Der König und sein Biest – Seite 1

Er war elf, als ihn DAS BIEST ergriff. Heute ist er 60 und dessen Stimme. King Crimsons Sänger Jakko Jakszyk wuchs in Watford auf, nördlich von London. Sein älterer Freund besaß die LP Nice Enough To Eat, einen Sampler mit angesagten britischen Bands: Traffic, Mott The Hoople, Spooky Tooth … Der Junge Jakko lauschte und wurde erschüttert, von King Crimson. Ein brutales Riff, schrillgitarrig wiederholt. Trümmernde Drums, Schreie durchs Megaphon: "Blood rack barbed wire / Politicians' funeral pyre / Innocents raped with napalm fire / Twenty first century schizoid man."

"Unerhört", sagt Jakszyk. "Aufregend, aggressiv, mysteriös. I was hooked. Ich nahm mein Taschengeld, lief zum Plattenladen und kaufte die einzige King-Crimson-Platte, die sie hatten."

"Welche?"

"In The Wake Of Poseidon. Mit 13 hörte ich King Crimson dann erstmals live. Ich dachte: Das soll dein Leben sein. Später, als Musiker, schien mir das der naive Traum eines romantischen Teenagers. Aber selbst aus dieser Perspektive veränderte die Band mein Leben. Jetzt lebe ich gewissermaßen im Kindheitstraum, und mein Schwiegervater ist der Ex-Crimson-Drummer Michael Giles."

Wir reden in einem Berliner Hotel. Für drei Tage residieren King Crimson in der Stadt, kurz nach den Rolling Stones. Crimson und die Stones, das ist der größtmögliche Kontrast klassischer Rockmusik. Die Jagger-Combo reproduziert seit einem halben Jahrhundert ihr populäres Repertoire, stets vor maximaler Volksversammlung. Ins Olympiastadion strömten 67.000 Fans. King Crimson spielen im Admiralspalast, dreimal, für jeweils 1.725 Menschen, die man nicht Fanvolk nennen mag. Crimheads sind Einzelgänger, Pilger des klingenden Grals. Der Hochmeister ihres Ordens, der Gitarrist Robert Fripp, gilt als größter Sonderling des Rock. Sein früherer Drummer Bill Bruford nannte ihn ein Amalgam aus Stalin, Gandhi und Marquis de Sade. Wir werden ihm noch begegnen.

"Jakko, heute ragt King Crimson als single rock heraus. Zur Gründerzeit gab es etliche peer groups, die Kunst erschaffen und keinesfalls amerikanisch klingen wollten."

"Ja", sagt Jakszyk, "ich liebte auch Gentle Giant, Henry Cow, Genesis mit Peter Gabriel. Yes fand ich ein bisschen kommerziell."

Zwischen 1969 und 1974 veröffentlichte Robert Fripps Ensemble, vom Bandleader nur DAS BIEST genannt, sieben epochale Alben. Das Cover des King-Crimson-Erstlings wurde zur Ikone: ein Angstgesicht in Rot und Blau, Mund und Augen panisch aufgerissen. King Crimsons folgende Epen In The Wake Of Poseidon und Lizard steigerten die juvenile Melancholie. Mit Islands begann der Existenzialismus. Larks' Tongues in Aspic oszillierte zwischen Stille und Schrei. Starless and Bible Black klang wie eine sorgenschwer durchwachte Nacht. Zum Opus magnum wurde Red: ein Monolith aus schwelgender Schönheit und brachial gefrästen Riffs. King Crimson thronten auf dem Gipfel des Rock-Ruhms. Fripp wollte nicht thronen. Er stürzte DAS BIEST. King Crimson seien over for ever and ever.

Wenig später war auch die Kunstrock-Ära vorbei. Die Punks verhöhnten Virtuosität und Opulenz, die schnittigen New Waver ironisierten jegliche Romantik. Doch verblüffenderweise gebar die Neuzeit abermals King Crimson. Fripp wurde nicht Opfer, sondern Avantgardist des New Wave.

"Robert Fripp", sagt Jakko Jakszyk, "hat das Neue akzeptiert – nicht aus kommerziellen Gründen, sondern musikalisch. Als 1981 Discipline erschien, fand ich die Platte faszinierend. Allerdings war das für mich nicht King Crimson, obwohl die Band hieß, wie die alte."

"Aber wie konnte Fripp sein Vorleben amputieren? Nightwatch, Epitaph, The Letters … Die innigsten Songs der Rockgeschichte: verklungen, begraben."

"Vielleicht war das nicht bloß Roberts Entscheidung", sagt Jakszyk. "Möglicherweise gab es da jemanden, der kein fremdes Erbe singen wollte, sondern eigene Musik spielen."

Fortan waren King Crimson keine englische Band. Mit dem Sänger und Gitarristen Adrian Belew, dem Drummer Pat Mastelotto, den Bassisten Tony Levin und Trey Gunn – allesamt Amerikaner – kreierte Fripp artifizielle Klangwelten, die sich immer weniger als Rock kategorisieren ließen. King Crimson spielten noise und minimal music, sie verwoben afrikanische Polyrhythmik mit den kleinteiligen Repetitionen des indonesischen Gamelans. Zudem betrieb und veröffentlichte Fripp kaum überschaubare Mengen von Seitenprojekten. Dieses King-Crimson-Kapitel endete 2008. Der König demissionierte abermals.

Man erschrickt, wie pur man einst fühlen konnte

Seit 2014 regiert er wieder, von Paris bis Mexiko-City, von Tokio bis Pompeji – nun in Berlin. Man betritt den Admiralspalast. Gongs und Glocken läuten willkommen. Von der Bühne drohen Fripps weltweit gefürchtete Gebotstafeln: keine Fotos, keine Konservierungselektronik, sonst ... You might be asked to leave. Jetzt instruiert des Meisters Stimme, vom Band: "Let's have a party!" Augen und Ohren möge man öffnen, völlig frei für den Moment. Es werde eine Pause geben, zwischen Teil eins und Teil zwei des Konzerts. "Welcome again from King Crimson and have a good time. Yeah!"

Es dunkelt. Sie ziehen ein: vier Engländer, vier Amerikaner. Vorn an der Rampe platzieren sich die Schlagzeuger Pat Mastelotto, Jeremy Stacey und Gavin Harrison und trommeln furig The Hellhounds of Krim. Auf der Traverse darüber bläst in einem Plexiglasgehäuse Mel Collins, der nach nur vier Jahrzehnten in die Band zurückfand, samt Saxofon und Flöte. Collins ist 70, zwei Jahre jünger als der Bassist Tony Levin. Im Zentrum melotroniert Bill Rieflin (früher REM) King Crimsons elegischen Signatursound. Auf Jakko Jakszyks Gitarre prangt Barry Godbers panischer Mann. Dieses Geschichtsbekenntnis entspricht Fripps aktuellem Diktum: The music is new whenever it was written. Jakszyk singt King Crimsons Klassik gotisch klar, stimmlich zwischen den toten Protagonisten John Wetton und Greg Lake: Moonchild, Cadence and Cascade, Cirkus, Epitaph, endlich Islands, bestürzend schön. Man erschrickt, wie pur man einst fühlen konnte: "Earth, stream and tree, encircled by sea / Waves sweep the sand from my island / My sunsets fade, field and glade / Wait only for rain, grain after grain / Love erodes my high weathered walls (...) / Violet skies touch my island, touch me."

Robert Fripp? Sitzt stoisch auf seinem Hocker, ein Buchhalter mit Kopfhörern und Gitarre. Fripps Spiel ist ohne Pose und Dekor, orchestral integriert, doch jederzeit Leitmotiv. Dieser Musiker liebt und bekämpft die Elegie; er duldet weder monothematische Gefühle noch endgültige Zustände. Fripp erzeugt brüllende Wälle, perkussive Puzzles und süchtige Schleifen. Er treibt DAS BIEST durch Rhythmuslabyrinthe und schwermetallische Gewölbe, bis er nach drei Stunden ganz zart Starless intoniert, den Schwanensang. Danach kann nichts mehr kommen, heute. Aber morgen wieder. Und übermorgen.

"Robert Fripp ist glücklich mit dieser Band", sagt anderntags Tony Levin, der Bassist. "Robert lächelt viel mehr als in den Achtziger-, Neunzigerjahren."

Als Fripp ihn 1981 rekrutierte, war Levin mit King Crimsons klassischer Existenz nur höchst ungefähr vertraut. Er fühle aber nicht englisch oder amerikanisch, er denke nicht in Genres, sondern als Bassist. Es gebe ein King-Crimson-Ethos: Man hat sich zu fordern. Man ist nie fertig, man muss immer ans Limit in dieser hochkomplexen Band.

"Wir haben derzeit 45 Stücke aus allen Perioden im Repertoire", sagt Jakko Jakszyk. "Für Robert schließt sich ein Kreis. Er reklamiert sein Gesamtwerk mit dieser Formation. Man weiß allerdings nie, wie lange er sie behält."

"Ist Fripp ein Diktator?"

"Ich kenne die alten Geschichten: Pedanterie, Perfektionismus, endlose Proben. Ich erlebe keinen Diktator, aber Robert mag nicht, wenn ich gut über ihn spreche. Er sagt, das ruiniert seine Reputation."

Jakszyk erklärt noch, warum die Tour Uncertain Times heißt: weil die Zeiten unsicher sind. Trump, der Brexit-Schock, ekelhafter Rassismus seither, ganz offen. "Ich bin in London geboren, als Kind irischer Eltern", sagt Jakszyk. "Ich wurde adoptiert, mein Name klingt polnisch, Gleich nach dem Brexit-Votum bekam ich Massen von Hassmails. Tenor: We won, you lost, why don't you fuck off home? Wir hatten gehofft, so was wäre für immer überwunden."

Jakszyk verabschiedet sich. Im Hotel-Foyer erscheint ein kleiner Herr, in Begleitung eines großen. Der große ist der Schlagzeuger Pat Mastelotto, der andere Robert Fripp.

"Sir …"

Unverzügliche Abkehr: "No, thank you!"

"Sir, darf ich wenigstens um ein Autogramm ersuchen?"

"No, thank you!" Eilschritt Richtung Lift.

Mastelotto lächelt bedauernd, winkt dem Reporter und folgt seinem unberührbaren Meister. Schon sind sie entschwebt.

Selbst das war schön.

Am 16. und 17. Juli 2018 spielen King Crimson in der Münchner Philharmonie. Gerade erschienen: "Live in Vienna" (3CDs).