischung aus Tagträumerei und Nervenzusammenbruch. In der sogenannten Szene gibt es aber auch Untergrüppchen, die Deafheaven nicht über den Weg trauen. Meinen die das ernst mit ihrem gefühlsbetonten Weitwinkel-Sound, der eher nach Kathedralenkonzerten als nach angezündeten Kirchen schreit? Oder sind das vielleicht Hipster, womöglich sogar verkappte Baristas?

Deafheaven selbst geben vor, sich nicht um solche Fragen zu scheren, halten die Diskussion aber durch gezielte Provokationen am Laufen. Müssen die sich wirklich so betont normal anziehen? Und braucht der Sänger echt diesen süßen Hund, den er regelmäßig auf Instagram zur Schau stellt? Das vierte Album von Deafheaven heißt Ordinary Corrupt Human Love und weiß auch keine Antwort. Die Band bleibt bei ihrer Formel, zieht die Theatermomente aber noch theatralischer auf als bisher. Wut und Wahnsinn sprechen trotzdem nicht aus ihrer Musik. Dafür haben sich Deafheaven viel zu kuschelig eingerichtet in ihrer vermeintlichen Außenseiterrolle.

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Lotic: Power (Tri Angle/Cargo)

Es gibt den Weg des geringsten Widerstandes, und es gibt den Weg von Lotic. Die aus Houston stammende, in Berlin lebende Musikerin produziert Tracks, mit denen man jeden Club der Welt abreißen könnte, echte, unwiderstehliche banger – aber das reicht ihr nicht. Meistens muss es noch irgendeinen Fehler im System dieser Tracks geben, einen Beat, der unnötig eckig erscheint, einen Bass, der merkwürdig zerbröselt. An ihrem Debütalbum hat Lotic drei Jahre lang gearbeitet, bis es auf die richtige Weise falsch klang.

Power ist ihre Empowerment-Platte, eine Machtdemonstration zwischen Polyrhythmik, Abrissbirnen-Drums, neu entdecktem Gesangstalent und scheinbaren Durchatmepassagen, die man vor fünf Jahren noch Witch House genannt hätte. Als schwarze Transfrau bewegt sich Lotic mit dieser Musik in einem überwiegend weißen, heterosexuell geprägten Umfeld und thematisiert die Feindseligkeit und Exotisierung, denen sie dabei begegnet. Darüber wird Power jedoch nicht zur Sammlung elektronischer Klagelieder. Gerade weil es körperbetont, angriffslustig und sogar humorvoll bleibt, ist dieses Album eine kleine Sensation.

 

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Collections Of Colonies Of Bees: Hawaii (Polyvinyl/Cargo)

Jetzt noch was für die Mathefraktion. Collections Of Colonies Of Bees sind die Frickelmeister von Wisconsin. Seit 20 Jahren bricht sich die momentan fünfköpfige Band einen ab an Instrumenten, Effekten und komplizierten Taktmaßen. Sie stammt aus einer Zeit, in der Post-Rock noch die Suche nach Ausdrucksformen abseits von Strophe-Refrain-Strophe bedeutete, nicht das in die Länge ziehen von Songs, die von vornherein zu lang waren. Ihr Karrierehighlight: zwei Alben mit Justin Vernon unter dem Namen Volcano Choir. An der Seite des Bon-Iver-Schmachtgotts erfanden Collections Of Colonies Of Bees eine Form von Soft-Rock, zu der auch Baumrindenlecker und Ahornsiruptrinker ihre Hirschkühe in den Schlaf wiegen konnten.

Hawaii ist das erste Album der Band nach vierjähriger Pause und außerdem ihr erstes mit Gesang: Marielle Allschwang schickt ihre Stimme durch ein eigens dafür gebautes Effektpedal, das zugleich mit der Gitarre des Bandleaders Chris Rosenau verbunden ist und erstaunliche Verschmelzungen von Mensch und Maschine ermöglicht. Klingt stressig, geht aber einher mit einer Öffnung Richtung Pop, die in den schwächeren Momenten von Hawaii allzu gefällig erscheint. Niemand braucht schließlich eine musikalische Wohlfühltapete, die das weite, unbewohnte Land von Wisconsin zeigt.