© Matador

Interpol - Marauder (Matador)

Verlorene amerikanische Männer gehen gerne mal auf Sinnsuche nach Mexiko, und die Mitglieder von Interpol sind keine Ausnahme. Der Band aus der Generation "Oh, ist Rock aus New York wieder da?" war, anders als den Strokes, nie der richtige Hype vergönnt. Vielleicht, weil ihr an Post-Punk geschulter Sound sich weder für Exzesse noch für große Traurigkeit eignete, sondern eher melancholisch in den Spiegel starrte. Irgendwann kam zur allgemeinen Schwermut direkterer Frust, weil der große Erfolg ausblieb. Die Band nahm eine Auszeit und meldete sich 2014 mit dem mauen El Pintor zurück.

Marauder nun soll eine große Nummer werden und wurde von einer exzentrischen Pressekonferenz in Mexico City begleitet, bei der ein großes Wandgemälde des Covermotivs enthüllt wurde. Es zeigt Elliot Richardson, Nixons Justizminister, der 1973 lieber zurücktrat, als Nixons Anweisung zu befolgen, den Watergate-Sonderermittler Archibald Cox zu feuern. Der Bezug ist dröhnender als jeder Riff der Band – ist Marauder ein Resistance-Album?

Dafür bleibt die Melancholie zu unscharf. Dem realen Sumpf aus Korruption und Rassismus kann die Band nur einen Soundsumpf mit gelegentlichen überraschenden Power-Riffs entgegensetzen. Sänger Paul Banks ist zu sehr an sich und seine Phantomprobleme gekettet. Das Ergebnis ist ein Apokalypsenporno und dazu noch in der Softcorevariante.



© Beracah Records

Candi Staton - Unstoppable (Beracah Records)

Königin Aretha hin, Baronesse Gladys Knight her: Candi Staton ist der Inbegriff einer Soulsängerin. Ihre Aufnahmen aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern verbinden Beseeltheit mit Professionalität, Eleganz mit Wehklagen, und haben dazu noch das Glück, nicht zu Tode gespielt worden zu sein. Auch ihr Leben selbst – diverse Ehen, darunter eine besonders unglückliche mit dem legendären Clarence Carter, schwankender Erfolg und Ausflüge in Genres wie Disco und Gospel – ist trotzig selbstbestimmt und suchend wie ein Soulsong.

Für Künstlerinnen wie sie wurde das Konzept Comeback erfunden. Ihr Album Unstoppable ist leider kein tiefschürfendes Alterswerk, wie es etwa Bettye LaVette vergönnt ist. Vielleicht, weil es nicht klassizistisch oder gar retro sein will, sondern ins Jetzt passen möchte, ohne so recht zu wissen, wie das Jetzt eigentlich klingt. Das Ergebnis ist nicht unsympathisch – die Songauswahl aus eigenen Songs, Covern (das große Can I Change My Mind? von Tyrone Davis) und dem obligatorischen unerwarteten Rockklassiker (What's So Funny 'Bout Love, Peace And Understanding?) passt perfekt zu Statons gereifter Stimme, die allerdings mit der leicht geschmacklosen Rummel-Funk-Produktion zu kämpfen hat und dann auch noch von den Backgroundsängerinnen erdrückt wird. So von der eigenen Bühne gedrängt zu werden: Einer Diva wäre das nicht passiert. Aber Candi Staton ist auch keine Diva, sondern eine Wandergesellin des Soul.



© Full Time Hobby

Tunng - Songs You Make At Night (Full Time Hobby)

Englischer Folk mit seinen spezifischen Bildern und Geschichten ist immer eine wacklige Angelegenheit: entweder ganz nah an Nebel-und-Sumpf-Kitsch oder so merkwürdig verstörend, dass eine authentische Aufführung ohne Anstrengung einer Freakshow gleicht. Über den Schlenker der elektronischen Musik umgeht die Band Tunng aus London beide Extreme und vermeidet auch den dritten Weg: den der kostümierten Luxusgammler, die sich von Papas Geld Waschbrett und Banjos gekauft haben. Stattdessen wollen sie die ganze Enge und Bandbreite britischer Lebenswelten einfangen.

Ihr neues Album Songs You Make At Night widerlegt einmal mehr die Binse, dass Träume anderer Menschen furchtbar langweilig sind. Es ist ein tanzbarer Traum, der die Grooveaffinität der Band noch einmal unterstreicht. Bandkopf und Sänger Mike Lindsay, der wie der Bruder von Chris Martin und Martin Freeman klingt, ist naturgemäß etwas steif, dafür greift ihm die legendäre Drum Machine Roland TR-808 unter die Arme.


Ob in Zeiten von Brexit und Tommy Robinson ein Traumalbum eine mutige Rückbesinnung auf ewige Werte in der Kunst oder doch eher Eskapismus ist, diese Frage will die Band gar nicht beantworten. Ganz ohne Morrissey'sches Flaggenpathos gelingt es ihnen, etwas über englische Befindlichkeit zu sagen – nur was genau, darüber müssen die Hörer noch einmal schlafen.



© Vertigo

Chefket - Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) (Vertigo)



Die bisherige Karriere des Rappers Chefket war ein Tanz am Abgrund. Denn obwohl er durch die harte Punchlineschule des Berliner Battlewettbewerbs Rap am Mittwoch gegangen ist, steht seine Musik immer kurz davor, in Alltagspoesie und sanfter Ermutigung zu ertrinken, einfach zu nett zu sein.


Auch der Titel des Albums verrät es schon – Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) schaut lieber vorsichtig optimistisch als mit zu viel Wut in die Welt. Manchmal wird das fast zu der Art von Gute-Laune-Hip-Hop, die K.I.Z gerade als "Verbales Style Kollektiv" ohne viel Zuneigung parodieren, aber meistens fängt Chefket sich doch und führt die eigene Phrasenhaftigkeit vor: Started from the bottom/und so weiter und so fort lautet eine Line auf dem Albumopener Gel Keyfim Gel, bei dem Marterias Kiffer-Alien-Doppelgänger Marsimoto mit hartem R türkisch rappt. Solche Momente betonter Vermischung sind bei Chefket (in dessen Kindheit ein Satz, der auf Deutsch begonnen wurde, auch auf Deutsch beendet werden musste) selten, auch in Zeiten von Haftbefehls Cityspeak.


Mögen sie in Sachen Linguistiktheorie und Weltanschauung weiter auseinanderliegen, beide haben als Produzent und Geheimwaffe Farhot im Rücken, der bei den Beats für Chefket seit jeher eher seine Liebe für Jazzgrooves pflegen darf. Aber statt im 90s-Throwback-Regal schmiegt sich das Album lieber am Deutschpop an – aber tut auch das fast unerträglich unzynisch.