Drake hat die SMS nicht bekommen. Das ist seit jeher sein größter Albtraum, davon handelt praktisch sein ganzes Werk. Und jetzt ist der Albtraum wahr geworden. Alle anderen Rapper, die derzeit etwas bedeuten, haben sich darauf verständigt, dass Rap-Alben im Jahr 2018 kurz sein müssen. Kanye, Bey, Jay, Pusha, Nas: fertig mit ihren jüngsten Platten in maximal 35 Minuten. Doch nun erscheint das neue Drake-Album Scorpion, und es ist lang. 90 Minuten, 25 Songs, zwei CDs, für Leute, die noch CDs kaufen. Wie gesagt: Drake hat die SMS nicht bekommen.

Bisher waren Probleme mit der Kommunikation vor allem bezeichnend für das stets komplizierte, meist verkorkste Liebeslieben von Aubrey Drake Graham aus Toronto. Er war der Typ, der erst die Nummer einer tollen Frau abstaubte und dann im Freudentaumel sein Handy in den Ontariosee warf. Eine gewisse Trotteligkeit machte ihn liebenswert, allen Erfolgen und Eroberungen zum Trotz. Drake ist nicht cool, nie gewesen, wird es nie sein. Auch die vergangenen drei Jahre, in denen sich der einstige Soap-Schauspieler mehrere Kilo Muskelmasse und einen mürrischen Blick antrainierte, konnten daran nichts ändern. Drake hat das selbst gemerkt. Zuletzt klang seine Musik genervt von Gott und der Welt.

Scorpion ist der Konter zu dieser Entwicklung, das ultimative Drake-Album von Drake. Alles, was den Künstler ausmacht, wird hier ausgespielt: sein Feingefühl für Melodien und Romantik, sein Egoismus und Selbstmitleid, sein noch immer neureich anmutendes Geprolle, seine wundervolle Tendenz zu Schnöseligkeit und kleinkarierten Bemerkungen. Gleich im ersten Song meißelt sich Drake eine eigene Version des Mount Rushmore herbei: viermal er selbst, verewigt mit vier verschiedenen Gesichtsausdrücken. Unnötig zu erwähnen, dass noch nie ein Album so oft an seinem Erscheinungstag gestreamt wurde wie Scorpion.

Obwohl es paradox erscheint, diesen Satz über ein derart uferloses Projekt zu schreiben: Scorpion ist auch die Platte, mit der Drake einen Gang zurückschaltet. Noch auf dem Vorgänger More Life gab er 2017 den Großkolonialisten des Pop, pflügte durch britischen Grime, jamaikanischen Dancehall und südafrikanische House-Musik, ohne sich sonderlich für korrekte Credits oder die Wurzeln dieser Stile zu interessieren. Es waren vor allem weiße Kulturkritiker, die dieses Vorgehen monierten – Menschen also, von denen sich Drake verständlicherweise gar nichts sagen lässt. Trotzdem hat er für Scorpion einen anderen Ansatz gewählt.

Das Album erscheint unterteilt in zwei Hälften, die sich auf Drakes Kerngeschäft konzentrieren: eine Rap-Platte für den Club und eine R'n'B-Platte für nach dem Club. Natürlich sind beide exzellent produziert, natürlich erschlägt einen die Materialmenge trotzdem, und natürlich ist auch die überfordernde Wirkung von Scorpion Teil des Plans. Drake behauptet sich als größter Rapper der Welt, indem er sein Publikum gar nicht erst auf andere Gedanken kommen lässt. Zigtausend Worte fallen auf seinem neuen Album. Man könnte sie zusammenfassen mit: Drake, Drake, Drake.