© Ed Banger

Justice – Woman Worldwide (Ed Banger)

Big Beat, das war doch diese Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lange durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen Neunziger, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei zu sein. Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip "Alles auf einmal mit viel Bass und Trash" funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean-Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.



© Joyful Noise

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht die traurigste Abteilung des Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat in Konzerten das heimische Chicago bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Field Recordings, die oft hinten und vorn nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll schaffen auch keine Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.



© PIAS

BC Camplight – Deportation Blues (Pias)

In der Popmusik sollte man Liedtexte nicht überbewerten. Falls darin von Liebe, Leid, dem Leben die Rede ist, geht es meist weniger um Liebe, Leid, das Leben als um die annehmbare Begleitung netter Melodien. Bei BC Camplight indes lohnt sich ein Blick zwischen die Zeilen ihrer zweiten Platte. Scheinbar ein strukturloses Soundsammelsurium, würfelt Deportation Blues acht Jahrzehnte wild durcheinander: von Swing über New Romantic und Progrock bis zum modernen Synthiepop. Wenn Brian Cristinzio dazu jedoch schmuseweich "Welcome a stranger in your world" fleht und sodann fragt, wo seine Fröhlichkeit geblieben sei, wenn er fragend Am I Dead? titelt oder feststellend I'm Desperate, wenn selbst Sehnsuchtsgewäsch im Kreise disharmonischer Drones seltsam existenziell klingt, dann vertont das sehr bewusst die Biografie eines depressiven US-Italieners mit Hang zur Drogensucht, der kurz vorm Brexit aus England verwiesen wurde und seither zwischen einer ganzen Reihe halber Heimaten herumirrt. All das macht Deportation Blues zum Konzeptalbum der inneren Zerrüttung, das mal wie ein Tinnitus klingt, mal wie Bryan Ferry auf Ritalin, doch stets betörend und originell.



© Chimperator Productions

Teesy – Tones (Chimperator Productions)

Wenig ist deprimierender als vergeudetes Potenzial. Von dem muss Toni Mudrack, der als 15-Jähriger vom Fußball zum Rappen gewechselt ist, gleich tonnenweise gehabt haben. Unter dem Namen Teesy entwickelte sein Hip-Hop jedenfalls bald darauf eine Art Flow, der im besten Sinne an die ganz Großen deutscher Sprache erinnert. Freundeskreis zum Beispiel, Fünf Sterne Deluxe und abzüglich der politischen Relevanz sogar Advanced Chemistry. Irgendwer allerdings muss dem Ostberliner mal eingeflüstert haben, dass ein wenig Seife im Sprechgesang verkaufsfördernd wirkt. Viele seiner angenehm räudigen Raps klingen daher auch auf der dritten Platte Tones, als hätten sie zu lange im Schaumbad gelegen. Egal ob in lässigem Old School wie Like oder dem mobbigen Renaissance: Vom notorischen Autotune verklebt, kämpft sein nostalgisches Vor-sich-hin-Labern über alles und nichts gegen den Fluch der Gefälligkeit an. Schade, Toni, hätte schön werden können mit uns.



© BMG

Alice In Chains – Rainier Fog (BMG)

Noch deprimierender als vergeudetes Potenzial ist vergangenes Potenzial. Wie sehr es aufs Gemüt drückt, lässt sich gut beobachten, wenn gereifte Musiker den alten Lorbeer von früher aufkochen. Alice In Chains waren einst auch deshalb eine der maßgeblichen Grungebands, weil sie mit viel Stoner im Blut die Ära des Alternative Metal geprägt haben, Markenzeichen: fett mal breit mal tief verzerrte Gitarrenriffs. Und ein paar davon drischt das Gründungsmitglied Jerry Cantrell auch beim dritten Comeback seit dem selbstbetitelten Nummer-eins-Album von 1995 ins Heute – und alles klingt wie immer. Und immer. Und immer. Abgesehen vom Ersatz des verstorbenen Sängers Layne Staley hört sich Rainier Fog an, als seien Ziegenbärte noch in Mode und Gitarrensoli irgendwie cool. Identische Tempi, Melodien, Texte und nicht die winzigste Auffrischung, geschweige denn Gadgets vom Rechner oder andere Rockinstrumente als die üblichen drei plus Stimme. Selbst für harte Fans gibt es eigentlich nur einen Grund, das sechste Album zu hören: Die ersten fünf sind kaputt, vergriffen oder in einer alten WG geblieben, unterm selben Stapel wie das liebste Flanellhemd von damals, als AIC noch wichtig waren.