© Sonar Kollektiv

Jazzanova: The Pool (Sonar Kollektiv)

Der Terminkalender war stets voll mit DJ-Auftritten, Remixaufträgen, Radioshows, Livetourneen und Labelarbeit. Das Berliner Produzentenkollektiv Jazzanova rund um Alex Barck, Jürgen von Knoblauch, Claas Brieler, Axel Reinemer und Stefan Leisering findet erst jetzt, zehn Jahre nach dem letzten Studioalbum, Zeit für ein neues. Auf The Pool öffnen sich die vielschichtigen Songstrukturen für verschiedenartigste Gesangsfeatures, nicht unähnlich dem Debüt In Between von 2002. Doch statt Nu- und Latin-Jazz bilden dieses Mal Neo-Soul und Pop die grobe Klammer. Eine federnde Balance zwischen Sampling und Handgespieltem von Klavier, Vibrafon, Posaune, Flügelhorn und Gitarre trägt die Gastsänger und stürzt sie zugleich in Paradigmenwechsel. Der treibende Rap des US-Amerikaners Oddisee lässt sich widerspruchslos von schaukelnden Chill-Wave-Loops weichzeichnen, während KPTN unvermutet mit Yachtrock-Schmelz durch den Hip-Hop surft. Der Brite Jamie Cullum, einst der DiCaprio unter den Nachwuchsjazzern, trägt die konzeptalbumreife Schmachtballade Let's Live Well bei. Charlotte OC behauptet sich gegen gnomige Synthieverzerrungen und Noah Slee aus Neuseeland kitzelt den Parliament-Funk heraus. Dabei führt das umfängliche Musikwissen des seit mehr als 20 Jahren bestehenden Kollektivs selten zum Overkill: Stilimplosionen, Genreausbrüche, technische Effekte, Sommergefühle – alles locker im Lot bei Jazzanova.

 

 

© Hyperdub

Okzharp & Manthe Ribane: Closer Apart (Hyperdub)

Es weht ein frischer Wind aus Südafrikas Dance- und Modesubkulturen herüber, wenn der DJ und Produzent Gervase Gordon alias Okzharp (phonetisch: okay sharp) und die Tänzerin, Designerin und Sängerin Manthe Ribane sich zusammentun. Ihr kongenialer Partner für die visuelle Umsetzung ist der Fotograf und Filmemacher Chris Saunders. Ihre Musik basiert auf dem mit Grime und Footwork entfernt verwandten Gqom, doch schon bei den ersten EPs offenbarte sich der kreative Zauber, den Ribane auf den metallischen Durban-House des in London und beim Hyperdub-Label ansässigen Okzharp ausübt. Die Johannesburgerin, als Model auf dem Cover der südafrikanischen Elle abgelichtet, wuchs mit Jazz, Klassik und Gospel auf und bezeichnet sich als sehr leise Person. Auf Closer Apart folgen Tracks wie Tide, Treasure Erasure, Time Machine, Why U In My Way und das Gänsehaut erzeugende W U @ diesen Spuren. Mit sanfter Nachdenklichkeit erschüttert Ribane die scheppernde apokalyptische Maschinenmusik aus den Townships und entlockt ihr introspektive Tiefe. Passend zu den Lyrics erzählen lang nachhallende Keyboardmelodien und in traumtänzerischer Leichtigkeit aufgelöste Beats von Momenten der Nähe (closer) auf Reisen (apart). Die aus der Zeit gefallene Flughafenatmosphäre in Paris, Wien und Mailand zerfließt zu Musik zwischen den Orten.

 

© Gutfeeling/Morr Music

G.Rag y los Hermanos Patchekos: How Sweet The Sound (Gutfeeling/Broken Silence)

Auch auf den Namen hereingefallen? Diese elf Compañeros und Compañeras sind im doppelten Wortsinn Bazis, Schlingel aus Bayern. G.Rag y los Hermanos Patchekos gibt es seit 1999, bekannt wurden sie mit Filmmusik für die Polizeiserie München 7. Jetzt präsentiert die Beinahe-Big-Band, bestehend aus fünf Bläsern, Rhythmussektion, Gitarren, Akkordeon und einem Crooner, erfrischend straßenstaubigen Trash-Folk. Nennen wir es DIY. Oder einfach Punk. Obwohl es nach Tex-Mex, Cumbia und vor allem Cajun-Musik klingt, dem Einwanderer-R'n'B der US-Südstaatenfranzosen. Doch mit münchnerischer Bärbeißigkeit verbummelt die lahmarschige Tuba in Lamento Lois den Country-Twostep. Festlegen will man sich sowieso nicht, die Cumbia wird ins Café Kairo nach Bern verlegt und der Jazz mit Sun Ras Rocket No. 9 in den Outer Space geschossen. G.Rag y los Hermanos Patchekos haben Spaß an dislozierter Kaputtheit. Shabby ohne Chic und dafür mit Herz. Wo der Weltfolklore die Wurzelfäule droht, lassen sie spät blühenden Unsinn fröhlich sprießen. Passt schon, dass auf ihrem eigenen Label Gutfeeling eine andere Gruppe Analstahl heißt.

 

© Heavenly Recordings/PIAS

77:78 – Jellies (Heavenly Recordings/PIAS)

Und weil es gerade so schön ist mit dem Sommer und der Tex-Mex-Sause, noch einen Nachschlag im hippieesken Gewand. Aaron Fletcher und Tim Parkin, ehemalig The Bees, nennen ihr neues Projekt 77:78. Auf Originalität legen die zwei Briten von der Isle of Wight mit ihrem Debüt Jellies allerdings kaum Wert, im Song Chilli pflügen sie munter durch fetten Südstaatenrock. Der ist ebenso wenig identitätsstiftend wie die lose eingestreuten Mariachi-Hörner und Gueros an anderer Stelle. Ein bisschen Ween hier, etwas Moody Blues dort – die Redundanz ist Absicht, und am Ende gewinnen die fluffigen West-Coast-Harmonien und der in Keyboardseifenblasen abstürzende Beach-Boys-Gesang. Das Konzept der lässigen Unambitioniertheit geht auf, mögen auch weirdness und Genialität eines Avey Tare fehlen. Der Pop-Appeal von If I'm Anything und der lockere Groove von Love Said (Let's Go) machen Stimmung, und beim Unterwassertrompetenhall in Pour It Out kommt das Glücksgrinsen wie im LSD-Rausch.