Ein wenig gebeugt aber fröhlich steht er da. Zu hören ist er am Gong und am Saxofon, allzeit bereit, scharfe Dissonanzen ins Feuer der Band zu blasen. Mit Blicken und Gesten dirigiert er die Musiker. Er murmelt, ruft, singt. Und greift zwischendurch zum EWI, einem acht Oktaven umfassenden Electronic Wind Instrument, das klingt, als spiele man auf einem ausrangierten 56k-Modem Flöte (mittlerweile sind die Dinger auch mit USB-Anschluss erhältlich). Dem Ensemble unterlegt er damit einen fliegenden Teppich aus tief blubbernden bis fiependen Space-Sounds. "Get out of the square", zitiert er den Meister gern, "get into the spiral". Raus aus dem rechten Winkel, rein in die Spirale.

Die Musik des Arkestra wurzelt bei allem Klangfuturismus tief in der afroamerikanischen Geschichte, im New Orleans Jazz, im Swing, im Blues, im Gospel. Sie will die Tradition nicht hinter sich lassen, sondern kündet von einer Zukunft, die tief aus der Vergangenheit schöpft.

Herman Poole Blount alias Sun Ra kam wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs in Birmingham, Alabama, zur Welt, ein Junge aus dem tiefen Süden der USA. Er saß im Gefängnis, weil er im Zweiten Weltkrieg den Wehrdienst verweigerte. Er heuerte als junger Mann in der Bigband des legendären Fletcher Henderson in Chicago an. Der Gründervater des Afrofuturismus, dessen Bild- und Klangwelten Musiker von Parliament Funkadelic über die Techno-Pioniere Jeff Mills und Carl Craig bis hin zu aktuellen Soulkünstlern wie Janelle Monáe ausbuchstabiert haben, dieser Innovator und über lange Jahre verkannte Außenseiter ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts groß geworden.

Vom Weltall aus betrachtet neben Louis Armstrong

In dieser Freitagnacht im Hamburg des Jahres 2018 hört man es nur zu deutlich. Nach wenigen Takten ist die Gruppe in full swing. Interplanetary Music ist ein typischer Ra-Tune. Eine betörende Melodie zwischen Duke Ellington und Tausendundeiner Nacht, darunter ein Rhythmus halb Hardbop, halb Afrogroove. Man kennt es von Sun Ras mehr als einhundert LPs. Ja, das ist Swing, denkt man, aber irgendetwas ist fremd, irgendetwas ist anders. Als umkreisten die Musiker einander in der Schwerelosigkeit auf komplexen Umlaufbahnen, als verdrehten sich ihre Harmonien und Melodien zu einem Möbiusband. Mag sein, dass man der Sache musiktheoretisch zu Leibe rücken kann. Man kann aber auch einfach vor der Bühne dazu tanzen.

Der Free Jazz bildet in diesem wirbelnden Kontinuum die natürliche Fortsetzung der älteren Spielweisen, nicht ihre Überwindung oder Zerstörung. Pulsierende Bass- und Klaviermotive, umwuchert von einem Geflecht aus Polyrhythmen, darüber spirituelle Chants und frei modulierte Klangflächen: Vom Weltall aus betrachtet liegt das gleich neben Louis Armstrong. Das Hamburger Publikum – Herrendutt und Hipsterbart, Damen mit Feder am Hut, viel graues Haar, aber auch blaues und adrett gescheiteltes – versteht es sofort.

Oben auf der Bühne herrscht derweil müheloses Durcheinander. Da wird aufgestanden und sich wieder hingesetzt, Instrumente werden gewechselt, Kopfbedeckungen auf- und abgenommen, Kostümjacken an- und ausgezogen. Und stets sind unter den bunten Gewändern schwarze Alltagshosen, Hemden, Schuhe zu erkennen. Die Arkestra-Show funktioniert wie ein Science-Fiction-Film, bei dem in jeder Einstellung die Fäden zu sehen sind, an denen die Raumschiffe schweben. Während die großen Stars des Popbusiness perfektes Illusionstheater bieten, liegt hier alles helllicht zutage. In außerweltliche Gefilde enthebt allein die Musik. Die Space-Age-Kostümierung dient lediglich als optische Stütze, um uns Erdlingen die Existenz höherer Sphären anzuzeigen.