Worauf wir warten, fragen am Freitagabend vor der Kampnagel-Kulturfabrik in Hamburg zwei Bekannte. "Hier spielt gleich das Sun Ra Arkestra." Ungläubige Blicke: "Hier spielt ­Sun Ra?" Hinter der krausgezogenen Stirn die Frage: Lebt der denn noch? Keine schlechte Frage.

Herman Poole Blount, genannt Sonny, der sich in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in Sun Ra verwandelte, war schon zu Lebzeiten nicht von dieser Welt. Er war der selbsterwählte Sonnengott des Schwarzen Jazz, aus altägyptischer Vergangenheit stammend und zugleich aus ferner Zukunft angereist vom Saturn. Er nahm Platten auf mit Titeln wie Pictures of Infinity, The Nubians of Plutonia und We travel the Spaceways, war Philosoph und Pianist, Lyriker, Bigbandleader und Erfinder kosmischer Klangerzeuger wie der Sonnenharfe und der Space Organ. 1993 verließ er den Planeten. Seine Band, das Musikerkollektiv, das er um sich geschart hatte, lebt auf Erden fort und erneuert sich über die Jahrzehnte immer wieder. Arkestra nannte sein Gründer es, ein Kunstwort aus Orchestra und Ark, wie die Arche des Ra. Noch immer tourt diese Arche durch den Kosmos. Am vergangenen Freitag legte sie tatsächlich in Hamburg an.

Wenige der 200 Besucherinnen und Besucher, die in der Kampnagelfabrik auf den Einlass warten, dürften die Musiker erkannt haben, die gegen 22 Uhr an ihnen vorbei in den Saal schleichen. Marshall Allen, 94 Jahre alt, der das Arkestra seit 1995 an Ras Stelle leitet, trägt ein Baseballcap überm grauen Haar, das er zu einem Stummelzopf gebunden hat, und einen zerknitterten beigen Blazer. Sportrucksäcke, Turnschuhe, Baumwollbeutel: Die interplanetarische Entourage des Saturngesandten versteht es, sich unsichtbar zu machen. Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Sie sind unter uns. Und während wenig später ein Wölkchen Trockeneis die Bühne vernebelt, tauchen sie, so ist es seit Jahrzehnten Brauch, plötzlich zwischen den Zuschauern auf. Jetzt ohne Alltagsverkleidung, in schimmernden Roben und Umhängen, mit goldenen Turbanen und paillettenbesetzten Fezen; vorn auf der Hutkrempe des Pianisten spreizt eine glänzende Kobra die Nackenhaut.

24 Musiker bevölkern Ras Arche derzeit, zwölf sind gerade unterwegs, ein Bassist, etliche Bläser, zwei Schlagwerker, ein Gitarrist, eine Sängerin, ein Pianist. Auf der offiziellen Website, die so gestrig-futuristisch aussieht, als sei sie in einem Moment visionärer Weitsicht in den Siebzigerjahren programmiert worden, fügen sich ihre Kurzviten zu einem Schnelldurchlauf der Bandhistorie. Etliche Mitglieder aus den frühen und mittleren Ra-Jahren sind dabei: Danny Ray Thompson, Flöte, Saxophon, "joined the Arkestra in 1967". Als er in Hamburg mit seinem Zweispitz auf der Bühne thront, wirkt er wie ein Wiedergänger Sonnys himself. Abshalom Ben Shlomo, Altsaxofon, Klarinette, im Kollektiv seit 1970, wechselt immer wieder zur Perkussion, den gehobenen Kopf wiegend, die Augen nach innen verdreht.

Sechzig Jahre im Dienst, im Spirit

Dann sind da die etwas Jüngeren: Pianist Farid Abdul-Bari Barron verbeugt sich mit seinem heiter verkanteten Spiel ebenso vor Sun Ra wie vor Thelonious Monk, dessen Porträt sein T-Shirt schmückt. Der Posaunist Cecil Brooks legt sein Instrument hier und da für ein Tänzchen beiseite. Die charismatische Sängerin Tara Middleton, die das Erbe von Sun Ras großer Chanteuse June Tyson angetreten hat, schürzt die dunkel geschminkten Lippen.

Von seiner Position vorne links am Bühnenrand hält der auf die 100 zugehende Marshall Allen im rotglitzernden Umhang alles zusammen. Man liest, er sei ein sanfter Mann, anders als der zuweilen herrische Sun Ra, der die Musiker, mit denen er ein Haus in Philadelphia teilte, oft sieben Tage die Woche proben ließ. Marshall Allen "joined the Arkestra in 1958". Sechzig Jahre im Dienst, im Spirit, im Groove Sun Ras.