Viele große Soulsängerinnen und Soulsänger sind gestorben in den vergangenen Jahren. Allen Toussaint, Percy Sledge, Ben E. King, Bobby Womack, Bobby Bland, Jimmy Ruffin, Sharon Jones … Sie alle waren begnadete Künstlerinnen, Songwriter, Musikerinnen. Die Soulgemeinde trauerte, die Feuilletons brachten einen Nachruf.

Der Tod von Aretha Franklin ist etwas anderes.

Die Anteilnahme an ihrem Sterbebett war gleichsam im Liveticker zu verfolgen. Die Artikel, die Bildergalerien und Songlisten, die seit vergangenem Montag im Stundentakt online gingen oder gedruckt wurden, lasen sich wie Nachrufe, noch bevor die Todesnachricht kam. Als müsse man schon rechtzeitig anheben, um dem Ereignis die nötige Bühne zu bereiten.

Kurz vor Aretha Franklins Tod rief man noch einmal alle Superlative zum Geleit: 75 Millionen verkaufte Tonträger; die erste Frau, die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde (1987); drei Auftritte bei Inaugurationsfeiern (Carter, Clinton, Obama), "die beste Sängerin aller Zeiten" (Rolling Stone); die wichtigste, die größte Stimme des Soul (fünf Oktaven), eine Naturgewalt. Das ist alles richtig. Und erklärt nichts.

Soul ist kein Hochleistungssport wie das Musikbusiness. Er ist auch nicht einfach ein Metier, das man als Queen "beherrscht". Aretha Franklin war als Soulsängerin denn auch nicht einfach das entscheidende bisschen besser, raffinierter, größer als andere. Zumindest nicht immer. Manch anderer, manch andere sang ebenso ergreifend. Und es gab sicherlich Künstlerinnen und Künstler, die origineller waren in ihrem Schaffen und revolutionärer in den Neuerungen, die sie anstießen. Aretha Franklin aber verkörperte den Soul wie kaum jemand vor oder nach ihr. Und das nicht nur in dem Sinne, dass jeder, der das Wort schon einmal gehört hat, ihren Namen kennt, auch wenn ihm die eingangs genannten Toten nicht einmal entfernt etwas sagen. Nein, sie war diese Musik, und in gewisser Hinsicht ist sie am Donnerstagnachmittag so wenig gestorben wie der Soul selbst.

Eine Seherin

"Soul", sagte sie vor einigen Jahren in einem Interview, "ist eine Qualität, die sich einerseits auf herausragende vokale Fähigkeiten bezieht, andererseits bezeichnet sie auch einen spirituellen Zustand". Das klingt nicht halb so eingängig wie ihre Songs und zugleich so selbstverständlich, dass man darüber hinweglesen könnte. Soul, so lässt sich ihr Satz verstehen, ist kein Musikgenre, sondern eine Frage des Ausdrucks. Und man hat ihn nicht einfach so und schon gar nicht jederzeit: Spirituelle Erhebung kann kein Dauerzustand sein.

Aretha Franklin lebte nach ihrer Definition von Soul. Genregrenzen scherten sie nicht. Die Seele, die in ihrer Stimme wohnte – schon die alten Griechen vermuteten dort ihren Sitz –, lieh sie nicht nur R'n'B-Songs, sondern auch Jazzstandards, Pop- und Musical-Melodien. Und sie kannte die spirituelle Entrückung, die sie über sich selbst hinaushob, genauso wie Depression und Lethargie, privat wie künstlerisch.

In seinem Standardwerk zur Soul-Geschichte Sweet Soul Music zitiert Peter Guralnick den Musikkritiker Russell Gersten, der meinte, es gebe "erdgebundene" Künstler, die den Kopf oben halten und immer geradeaus schauen: "Sie schauen, planen, organisieren und ihre Arbeiten sind klug, vernünftig, gut durchdacht und manchmal sogar großartig." Aretha sei nicht so. Sie gehöre zu denen, die eine Straße entlang gehen, den Kopf gesenkt halten und ihren Gedanken und Tagträumen nachhängen – bis sie plötzlich den Drang verspürten, "den Kopf zu heben, und mit einigen wenigen Seitenblicken nehmen sie die Dinge in ihrem Blickfeld auf". Diese Gruppe von Künstlern, schreibt Gersten, sieht, auch wenn ihr Werk mitunter konfus sei.

Tatsächlich kann man nicht verschweigen, dass Aretha Franklins Diskografie Tiefen kennt und Mittelmaß. "Ich habe Aretha im Verlauf der Jahre verschiedene Male gesehen", schreibt Guralnick, "und immer wanderte sie auf dem schmalen Grat zwischen Pflicht und Potenzial". Nie habe man wissen können, wann die Inspiration über sie kam. "Wann" wohlgemerkt, nicht "ob". Und in diesen Momenten, in denen sie sah, gab es kein Halten. Momente seelenvoller Höhenflüge finden sich bei ihr selbst dort, wo man sie nicht mehr erwartet hat: Wer etwa ihre 1986er Arista-Single mit der grellen Coverversion von Jumpin' Jack Flash noch nie umgedreht hat, sollte dies spätestens jetzt tun. Der Titel des Songs, der sich auf der B-Seite verbirgt, sagt eigentlich alles: Integrity.