© Affairs Of The Heart / believe

Stella Sommer: 13 Kinds Of Happiness (Affairs Of The Heart / believe)

Im Video zu Light Winds posiert sie im divaesken Halbdunkel einer Ute Lemper, allerdings mit der Mimik und Gestik von Isabelle Huppert in deren schwierigsten Rollen. Stella Sommer ist Sängerin, Texterin und Gitarristin der Indierockband Die Heiterkeit und verfügt über die schnoddrigste zartfühlende Grabesstimme im deutschen Pop. Jetzt singt sie auf ihrem Solodebüt zwölf von 13 Songs auf Englisch, und der Vergleich zu Nico erscheint unumgänglich. Doch egal in welcher Sprache, Sommers Überartikulation läuft auf das Kunstlied hinaus.

Nur zu gern gibt man sich ihrem dystopischen Timbre hin, unter den Nachteulen geht es wieder mal um Liebe und Tod. Dabei stammen die Songideen zum Teil aus Stella Sommers Jugendzeit, weit vor dem Heiterkeit-Opus-Magnum Pop & Tod I+II von 2016. Die instrumentale Begleitung ist zugleich minimal und verwegen: schnörkellose Gitarrenläufe, Barpianohall, Mellotronschwüle. Das Schlagzeug jedoch poltert wie im legendären Countrypunk der Mekons. Auf deren Schunkelblues Prince Of Darkness könnte Dark Princess, Dark Prince eine aktuelle – noch rauere – Antwort sein, inklusive mitbrummenden Männerchores. Zum Duett Birds Of The Night leiht Dirk von Lowtzow seinen sonoren Bänkelsangbariton, von Ferne winken Nancy Sinatra und Lee Hazlewood. Ihr Schmachthit Summerwine hatte ja durchaus etwas Morbides, und so lässt Frau Sommer in umgekehrter Dialektik 13 Kinds Of Happiness durch den Düsterpop flirren. Das Glück ist inmitten all der Einsamkeit nur in kleinen Portionen erträglich, selbst die knallrosa Kulisse im Video zu Collapse/Collapsing kühlt wie unsichtbarer Schweiß.



© Domino

Tirzah: Devotion (Domino)

Wieder eins von den jungen Talenten aus der Londoner Grime- und UK-Garage-Szene? Wie Fledermäuse flattern einem Tirzahs Cut-up-Vocals knapp unter dem Radar direkt ans Ohr. Die Downbeats geben nur die ungefähre Flugkurve vor für eine Stimme, die nie laut werden möchte, unakzentuiert Silben verschleift und dabei so nah scheint. Pianomelodien und ihre Zerrbilder hüpfen und trödeln herum, haben endlos Zeit zwischen den Anschlägen, wollen nirgends ankommen. Das hat was vom kultiviert schüchternen Gerätepop von The xx, doch bei Tirzah Mastin steckt keine Strategie dahinter.

Hauptberuflich ist sie trotz Musikschulstudium Grafikdesignerin. Nach einigen EPs führte vor allem die Freundschaft und Kollaboration mit der Produzentin Mica Levi alias Micachu zum Albumdebüt Devotion. In Fine Again schlängeln sich Gospel und Blues mit dem zartesten yeah-yiii-yeah durch psychotischen Keyboardnoise. In Basic Need befreit sich der Dubstep vom Schnarr- und Dröhnzwang und wird überirdisch fragil. Mitten in den Songs gibt es kurze Stop-Start-Szenenwechsel, als wolle Tirzah ihre musikalischen Bezugspunkte umordnen und neu gewichten. Mit ihrer Lyrik um Verlust und Sehnsucht streicht sie voller Melancholie über Micachus sonische Kratzer, ohne diese zu beschädigen oder zu glätten. Eine brüchige und dennoch souveräne Intimität, in der ein Stückchen Zukunft für Englands breitgelatschten R'n'B aufleuchtet.



© Apollo Records

Paul Frick: Second Yard Botanicals (Apollo Records)

Luftig geloopt und in Start-Stop-Motion geht es mit Paul Frick weiter. Seit 20 Jahren macht er Musik, zehn davon mit dem Techno-auf-Klassikinstrumenten-Trio Brandt Brauer Frick. Für ein Soloalbum bündelte er jetzt ungenutzte Sessions, Fieldrecordings und Improv-Schätze zu Collagen. Keine Konzeptkunst, vielmehr Alltagspoesie, wie sie der Albumtitel Second Yard Botanicals meint: Im zweiten Hinterhof seiner Berliner Wirkungsstätte, fluktuierend zwischen Arbeitsräumen von Freunden und Kollegen, wuchern vergessene Ideen wie botanisches Material. Melodiengeflechte, dekonstruierte Breakbeats und wellenförmige Filterklänge scheinen aus dem Piano und den Gitarren zu wachsen wie aus dem Regengeräusch im Rinnstein. Es pfeift, glitscht und brummt, abstrakte Vocals leiern und rauschen, Fetzen von Sibyllengesängen wehen vorüber. Die holprigen, gleichwohl repetitiven und durchgängigen Beats in Tracks wie Karamasow und 3000 Euro lassen spüren, dass Frick den Gebrauch des Sequencers im Hip-Hop lernte. Selbst das zappeligste Saitengezupfe wirkt nicht angestrengt, es ist nur das pralle Leben von einem, dem Kompositionsstudium und Neue Musik nicht genug waren.



© Ghostly International

Steve Hauschildt: Dissolvi (Ghostly International)

Zum Schluss noch ein wenig abheben, das tut gut bei der Hitze. Der Titel von Steve Hauschildts Album spielt auf Cupio dissolvi an, die Sehnsucht nach ewiger Erlösung von allem Irdischen, hier eher physiologisch als religiös zu verstehen. Vom Psychedelic Noise seiner ehemaligen Band Emeralds gleitet der US-Amerikaner in den rhythmisierten Ambient. Die Synthesizer hauchen großflächig, der Minimal Techno groovt, Industrialschatten zerfallen zu kühlem Moder bis ins Ätherische. Das Individuum löst sich auf und überlässt Stellvertreterstimmen und ihren Gastbeiträgen die Show. Der angenehmen Selbstentfremdung in Alienself steht die zwischen Engelsglöckchen und Noisebeats grisselnde Spannung im Titeltrack Dissolvi entgegen. Die Nabelschnur reißt auch im Echohall sphärischer Orgelklänge nicht: In Lyngr scheucht ein drehzahlreduzierter Shuffle-House à la T.Raumschmiere die Himmelsanbeter auf.