Devonté Hynes hasst Popmusik. Das sagt er genauso oft, wie er neue Pophits schreibt. Der gelernte Cellist versteht sich als Seelenverwandter solcher Avantgardekomponisten wie Arthur Russell und Julius Eastman. Bekannt gemacht haben ihn jedoch Kollaborationen mit Nelly Furtado, Florence Welch, Haim, Kylie Minogue und zahlreichen anderen Musikerinnen, die eher Mehrzweckhalle als Konzertsaal sind. Seine eigenen Songs, die Hynes unter dem Künstlernamen Blood Orange veröffentlicht, leben von dieser scheinbaren Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der britische Wahl-New-Yorker macht Popmusik, die in der Arbeit gegen sich selbst aufgeht.

Das vierte Album von Blood Orange heißt Negro Swan und enthält die bisher luftigsten Lieder in Hynes’ Repertoire, aber auch die steilsten Thesen. Die Platte klingt, als wollte sie behaupten: Prince war immer dann am besten, wenn er seine Band mit kurzen Soli erschreckte; nicht der Großstadt-Thriller Living For The City ist Stevie Wonders größter Song, sondern die Schlonz-Ballade I Just Called To Say I Love You; Janet war schon in den Achtzigern wertvoller als Michael Jackson; Mac DeMarco ist ein Gitarrengott; und sogar Puff Daddy will einfach nur geliebt werden. Wäre Negro Swan das erste Album der Welt mit eingebauter Kommentarspaltenfunktion, dann flögen jetzt ganz schön die Fetzen.

Als Jugendlicher war Hynes nicht der begabteste Fußballspieler seines Londoner Heimatstadtteils Dagenham, aber der mit den schönsten Fingernägeln. Erst hatte er regelmäßig mit bullies, gewalttätigen Klassenkameraden und anderen Rudelbildern zu tun. Dann wurde er selbst ein ziemlich guter Poptroll und entwickelte Strategien, um gängige Anforderungen an verschiedene Musikstile zu unterlaufen. Hynes' erste Band hieß Test Icicles und spielte eine Art Hardcore im Häschenkostüm. Unter dem Pseudonym Lightspeed Champion folgte eine Mischung aus Folk-Projekt und Performancekunst: einerseits aufrichtig niedergeschlagen, andererseits Parodie von Gefühlsvolumen und -echtheit typischer Folk-Projekte. Anschließend zog Hynes nach New York und erklärte die Geschmacksverirrung zur Kunstform.

Stumpf programmierte Drumcomputer prägten den Sound der ersten Aufnahmen von Blood Orange, hühnerbrüstige Keyboards und Falsettgesänge, plötzliche Gitarren-, Saxofon- oder Blaswandler-Soli. Hynes ließ kaum ein Achtzigerklischee aus und bewies schnell, welch ernsthafte, empathische Musik sich unter diesen neu geschaffenen Voraussetzungen komponieren ließ. Sein Blood-Orange-Debüt Coastal Grooves zollte vor sieben Jahren der Ballroom Culture von Manhattan Tribut. New York und seine Außenseiter inspirierten ihn zu pop- und stadthistorisch topinformierten Songs, die er später mit zunehmend persönlich geprägten Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen verband.

Das Album Freetown Sound markierte im Juni 2016 den bis heute gültigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Es verband homoerotische Bearbeitungen der Schriften des spätantiken Theologen Augustinus von Hippo mit dem Schicksal der südafrikanischen Kirchengründerin Nontetha Nkwenkwe, aufgewühlte afroamerikanische Spoken-Word-Poesie mit Textsamples von Ta-Nehisi Coates, feministische Botschaften mit sinnlichen Protestsongs, Funk mit R-'n'-B, Jazz, Rap und Folk. Ein Dutzend Instrumente spielte Hynes selbst, zwei Dutzend Mitmusiker dirigierte er. Freetown Sound wollte jedoch weniger Meisterwerk als Mixtape sein: so vielseitig wie sprunghaft, mit angemessener Achtlosigkeit aus der Hüfte geschlenzt.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung der Platte erschoss in Orlando in Florida ein Attentäter 49 Menschen im queeren Nachtclub Pulse. Die Katastrophe gab den Rezeptionsrahmen für Freetown Sound vor und hallt noch heute in der Musik von Hynes nach. Sein neues Album Negro Swan beginnt er mit einem Stück namens Orlando, das die Erinnerung an das Attentat neben Verweise auf einen gleichnamigen Roman von Virginia Woolf stellt. Ein Großschriftsteller erfährt darin eine mysteriöse Geschlechtsumwandlung und erlebt Jahrhunderte männlich-heterosexuell geprägter Literaturgeschichte noch einmal aus neuem Blickwinkel. Das Thema und seine Behandlung sind klassischer Blood-Orange-Stoff.

Ungewohnt konkret beschreibt Orlando auch Hynes' eigene Erfahrungen mit Gewalt und Feindseligkeit als schwarzer, sexuell nicht festgelegter Teenager in London. Bevor man all das bemerkt, hat der Song einen jedoch längst mit seinem federleichten Groove um den Finger gewickelt. Das bisher härteste Stück von Blood Orange ist auch das softeste: Marvin Gaye spricht zu uns aus einer Tüte warmer Aufbackbrötchen, Prince erscheint als Hologramm auf einer Blümchentischdecke, die Musikgeschichte heilt sich selbst. Auf Negro Swan folgen 15 Versuche eines Neuanfangs.

Mehr noch als Freetown Sound kuratiert die Platte zwischen Sprachsamples, musikalischen Referenzen und stilistischer Vielfalt ein Panorama der afroamerikanischen Kulturen und Lebenserfahrungen. Dazu gehören der spielerische Umgang mit den eingangs erwähnten steilen Thesen, aber auch eine Reihe von Gastauftritten, die vermeintlich Allgemeingültiges hinterfragen. Ausgerechnet der immer für unantastbar gehaltene Puff Daddy hinterlässt Hynes einen verletzlichen Voicemail-Monolog. Später ist der eitle Rap-Gockel A$AP Rocky erstmals so sexy, wie er sich selbst findet. Und gleich darauf erklingt in Holy Will ein Gospel der manipulierten Tonbänder und verstimmten Gitarrensaiten.

Der Gastmusiker Ian Isiah singt darin so diszipliniert und anmutig, dass man an einen Balletttänzer denken muss, der seinen Körper mit leichtfüßiger Anspannung in die schönsten Formen verbiegt. Hynes selbst hat die nobelste aller Tanzformen vor einigen Jahren für sich entdeckt und verweist mit dem Titel seines neuen Albums nicht zuletzt auf Darren Aronofskys Ballettfilm Black Swan. Noch so ein scheinbarer Widerspruch im Werk des Musikers, der sich als völlig logisch erweist. Devonté Hynes hasst Popmusik und gehört zu ihren besten Akteuren. Warum also sollte Negro Swan kein Ballett sein, zu dem man weinen, schreien und wild herumknutschen kann?

"Negro Swan" von Blood Orange ist erschienen bei Domino/GoodToGo.