Christine And The Queens - Chris © Because/Caroline/Universal

Christine And The Queens – Chris (Because/Caroline/Universal)

Bob Dylans Like A Rolling Stone beginnt mit einem Schlag auf die Snaredrum, über den Bruce Springsteen einmal gesagt hat: Klingt, als würde jemand die Tür zu deiner Seele eintreten. Und der Pixar-Film Ratatouille erreicht seinen Höhepunkt mit einer Szene, in der ein Restaurantkritiker das titelgebende Gericht probiert und sich schon nach der ersten Gabel in seine Kindheit zurückversetzt fühlt. Für Menschen zwischen 30 und 40 erzielt der Schlagzeugsound auf Chris diese beiden Effekte gleichzeitig. Er ist das Bombastischste, Unverschämteste, unerschrocken Achtzigerjahrigste, was man seit einer Ewigkeit gehört hat – und rechtfertigt schon allein all die Hymnen und Balladen, die gerade zu Ehren von Christine And The Queens erklingen.

Christine heißt eigentlich Héloïse Letissier, und The Queens gibt es eigentlich gar nicht. Die Songwriterin, Sängerin und Produzentin aus Nantes ist der Popstar der Stunde. Das liegt einerseits am ultimativen Kitschpop, den sie auf Chris sowohl in einer französischen als auch in einer englischen Version mit schmalen Schultern und breiten Polstern zelebriert. Und andererseits daran, dass dieser Pop auch einer näheren Beschäftigung standhält, sogar alles Kitschige verliert, wenn man sich ganz auf ihn einlässt.

Letissier erscheint in den Liedern von Chris zugleich künstlicher und echter denn je. Sie kultiviert eine Persona zwischen Dancefloor-Verführerin und Seitenstraßenschlägertyp, die ihrer sogenannten wahren Identität möglicherweise näher kommt als die zurückhaltenderen Inszenierungen rund um das vier Jahre alte Debütalbum Chaleur Humaine. Wen juckt's? Während es hinter ihr nach Kräften donnert, hallt und oompht, kostet Letissier die Möglichkeiten dieser Verwandlung mit Texten aus, die ebenso klug wie erregt um alles kreisen, was Menschen sich gern nehmen und einfangen. Die Französischen sind natürlich poetischer. Die Englischen klingen ungehobelter – und der Sache damit umso angemessener.



Noname – Room 25 © Eigenveröffentlichung

Noname – Room 25 (Eigenveröffentlichung)

Ein guter Rat von Noname: Immer auf die Pussy hören. Das zweite Album der Rapperin aus Chicago heißt Room 25 und schwingt sich gleich mit seinem ersten Song zu einem Eigenlob auf, das der ohnehin schon bewegten Beziehung zwischen Hip-Hop und Geschlechtsorganen eine völlig neue Dimension hinzufügt. My pussy teaching ninth grade English, versichert Noname zunächst noch wenig lehrbuchmäßig – aber dann im überkorrekten Doktorandinnentonfall: My pussy wrote a thesis on colonialism. Schon vorher hatte sie erklärt, dass ihre Pussy außerdem lahme Rapper zum Gehen bringen könne.

Vor zwei Jahren ist Noname selbst gegangen, von Chicago nach Los Angeles, doch einen Plattenvertrag hat sie dort nicht unterschrieben. Lieber macht sie ihr eigenes Ding und möchte auch nicht als Alternative zum Hypersex-Rap von Cardi B und Nicki Minaj verstanden werden. Aus dem beseelten, bisweilen arg betulichen Jazzband-Sound von Room 25 spricht eher ihre Verehrung für den jungen D'Angelo als eine Abneigung gegen die Synths und Simplizität von Trap. In ihren sanft gerappten, oft sehr witzigen Texten spiegelt sich außerdem ein Freundeskreis, zu dem mehr Comedians als Musikschaffende gehören. Sie zeigen eine Künstlerin, der gerade erst zu dämmern scheint, was sie mit Worten alles anstellen kann.



MHD – 19 © Capitol/Universal

MHD – 19 (Capitol/Universal)

Mohamed Sylla interessiert sich nicht für Politik. Das ist nicht die einzige Sache, zu der man ihn beglückwünschen kann. Der 24-Jährige aus dem 19. Pariser Bezirk (es gibt schönere und schlimmere) gehört wie auch Héloïse Letissier zu den größten Popstars seines Landes. Unter dem Künstlernamen MHD veröffentlicht er Songs, die auf YouTube neunstellige Zugriffszahlen erzielen. Außerdem hat Sylla etwas wirklich Neues mitbegründet: eine Verbindung aus US-amerikanischer Trap-Rap-Proletik und diversen westafrikanischen Jazz- und Partymusikstilen wie Afrobeat und Coupé-Decalé. Der Künstler nennt es Afro-Trap, der Rest von Frankreich inzwischen auch. Es läuft echt so was von gut für MHD.

Sein zweites Album 19 wird die Party nicht ausbremsen, auch wenn es weitgehend misslungen ist. Zunächst erklingt eine Reihe von Stücken, die den ursprünglich rauen MHD-Stilmix in einer familienfreundlich eingezäunten Erlebnisweltenversion mit angeschlossener Wasserrutschbahn und Systemgastronomie zeigen. Ein Gastauftritt von Paul Simon wäre hier denkbar, findet jedoch nicht statt. Danach erklingt eine andere Reihe von Stücken, die schon mehr damit zu tun haben, was sich große Musikkonzerne unter Straßenrap vorstellen, aber letztlich nur die Schock- und Dramaeffekte hochschrauben, um das Gefühl einer Gefahr zu erzeugen, die es in Syllas Musik niemals gab. Ein Gastauftritt von Drake wäre hier denkbar, findet jedoch nicht statt.



Adam Naas – The Love Album © Mercury

Adam Naas – The Love Album (Mercury/Universal)

Adam Naas singt um alles, und er weiß auch, warum. Eine schwere Mandelentzündung, und es wäre vorbei mit seiner Karriere. Der 26-jährige Pariser hat die Art von Stimme, bei der jeder Ton hart erkämpft klingt, als müsste Naas seine Silben erst an allerlei Hindernissen in Rachen und Mundhöhle vorbeiquetschen, um sie dann mit besonders triumphaler Bedeutungsschwere in die Welt zu schleudern. Er wurde also geboren, um The Love Album aufzunehmen: eine Platte, die sich als Checkliste zum Thema aller Themen versteht.

Man könnte den Rest dieser Kolumne damit verbringen, die musikalischen und textlichen Klischees aufzulisten, die Naas für sein Debütalbum bemüht, aber das wäre kleinkariert und würde das Thema verfehlen. Der Sänger und Multiinstrumentalist bewegt sich auf Feldern der bohemisierenden Soul- und Popmusik, wo die Songs gar nicht zu klischiert sein können, die Gefühle nicht zu groß und überbetont, die Walzertakte nicht zu verschunkelt. Natürlich greift Naas zur Akustikgitarre, wenn etwas besonders echt klingen soll, und natürlich hat er für die ganz argen Momente auch ein respektables Prince-Falsett drauf. Originell ist das nicht, effizient aber schon. Was soll man von einer Checkliste auch sonst erwarten?



Lonnie Holley – Mith © Jagjaguwar/Cargo

Lonnie Holley – Mith (Jagjaguwar/Cargo)

Man muss nicht irre sein, um ein Album wie Mith zu machen, aber ein irres Leben schadet nicht. Lonnie Holley würde als Erster zustimmen. Der 69-jährige Allround-Künstler aus Alabama behauptet die folgenden Dinge über sich: Er hat 26 Geschwister und 15 eigene Kinder, als Totengräber, Baumwollpflücker und als Koch in einer Disney-World-Kantine gearbeitet, im Jugendgefängnis gesessen und einen Autounfall überlebt, nachdem er für kurze Zeit als hirntot galt. Zur Kunst kam er mit Ende 20, weil jemand die Grabsteine für zwei seiner Nichten anfertigen musste, die bei einem Hausbrand gestorben waren. Holley spezialisierte sich anschließend auf Fundstück-Skulpturen, zusammengesetzt aus alten Schuhen, Autoreifen, Plastikmüll und anderen Dingen, die in seinem Hinterhof herumlagen.

All das hört man auf seinem unglaublichen neuen Album Mith – sowie alles andere, was gerade von Bedeutung ist. Mit donnernder, leiernder, durchdrehender Stimme rezitiert Holley Texte über seinen Alltag als ewiger Tatverdächtiger, versucht das Verbrechen der Sklaverei in einem 18-minütigen Stück zu ergründen und beklagt den Verlust eines Landes, das ihm nie gehörte, aber gerade zum wiederholten Mal unter den Füßen weggezogen wird. Die Musik dazu improvisiert er mit Klavier, Percussion und Blechbläsern herbei, vielförmig, abschweifend, angemessen apokalyptisch. Vieles auf der Welt erscheint gerade unfassbar. Nach Mith aber kennt man wenigstens das Gefühl, im freien Fall nach einem letzten Zipfelchen Zurechnungsfähigkeit zu greifen.