Nicki Minaj hat das Album beendet, das beinahe Kanye Wests Karriere beendet hätte. Zum Abschluss des kontroversen Ye, auf dem sich West erst vor zweieinhalb Monaten als unbelehrbar in nahezu allen Lebenslagen präsentierte, ist eine gelangweilte Voicemail-Nachricht von Minaj zu hören. Vordergründig betrachtet geht es darin um Kinderkram. Die Rapperin aus Queens pflichtet dem Rapper aus Chicago in Erziehungsfragen bei. Tatsächlich aber geht es um die ernsteste Sache überhaupt: die Hackordnung in der Hip-Hop-Welt.

Noch heute schlackern einem die Ohren, wenn man an den Gastauftritt zurückdenkt, mit dem Minaj auf Wests Album My Beautiful Dark Twisted Fantasy im Jahr 2010 der Durchbruch gelang. Alles, was die Künstlerin ausmacht, war in ihrem Beitrag zum Song Monster enthalten: ein furchtloser Umgang mit verschiedenen Rollen und den zugehörigen Akzenten, ein unfehlbares Gefühl für Timing und Betonungen, eine Vorliebe für Unverschämtheiten und versaute Pointen. West soll die Zeilen gehört und daraufhin erwogen haben, sie nicht zu verwenden. Er verstand sofort, dass sie ihn und sein neues Album überstrahlen würden. Er verstand aber auch, dass man Minaj lieber nicht zum Feind haben sollte.

Die Zeilen blieben drin, ein Star war geboren. West und Minaj gelten heute als bedeutendster Rapper und bedeutendste Rapperin der vergangenen zehn Jahre. Ihr Erfolg und Einfluss werden jedoch nach unterschiedlichen Kriterien bemessen. West ist eher gefühltes als verbrieftes Weltkulturerbe: Steve Jobs, Michael Jordan und Pablo Picasso in selbst erklärter Personalunion. Königsdisziplin seines Schaffens ist noch immer das Album. Er braucht es als Leinwand für die Verwirklichung seiner Großkünstlerfantasien, operiert jedoch weitgehend unabhängig von den zugehörigen Albumverkäufen. Wenn eine Platte floppt, hat das Publikum sie eben nicht verstanden.

Im Zweifel für das Genie – ein Vertrauensbonus, den West mit Ye endgültig aufgebraucht hat. Zuletzt musste er froh sein, dass Minaj ihn überhaupt noch mit ein paar warmen Voicemail-Worten bedachte. Die Erfolge der Rapperin sind wasserdicht dokumentiert: Sie pflegt ein geradezu zärtliches Verhältnis zu Chartplatzierungen, Verkaufszahlen und Streamingerlösen, das sich in regelmäßigen, mitunter auch pedantischen Twitter-Belehrungen über gebrochene Rekorde und sonstige Karrierehöchstleistungen äußert. Fleiß und Beharrlichkeit haben den Werdegang von Minaj geprägt: Schon jetzt hat sie rund 80 Songs in den US-Charts untergebracht, mehr als jede andere Musikerin zuvor.

Nicki Minaj kennt keine Pausen. Sie hat immer ein neues Video draußen, einen neuen Gastauftritt geplant, ein Instagram-Posting im Entwürfeordner, mit dem sie das gesamte Internet lahmlegen könnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr jener Vertrauensbonus, von dem West lange Zeit zehrte, niemals entgegengebracht wurde. Es gibt keine Freifahrtscheine für weibliche Popstars, als Genies werden sie nicht anerkannt. Die Erlaubnis zu Exzentrik und Experimentierfreude müssen sie sich immer wieder aufs Neue verdienen. Minaj hat das verstanden und ihre Karriere entsprechend angepasst.