Britney Spears klettert auf Tänzerrücken herum. Sie betatscht Tänzerärsche und weicht Tänzerbeinen aus, wechselt von einem Domina-Outfit ins nächste, steigt Treppen hoch und runter, dreht sich nach vorn, dreht sich nach hinten, bückt sich und steht wieder da: kerzengerade, ungerührt. Seit 2011 hat der größte Popstar der Jahrtausendwende kein Konzert mehr in Deutschland gegeben. Seit gestern Abend kann man sagen: Das Warten geht weiter. Spears ist zwar aufgetreten in der größten Halle Berlins, ihre Show war jedoch weniger Konzert als öffentliche Kalorienverbrennung. Die Sängerin verweigerte nicht nur den Livegesang, sondern auch eine halbwegs glaubwürdige Simulation davon. Leider sollte es ihre einzige große Trotzgeste bleiben.

Schon lange schreibt Spears ihre Karriere in solch unregelmäßig erscheinenden Kapiteln fort, dass sie jedes neue Ereignis problemlos als Comeback inszenieren kann. Das gilt auch für ihre aktuelle Tour unter dem Namen Piece of Me, die noch bis Ende Oktober durch 21 nordamerikanische und europäische Städte führt, obwohl keiner der sonst üblichen Anlässe besteht. Kein neues Album, keine neue Scheidung – beinahe verzweifelt bewirbt Spears den jüngsten Aufguss ihrer Parfümserie auf allen verfügbaren Großleinwänden.

13.200 Zuschauer sind laut Veranstalter trotzdem gekommen. Vornehmlich erwachsene Frauen und Männer, die vereinzelt das tragen, was sich Pornofilmemacher unter Schulmädchenuniformen vorstellen. Ein Superfan hat sich eine Plastikschlange um den Körper gewickelt und sticht damit viele andere Superfans aus, die es bei Mützen und T-Shirts mit der Aufschrift "Work Bitch" belassen haben. Der prägende Slogan des zweiten Karrierejahrzehnts von Britney Spears klingt nach einer beidseitig klebenden Imagekampagne mit Ivanka Trump. In jüngerer Vergangenheit hat er jedoch ein erstaunliches Eigenleben als quasi-feministischer Schlachtruf entwickelt.

Vor dem Nervenzusammenbruch und danach

Es war ein langer Weg bis dorthin. Als Britney Spears vor 20 Jahren ihre erste Single Baby One More Time veröffentlichte, kultivierte die damals 16-Jährige das Bild eines keuschen Vorzeigemädchens kurz vor der sexuellen Erweckung. Im Rückblick erscheinen der Song und das zugehörige Video vergleichsweise zahm – wenig passiert darin, was das öffentlich-rechtlich sozialisierte Publikum in Deutschland nicht schon aus dem Tele-Gym kannte. Trotzdem ließe sich Spears’ unbedarfter Umgang mit Lolita-Symbolik und anderen Fantasiestarthilfen für ältere Männer heute nicht mehr ohne Weiteres bringen. 

Die ersten Popstarjahre des Teenagers aus Louisiana waren geprägt von unterwürfigen Treueschwurliedern und ebenso unterwürfigen Sexverheißungsliedern, die den Höhepunkt ihrer kinkiness im Jahr 2001 mit I’m A Slave 4 U erreichten. Im Fall dieser grandiosen Neptunes-Produktion gilt ebenfalls: Was damals ein Hit war, wäre heute ein Hit inklusive Shitstorm. Beim Konzert in Berlin frühstückt Spears solche Höhepunkte ihres Frühwerks als pflichtbewusstes Medley mit tiefergelegten Kunststoffgitarren und Tanzszenen ab, die aus dem Drehbuch eines verworfenen Twilight-Musicals stammen müssen. Auch sie hat erkannt, dass die letzten elf Jahre ihres Lebens inzwischen den besseren Stoff hergeben.

Die Karriere von Britney Spears lässt sich einteilen in eine Zeit vor dem Nervenzusammenbruch und eine Zeit danach. Im Februar 2007 rasierte sich die angeblich von Ehe- und Drogenproblemen geplagte Sängerin in ihrer Wahlheimat Los Angeles öffentlichkeitswirksam die Haare ab. Anschließend ging sie mit einem Regenschirm auf das Auto eines mitfilmenden Paparazzo los. Es folgten Rosenkrieg und Rehab, ein Sorgerechtsstreit und andere Vorfälle, über die sich Medien und Publikum das Maul zerrissen. Spears' Vater und ein Anwalt übernahmen die Vormundschaft für ihr Vermögen. Die Regelung gilt bis heute und beschert dem kalifornischen Justizapparat noch immer beträchtliche Einnahmen.