Night Fever! Night Fever! Sophie Hunger klingt jetzt wie Robin Gibb: Das ist ohne Frage eine der schönsten Überraschungen im laufenden popmusikalischen Jahr. Bislang hat die allseits beliebte Schweizer Chansonsängerin und Diseuse ihr stimmliches Können eher in abwechslungsreich orchestrierten Formen der dunkleren Befindlichkeitsbekundung bewiesen. Auf ihrem neuen Album Molecules übt sie sich nun im gleißend hellen Siebzigerjahre-Erotikfalsett. Und das auch noch über einem schön schubbernden Groove: Wer über Körpergefühl verfügt, dem beginnt es beim Hören sogleich in den Halsmuskeln, in den Schultern und in den Hüften zu zucken. Uh! Ja! Huh! Diese vorübergehende Verwandlung von Sophie Hunger zur Disco-Funk-Sängerin findet sich gen Ende des zweiten Stücks auf ihrem neuen und nunmehr sechsten Album. Das Stück trägt den Titel Sliver Lane, und die abschließende Passage dauert eine Minute und zehn Sekunden. Man möchte sie wieder und wieder hören, auch deswegen, weil es sich um die mit Abstand schönste Stelle aus dem gesamten Werk handelt.

© Caroline International / Universal

Sophie Hunger kommt aus der Schweiz. Ihr Debüt hat sie 2006 aufgenommen; seit ihrem dritten Album 1983 aus dem Jahr 2010 wird sie auch außerhalb ihres Heimatlandes wahrgenommen. Ihr bisheriges Schaffen war von autodidaktisch erworbener Kunstfertigkeit und dem Willen zum Wandlungsreichtum geprägt. Unaufhörlich wechselte sie zwischen Sprachen und Stilen, ohne zugleich die Komfortzone einer manchmal etwas wattig wirkenden Kammermusikalität zu verlassen. Sie sang auf Deutsch, Schwyzerdütsch, Englisch und Französisch; sie arbeitete mit dem Posaunisten Michael Flury und anderen Jazzmusikern zusammen und mit dem freundlichen Hip-Hopper Max Herre. Zuletzt duettierte sie im vergangenen Jahr mit dem Progressive-Rock-Erneuerer Steven Wilson in Song of I. Darin bekundet Wilson zu plastisch modellierten Beats und dramatisch sich emporschwingenden Streichern, dass er Sophie Hunger in sexueller Weise verfallen ist. Er ist ihr sogar dermaßen verfallen, dass er wegen Sophie Hunger nicht mehr saufen und rumhuren will. In dem dazugehörigen Video krault sie ihm zur Belohnung mit spitzen Fingern den Kopf.

Auf dem neuen Album Molecules gibt es keine Duette und keine Gäste; auch singt Sophie Hunger die elf Songs fast ausschließlich auf Englisch. Sie hat die Musik allein aufgenommen, ihr einziger Partner im Studio war der Produzent Dan Carey. Die Instrumentation ist denn auch deutlich spartanischer als in ihrem bisherigen Schaffen; neben einer unaufgeregt gezupften Gitarre gibt es lediglich Synthesizergeräusche und dürre Drum-Machine-Rhythmen zu hören. Diese sind mit unterschiedlichen Arten der historischen Patina überzogen: Die Beats im Stück Tricks könnten aus der Spätphase der Neuen Deutschen Welle stammen, etwa von Künstlern wie Hubert Kah. In Electropolis wird ein stabiles Sequenzergeplucker mit einem brummenden Bass und dem Geräusch eines Fahrradreifens verbunden, aus dem gerade die Luft entweicht, was natürlich an die Simple Minds der frühen Achtzigerjahre erinnert.

Der Hunger’sche Hang zum Zitat und zum Eklektizismus ist also erhalten geblieben, doch im Vergleich zu dem besonders aufgeregt zwischen den Stilen hin und her hüpfenden Vorgängerwerk Supermoon aus dem Jahr 2015 erscheint Molecules einerseits geschlossener und dadurch andererseits auch etwas öder. Die Themen der Platte reichen von weiblicher Selbstermächtigung über die polymorph-depressive Gefühlslage nach einer gescheiterten Beziehung bis zum besonderen Charakter der Stadt Berlin: "In deinen Sünden Trost zu finden / Berlin, Du deutsches Zauberwort", flüstert sie in Electropolis auf Deutsch, um dann singend auf Englisch hinzuzufügen: "Your light shines on in the dark", wie das in großen Städten ja häufig so ist.

Sophie Hunger hat in den vergangenen Jahren viel Zeit in Berlin zugebracht. Das ist nach ihrer Auskunft auch der Anlass dafür, dass das neue Album fast ausschließlich mit elektronischen Mitteln entstanden ist, denn in Berlin gibt es fast niemanden mehr, der sich für Musik interessiert, die nicht mit elektronischen Mitteln entsteht. Tatsächlich kann man aus den Klängen und Beats, die Hunger benutzt, eine typisch berlinische Note heraushören; man fühlt sich besonders an das Berlin des Jahres 1998 erinnert. Damals begann die popmusikprägende Jugend, die Lust an kräftigen Rhythmen und politischer Rebellion zu verlieren und verbrachte nun viel Zeit in verfallenden Altbauten in semiprofessionell betriebenen Cafés, deren Mobiliar aus alten Sofas bestand. Weil diese Sofas schon recht durchgesessen waren, war es unmöglich, auf ihnen eine bequeme Körperhaltung zu finden. Viele Menschen hatten darum Rückenschmerzen, wenn sie von diesen Sofas wieder aufstanden; nicht wenige schoben das Aufstehen immer weiter hinaus und blieben tagelang sitzen. Viele Bands, die in Berlin in den späten Neunzigerjahren zu musizieren begannen, trafen sich erstmals in solchen Cafés, die wie Wohnzimmer in leicht verwahrlosten Studenten-WGs wirkten. Darum hieß die Musik, die dort entstand, auch Wohnzimmerpop, sie war auf hipsterhafte Weise gediegen verrenkt und auf langzeitstudentische Art prokrastinierend, ihre Songs waren durchweg zu lang bei zu wenig Ideen.

Sophie Hunger hat auf dem Molecules-Album nun gewissermaßen den Wohnzimmerpop in die Gegenwart überführt. Sie hat sich aus der weiten Welt der wimmelnden Stile und Traditionen in einen deutlich verwohnten musikalischen Altbau zurückgezogen und auf einem Sofa aus durchgesessenen Beats Platz genommen. In den Texten ihrer Lieder geht es um große, schmerzhafte Themen, doch die Musik erspart ihren Hörerinnen und Hörern jeden Schmerz. Es ist Musik, in der es rumort und aus der etwas ausbrechen will, aber der Ausbruch wird immer wieder verschoben: Es klingt, als ob jemand von einem Sofa aufstehen und weggehen will, aber aus Angst vor dem Schmerz trotzdem sitzen bleibt. Man wird wundervolle Melodien auf dieser Platte finden und besonders in der ersten Hälfte gut durchgeknittelte Arrangements. Aber man hat dennoch das Gefühl, dass hier immer etwas nicht zu Ende gedacht, nicht zu Ende geführt, nicht zu Ende gefühlt wird, und das, was dabei fehlt: Das fehlt wirklich. Am Ende des Albums ist die Erinnerung an den kurzen Disco-Ausbruch am Anfang schon wieder völlig verblasst, als käme sie aus einem Wachtraum, der dem beduselten Blick in eine verrostete Spiegelkugel entstammt.

"Molecules" von Sophie Hunger erscheint bei Caroline International / Universal.