Wie Richard D. James Algorithmen Klänge zerlegen lässt, so lässt er sie auch mit seinem Gesicht umgehen: das offizielle Künstlerporträt zum Album "Collapse" © Weirdcore

Wer Aphex Twin einen Gefallen tun möchte, sollte sein neues Minialbum Collapse kaufen. Nicht unbedingt wegen des Geldes. Davon hat der Musiker, der eigentlich Richard D. James heißt, schon genug – und sollte es doch mal hapern, könnte er jederzeit mit einem DJ-Set den durchschnittlichen Wochenlohn eines Fußballspielers aus der Premier League verdienen. Für James, der seit mittlerweile drei Jahrzehnten die Erscheinungsbilder von Ambient, Computerkrach und jeder erdenklichen Techno-Extremität mitbestimmt, ist Sicherheit weniger eine Frage der Finanzen als der externen Festplatten. Der 47-Jährige aus Cornwall macht gern Back-ups. Jedes verkaufte Exemplar von Collapse ist eine weitere Sicherheitskopie.

Gebückt über Synthesizer, Drum Machines und Computerbildschirme geriert sich James seit jeher als Großmysterium der elektronischen Musik: als Panzerfahrer, Spurenverwischer, Scherzkeks und Gremlinversion seiner selbst. Bis er mit dem Album Syro vor vier Jahren die Handwerkerphase seiner Karriere erreichte. Diese dauert noch immer an und erweist sich in den fünf kurvenreichen Stücken von Collapse einmal mehr als ausgesprochen ergiebig. James hat eine Meisterschaft über seine Werkzeuge erlangt, die an das Fingerspitzengefühl eines Schmetterlingspräparators erinnert. Oder an die Durchschlagskraft eines Kettensägenskulpteurs.

Im Artwork zu Syro listete der Musiker alle 138 Teile des Equipments auf, mit denen er das Album komponiert haben soll – inklusive Einkaufspreis sowie sonstiger Kosten, die für die Produktion und Bewerbung der Platte anfielen. Auch die darauf enthaltenen Stücke benannte er nach den verwendeten Maschinen oder anderen technischen Angaben, die ursprünglich als Gedächtnisstützen gedacht waren, um sich in der Fülle des eigenen Materials zu orientieren. Nur vier Monate nach Syro veröffentlichte James außerdem Computer Controlled Acoustic Instruments pt2, ein weiteres Album mit selbsterklärender Kennzeichnung. 

Richard D. James hat in seiner Karriere viel versucht, um sich in eine Aura der Unfassbarkeit zu hüllen. Seine aktuelle Freude an Transparenz und öffentlichen Spreadsheets steht nur scheinbar im Kontrast zu diesem Programm. Vielmehr kultiviert der Künstler damit eine andere Form von Unfassbarkeit. Indem er sein Equipment preisgibt und auch sonst alles auflistet, macht er sich theoretisch kopierbar – bleibt jedoch praktisch weiterhin unerreichbar. Das Motto ist ermutigend: Jeder kann Aphex Twin sein. Die mitschwingende Wahrheit hingegen ist grausam: Es gibt eben doch nur einen Aphex Twin.

Collapse braucht nicht lange, um alle Zweifel daran vom Tisch zu wischen. Es beginnt mit dem Stück T69 Collapse, diesmal nicht benannt nach einem Arbeitsgerät aus James' Studio, sondern nach seiner zweiten großen Liebe: einem Panzer. Die mühelosen Verbindungen von Computergewusel und Synthie-Schwermut sind sofort als klassische Aphex-Twin-Musik zu erkennen – und fühlen sich paradoxerweise noch vertrauter an, sobald James von der Formel abweicht. Nach zwei Minuten erfährt T69 einen Absturz der Systeme, den man als gehässigen Kommentar auf die Vorhersehbarkeit typischer EDM-Drops verstehen könnte. Der prankster ist zurück und schaukelt den Track im abgesicherten Breakbeat-Modus nach Hause.

Auf diese Art geht Collapse weiter. Die Stücke sind immer mindestens zwei Ideen gleichzeitig, ultraverdichtete Frickelarbeit für das Fleißsternchen im Hausaufgabenheft, aber auch selbstgewisse Abschreibeversuche in der eigenen Vergangenheit. Eben noch interessiert an der Räumlichkeit von Sounds und Rhythmen, dann wieder zweidimensional auf die Zwölf. Unbedingt körperbetont, nicht unbedingt tanzbar. An einigen Stellen scheint sich James auf Gruseleffekte aus der Witch-House-Mottenkiste zu beziehen – aber würde er sich dazu wirklich herablassen? Eigentlich auch egal. Die Fantasie der Aphex-Twin-Forensiker gehört längst genauso zu seiner Musik wie die Geräusche, die wirklich erklingen.

James betont den Warencharakter der Stücke aus seiner aktuellen Schaffensperiode selbst: durch offengelegte Arbeitsprozesse, pragmatische Tracktitel, automatisierte Instrumente und anonym ins Internet geschleuderte Fingerübungen, deren Echtheit sich oft nur schwer verifizieren lässt. Die Frage sollte also erlaubt sein: Hätte es nicht auch etwas mehr sein dürfen? Gibt es in James' Archiven wirklich keine Schwester- oder Gegenstücke mehr zu den fünf Tracks, die auf Collapse enthalten sind? Ist das hier nicht ein Album, dem auf halber Strecke der Saft ausgeht? 

Man kann sich solche Gedanken machen und währenddessen seinen grauen Haaren beim Wachsen zuhören. Das Beste an James' Handwerkerphase ist die zurückgekehrte Produktivität des Künstlers – man hat schon wieder vergessen, dass er zwischen 2001 und 2014 fast gar keine neue Musik veröffentlichte. Das Zweitbeste ist ihre Effizienz. Collapse ist ein Haus, das von außen kleiner aussieht, als es innen tatsächlich ist. Mit wenigen, aber umso souveräneren Handgriffen richtet James es in einer Weise ein, die ebenso vollständig und herausfordernd erscheint wie seine Doppel-CD-Experimente um die Jahrtausendwende. Auch daran erkennt man den Meister.

"I will lead you to the land of abundance", sagt eine kindlich anmutende Stimme im vorletzten Stück von Collapse: "Ich werde euch ins Land des Überflusses führen." Es ist einer der seltenen Momente, in denen sich verständliche Worte über die Musik von Aphex Twin erheben. Und natürlich glatt gelogen. Das Land des Überflusses? Als ob wir nicht längst dort wären.

"Collapse" von Aphex Twin ist erschienen bei Warp/Rough Trade.