Daniel Küblböck hatte in der deutschen Musikgeschichte der vergangenen anderthalb Jahrzehnte eine besondere Position. Vielleicht passt folgende Anekdote ganz gut, um das zu beschreiben: Im März 2004 findet im Internationalen Congress Centrum in Berlin die Verleihung der Echo-Musikpreise statt, ausgezeichnet werden die erfolgreichsten Künstler und Schallplatten des zurückliegenden Jahres, die Preisträger werden von prominenten Laudatoren gewürdigt. Es gibt Echos für die gefühlvolle Indierockgruppe Wir Sind Helden, für den Rapper RZA und das Berliner Reggae-Ensemble Seeed. Sie alle haben sich in klassischer Weise künstlerisch hochgearbeitet, sie sind – was wir in diesem Moment noch nicht wissen – Protagonisten einer Popkultur, die bald verschwinden wird. Die erfolgreichste Single des Jahres aber kommt aus der Zukunft. Sie heißt We Have A Dream; es singen die Finalisten der Fernsehsendung Deutschland sucht den Superstar unter der künstlerischen Leitung von Dieter Bohlen. Deutschland sucht den Superstar ist eine für Deutschland damals noch ganz neue Erfindung: ein Gesangswettbewerb, bei dem eine Jury und später das Publikum im schrittweisen Ausscheidungsverfahren einen Gewinner küren. Die Fernsehzuschauer sind von dieser Idee ausgesprochen begeistert, bis zu 15 Millionen schalten die Folgen der ersten Staffel ein. Die hinterher aufgenommenen Alben einiger Finalisten – Alexander Klaws, Daniel Küblböck, Gracia Baur – rangieren hoch in den Charts; ihr gemeinsames Album United verkauft sich millionenfach. Bei der Verleihung würdigt der Komiker Michael Mittermeier ihr Schaffen. Er sagt: Statt ihnen einen Echo zu geben, solle man sie lieber in das Gefangenenlager Guantanamo schicken. Besonders diesen Daniel Küblböck – sei er nicht schlimmer als die Taliban? "Die Taliban singen wenigstens nicht."

Während einer Kreuzfahrt mit Ziel New York soll der 33-jährige Entertainer nun am frühen Morgen des 9. September vor Neufundland von Bord gesprungen sein. Am Montag hat die kanadische Küstenwache die Suche eingestellt, Daniel Küblbock gilt seitdem als verschollen. Seine Angehörigen hoffen weiterhin auf ein Lebenszeichen, viele Wegbegleiter und Fans verabschieden sich bereits von ihm.

Als Küblböck seine Karriere beginnt, ist er gerade 17 geworden, bis dahin hat er einen Hauptschulabschluss absolviert und eine Ausbildung zum Kinderpfleger begonnen. Im November 2002 ist er erstmals bei Deutschland sucht den Superstar zu sehen, er singt Papa Don't Preach, ein Stück von Madonna, das damals gerade in der Coverversion von Kelly Osbourne kursiert, der missratenen Tochter des missratenen Black-Sabbath-Sängers Ozzy Osbourne. Auch Daniel Küblböck inszeniert sich vom ersten Auftritt an als missratener Knabe. Er kommt mit einer Gitarre auf die Bühne, obwohl das von der Jury verboten ist; er trägt eine geföhnte Stufenfrisur, obwohl das seit den späten Siebzigerjahren verboten ist; er singt mit einer quäkenden Stimme, die den Jury-Vorsitzenden Dieter Bohlen an Kermit den Frosch erinnert; er ist laut, aufdringlich, schrill und manchmal auch lustig dabei. Das Publikum liebt und hasst ihn zugleich, er wird mit Häme überschüttet und fanatisch verehrt. Er trägt später noch Lieder von Phil Collins, den Bee Gees und Steppenwolf vor; aber es ist eigentlich egal, was er singt: Was die Leute begeistert, ist sein Charisma, seine Exzentrik; die Abweichung von der Norm, die diese zugleich herausfordert und sie bestätigt.

Beliebter als Mozart, Schiller und Thomas Mann

Mit Deutschland sucht den Superstar zieht das Leistungsprinzip auch in den deutschen Pop ein. Das Modell des Popstars, das hier entworfen wird, hat endgültig nichts mehr mit musikalischer Inspiration oder jugendlicher Rebellion zu tun, mit irgendeinem Aufbegehren gegen die Gesellschaft oder auch nur mit dem Wunsch nach künstlerischem Selbstausdruck. Es geht ausschließlich um die perfekte Anpassung an die Verhältnisse; es geht darum, die eigene Performance derart zu optimieren, dass sie vor dem Urteil einer zynischen Jury und eines ebensolchen Massenpublikums besteht. Daniel Küblböck ist der erste Star, den diese Art des Pop in Deutschland hervorbringt – gerade weil er sich dem Anpassungsdruck kalkuliert widersetzt, eben so weit, wie es sich dulden lässt. Er ist der Bewerber, der die Chefs mit seiner Frechheit zu beeindrucken vermag; aber natürlich hat auch diese Frechheit letztlich nur das Ziel, von den Chefs den begehrten Job zu erhalten. In dieser Haltung können sich große Mengen von Menschen offenbar wiedererkennen.

Auch wenn Daniel Küblböck am Ende der ersten Staffel von Deutschland sucht den Superstar nur auf den dritten Platz kommt, wird er zur prägenden Figur der neuen Gattung. Die Bild-Zeitung widmet ihm die meisten Berichte, die Werbeindustrie überschüttet ihn mit Verträgen. Sein Album Positive Energie aus dem Frühling 2003 verkauft sich 100.000 Mal; schon im Herbst desselben Jahres bringt er – mit 18 – seine Autobiografie heraus: Ich lebe meine Töne. In der Fernsehsendung Unsere Besten – Wer ist der größte Deutsche? kommt er wenig später auf den 16. Platz, vor Mozart, Schiller und Thomas Mann.

Ein Pionier des Shitstorms

Die historische Bedeutung von Daniel Küblböck besteht also darin: Von allen Teilnehmern an der ersten Staffel von DSDS hat er das dort herrschende Leistungsprinzip am besten verstanden und für sich genutzt. Seine Leistung ist, dass er sich mit seiner Person und seinem Auftreten optimal in die Wahrnehmung und das Gedächtnis der Massen brennt. Er hat kein Anliegen, keine besonderen künstlerischen Fähigkeiten, keine Botschaften, aber er verfügt über das entscheidende Talent, sein Ich zu einer kontroversen und gerade darum attraktiven Marke zu formen und damit eine treue Gefolgschaft hinter sich zu versammeln. Man könnte also sagen: Er nimmt die Figur des Influencers vorweg, ein Jahrzehnt bevor diese Art des vollständig entsubjektivierten Stars ins Zentrum der digitalisierten Kulturindustrie wandert. 

Daniel Küblböck ist ein Pionier der Persönlichkeitsvermarktung unter den Bedingungen der anbrechenden Digitalära. Dafür wird er geliebt. Und vor allem auch gehasst. Daniel Küblböck muss Unmengen von Häme und Spott ertragen. Die schrille, leicht schwule, aus konservativer Perspektive jedenfalls unmännliche Männlichkeit, mit der er einerseits als Paradiesvogel reüssiert, entfacht andererseits Stürme der Homophobie. So ist er auch ein Pionier des Shitstorms, wie er im Zeitalter der sozialen Netzwerke dann zur Umgangsform mit öffentlichen Personen wird. Seither haben wir uns daran gewöhnt, dass Menschen nur noch berühmt sein können, wenn sie es gleichzeitig ertragen, gehasst und verachtet zu werden. Am Beginn der Karriere von Daniel Küblböck ist diese Dialektik noch neu, und rückblickend muss man ihn vor allem dafür bewundern, mit welcher Stoik und Grandezza er sie erträgt. 

Kurz nachdem er zum sechzehntbeliebtesten Deutschen aller Zeiten gewählt wird, beginnt sein Stern auch schon wieder zu sinken. Im Jahr 2004 macht er vor allem dadurch Schlagzeilen, dass er ohne Führerschein mit seinem Auto einen mit Gurken beladenen Lastwagen rammt. Sein Kinodebüt Daniel, der Zauberer wird im folgenden Herbst zu einem fatalen Flop; sein zweites Album Liebe Nation kommt 2005 gerade noch auf Platz 54 der deutschen Charts und verschwindet nach einer Woche wieder in der Versenkung.

Es verbietet sich jede Spekulation

Aber Daniel Küblböck gibt nicht auf, er bleibt Pionier: Wann immer das Privatfernsehen mit einer neuen menschenverachtenden Showidee debütiert, ist er mit dabei. Er tritt 2004 in der ersten Staffel des Dschungelcamps auf und badet mit 30.000 Kakerlaken in einem gläsernen Sarg. Im folgenden Jahr lässt er sich in den Big-Brother-Container sperren. 2007 versucht er sich – mit 21 Jahren – an einem Karrierecomeback, doch seine Neuerfindung als Countrysänger bleibt ohne Erfolg. 2010 probiert er es ein weiteres Mal, diesmal als Interpret deutschsprachiger Jazzlieder. Er häutet sich jetzt unentwegt und wechselt die Bekleidungs- und Frisurenstile, er lässt sich von einer Immobilienmillionärin adoptieren und investiert sein Geld in Solarenergie. Aber als er sich 2014 als Teilnehmer am Eurovision Song Contest bewirbt, erhält er nach eigenen Angaben nicht einmal eine Eingangsbestätigung von den Organisatoren. 

Das Image der tuckigen Schrillheit hat er bald abgelegt, zwischendurch ist Daniel Küblböck auch als Rocker in einer Lederjacke, als gepflegter Chansonsänger und als Justin-Bieber-Lookalike mit blondiertem Haar zu sehen. Auf den Bildern, die aus den letzten Tagen von ihm kursieren, zeigt er sich als zart geschminkte, androgyne Figur in Frauenbekleidung. Wir wissen nicht, warum er von Bord des Kreuzfahrtschiffs gesprungen ist, es verbietet sich jede Spekulation. Nicht einmal die Menschen, die ihm nah waren, wissen offenbar Rat; als Journalist aus der Ferne hat man erst recht zu schweigen. Es bleibt lediglich die Einsicht, dass sich hinter den immer schneller wechselnden Masken, Marotten und Metamorphosen, mit denen im Zeitalter der überhitzten Digitalkultur um Aufmerksamkeit gerungen wird, immer auch Menschen mit einer echten Sehnsucht verbergen, die diese Kultur nicht erfüllen kann und nicht erfüllen will.