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Vanessa Mai: Schlager (Ariola)

Der deutschsprachige Schlager und der deutschsprachige Hip-Hop sind gegenwärtig die bedeutendsten musikalischen Genres im Land. Niemand bewegt so große Publikumsmassen wie Helene Fischer, Gzuz, Andrea Berg, Andreas Gabalier und Capital Bra. Schlager und Hip-Hop teilen sich die vorderen Hitparadenplätze verlässlich auf; beide Genres sind einander auch ähnlich im Grad ihrer musikalischen Eleganz und lyrischen Intelligenz. Ein wesentlicher Unterschied liegt allenfalls darin, dass im deutschsprachigen Hip-Hop ausschließlich Männer erfolgreich sind, während das Schlagerpublikum sich auch gern einmal eine Frau auf der Bühne ansieht und sexuell generell etwas emanzipierter erscheint. 

Zu den stilprägenden Frauen im deutschsprachigen Schlager gehört die aus dem schwäbischen Aspach stammende Vanessa Mai. Sie begann ihre Karriere im Jahr 2013 als Sängerin der Gruppe Wolkenfrei, der mit Wolke 7 und Jeans, T-Shirts und Freiheit zwei gern mitgepfiffene Sommerhits glückten – produziert von Felix Gauder, der als Mitglied der Gruppe E-Rotic (Max Don’t Have Sex With Your Ex) in den Neunzigerjahren zu den prägenden Genies des Eurotrash-Genres zählte. Auf ihren ersten beiden Soloschallplatten Für Dich (2016) und Regenbogen (2017) entwickelte Vanessa Mai dann eine charismatische Mischung aus günstig gewirktem Industriestandard-Schlager, flotten Discofoxrhythmen und gelegentlich eingeflochtenen Ibiza-Clubmusik-Geräuschen.

Auch ihr neues, neunzigminütiges Doppelalbum Schlager ist von dieser stilistischen Vielfalt geprägt. Neu ist der ausgiebige Einsatz von Autotune – sowie ein hervorragendes Duett mit dem deutsch-ukrainischen Hip-Hop-Virtuosen Olexesh. Hier kommt endlich zusammen, was zusammengehört: In Wir 2 immer 1 versichern die Schlagersängerin und der Rapper einander ihre ewige Liebe; Vanessa Mai ist immer sehr aufgeregt, wenn sie Olexesh sieht, und Letzterer verspricht, ihr einen Schirm aufzuspannen, falls es mal regnet. Auf der zweiten Hälfte des Doppelalbums finden sich die größten Erfolge von Vanessa Mai in modernisierten Remixen.

 

 

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Helena Hauff: Qualm (Ninja Tune)

Auch die Hamburger Produzentin und Plattenauflegerin Helena Hauff vertritt einen innerlich hochdifferenzierten sowie thematisch gleichsam klar fokussierten ästhetischen Ansatz. Sie mag jede Art von Musik, hat sie in einem Interview einmal gesagt, außer Musik, die gute Laune verbreitet. Und man findet wirklich kaum eine Künstlerin im Feld der elektronischen Musik, die das Publikum so verlässlich mit mürrischer Muffigkeit in Euphorie zu versetzen pflegt wie sie. 

Als DJ pflegt Helena Hauff vor allem knochentrockene Elektromusik aufzulegen, die klingt, als wäre sie seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts in einer Vakuumkapsel konserviert worden. Als Produzentin bevorzugt sie hingegen eher schmutzige, speckige und schmierige Sounds von schnaufenden alten Analogsynthesizern. Auf ihrem neuen, überaus gelungenen Langspielwerk Qualm hat sie das Schmierige und das Trockene nun in eine gute Synthese gebracht. Es gibt mit schwülen Störgeräuschen becremte Technostampfer wie Lifestyle Guru zu hören, zu denen man sofort tanzen und sich dabei an die Brustwarzen fassen möchte, aber auch grimmig verstolpertes Industrialkabarett mit U-Boot-Signalen wie in Fag Butts in the Fire Bucket. Das Titelstück klingt wie ein Fragment aus dem elektronischen Spätwerk von Vangelis Papathanassíou, hierzu hätte freilich noch ein Saxofonsolo sehr gut gepasst.

 

 

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Gabe Gurnsey: //Physical// (Phantasy)

Den Londoner Sänger und Produzenten Gabriel "Gabe" Gurnsey kennt das geneigte Publikum als eine Hälfte des Duos Factory Floor. Gemeinsam mit der sexuell dominanten Gitarrenkrachmeisterin Nik Colk alias Nik Void spielt Gurnsey hier eine an die besonders schlecht gelaunten späten Siebzigerjahre erinnernde Industrialdisco nach Art von Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle. Auf seinem Soloalbum //Physical// wollte er nach eigenen Angaben jetzt einmal etwas ganz anderes machen, das hat allerdings nicht geklappt.

Wie bei Factory Floor, kombiniert er auch hier wieder knirschkalte Elektrobeats mit heißem Maschinengeschrei und -gehechel. Oft werden die Rhythmen noch mit analogen Bandechogeräten aus der Frühzeit des Dub Reggae manipuliert und in weite, bleierne Hallräume gestellt. Diese Technik hat Gurnsey sich von dem legendären britischen Produzenten Martin Hannett abgeschaut, der etwa Joy Division und den frühen New Order ihr Klangbild verlieh, aber auch heute zu Unrecht vergessenen Industrial-Funk-Gruppen wie Section 25. Deren knurztrocken stolpernde Maschinengrooves waren für //Physical// eine weitere wesentliche Inspiration: ein Stil, den man heute rückblickend als "Militant Funk" rubriziert. Tatsächlich scheint die Musik von Gabriel Gurnsey gleichzeitig militant und funkig zu sein, man möchte zu ihr ebenso gern marschieren wie friedensbewegt mit den Hüften wackeln. Und anders als auf der klanglich und geistesgeschichtlich verschwisterten Platte von Helena Hauff kommt – in dem Stück Sweet Heart – an der richtigen Stelle ein Saxofonsolo.

 

 

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Dorian Concept: The Nature of Imitation (Brainfeeder)

Das Saxofon gehört auch zu den bevorzugten Instrumenten des österreichischen Komponisten Oliver Thomas Johnson, der unter dem Namen Dorian Concept auftritt. Genauso kompetent drückt er auf diversen Tasteninstrumenten herum. Seine Karriere hat Johnson in den späten Nullerjahren unter anderem als Livemusiker in der Band des Hochgeschwindigkeitsjazzvirtuosen Flying Lotus begonnen.

Auf dessen Brainfeeder-Label ist nun sein zweites Soloalbum The Nature of Imitation erschienen, ein grundlegend heiteres Werk, beherrscht von sonnenbeschienenen Keyboardklängen und Melodien, die auch gut aus einem lässigen Fusion-Jazz-Jam aus den noch nicht ganz so schlecht gelaunten mittleren Siebzigerjahren stammen könnten. Darunter klickelt, piept, hupt und klackert es in der typisch nervösen Weise der Digital-Natives-Generation. Doch leidet Dorian Concept nicht unter der zwanghaften Hektik, die manche seiner Labelgenossen – auch den allseits gefeierten Thundercat – oft wie reine Fragmentfetischisten aussehen lässt. Nein, hier wird alles, was angedacht wird, auch zu Ende gebracht. Es wölben sich in weiten Bögen schön befunkelte Vokalharmonien über den Songs; manchmal kann ein Cluster aus schief schnarrenden Schnipseln ein ganzes Disco-Soul-Orchester aus Philadelphia imitieren; und wenn man die Augen schließt, sieht man einen herrlichen Abendhimmel über dem Meer, aus grobkörnig flirrenden Pixeln gebaut.

 

 

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Santigold: I Don’t Want: The Gold Fire Sessions (Downtown Records)

Dasselbe sieht man auch, wenn man die Augen beim Hören der neuen Santigold-Platte schließt. Es handelt sich in diesem Fall um den Abendhimmel über der karibischen See. Auf I Don’t Want: The Gold Fire Sessions versammelt die Sängerin und Produzentin aus New York zehn Dancehall-Stücke in meist mittlerem Tempo, zu denen man gleichermaßen entspannt mit den Hüften wackeln, mit den Armen schunkeln oder mit dem Mund was Schönes inhalieren kann. 

Wer noch ihre letzte, offensiv plastikpinke Popplatte 99c aus dem Jahr 2016 im Ohr hat, wird sich über diesen klanglichen Wandel eventuell wundern. Damals wirkte sie eher, als ob sie zugunsten einer überdeutlichen Kapitalismuskritik zur grellen Oberflächenästhetik von, sagen wir mal, PC Music und Charli XCX aufschließen wollte, in leider nur mäßig inspirierter Weise. Doch scheint das eine vorübergehende Verirrung gewesen zu sein; und in Santigolds vorherigem Schaffen hatten Dancehall und Dub-Reggae wiederum schon immer zu den wesentlichen Inspirationen gehört.

Ihr 2008 noch unter dem Namen Santogold aufgenommenes Debütalbum flirrte in aufregend militanter Weise zwischen Punk, Ska und dem mit bleiernen Echoeffekten versehenen Dub-Reggae der Siebzigerjahre; von The Clash über Lee "Scratch" Perry bis zu Public Enemy reichten die pophistorischen Zitate. Das ist auch auf dieser, ihrer fünften Platte noch weitgehend so. Bloß von Public Enemy und anderen Formen der Klangmilitanz ist nur noch wenig zu spüren – was sich eventuell daraus erklären lässt, dass Santigold die neuen Lieder während ihrer Schwangerschaft eingespielt hat. Manches wirkt auch, als ob sie an einem schwülen Sonntagnachmittag in Kingston die Leute zum Tanzen und Schwitzen zu bringen versucht, unter ausgiebigem Einsatz – nööööp! – der auch als Airhorn bekannten Reggaetröte. Doch klingen auch diese Trötengeräusche so sanft, weich und schwangerschaftsangemessen wie nur selten in der bisherigen Poptrötengeschichte. Dazu bekundet Santigold etwa im Eröffnungsstück, dass flüchtige Flirts sie nicht mehr faszinieren und sie an Männern vor allem Treue und Ernsthaftigkeit schätzt. Ein Alterswerk also, aber ein schönes.