© Caroline (Universal Music)

Dissy – Playlist 01 (Corn Dawg Records)

Eine Jugend in Erfurt ist offenbar kein Zuckerschlecken. Till Krücken rappt in Rave On, "seit der Pupertät befind ich mich im freien Fall / und feier auf dem Parkplatz, denn ich kam in die Disco nicht rein / mein inneres Kind ist verstoßen und im Heim / hier gibt's Wodka und 'n Teil, um es wieder zu befreien". Trotz fiebriger Beats beschreibt er auf seinem Debütalbum keine Clubkultur, sondern eher die Bushaltestelle mit den Jugendlichen, die wenig Sinnvolles mit sich anzufangen wissen. 

Dort hat Dissy, wie er sich nennt, einen Hip-Hop geschaffen, dessen Texte im Nebel düsterer Bässe und Drones durch provinzielle Ödnis wabern. Sein Album Playlist 01 rotzt der Heimat von Catterfeld bis Clueso zehn Extraladungen Straßendreck ins Gesicht. Clueso leiht trotzdem zwei Tracks sein süßliches Gesangstimbre. Und wenn Dissy in Die Welt Ist Bîse "Baby, ich glaube an das Glück" beteuert, entdeckt er selbst im kulturellen Nirwana Nischen der Selbstbehauptung. Ohne Hoffnungsschimmer ist es sonst auch schnell stockfinster.



© Infectious Music

alt-J – Reduxer (Infectious Music)

Das Mysterium der erstaunlich populären Indiefolkband alt-J kreist bekanntlich auch um den Namen. Als die Sprache vor elf Jahren noch am Anfang ihrer grundlegenden Überarbeitung zu Kürzeln, Codes, Symbolen stand, benannte sich das Quartett nach Apples Tastenkombination fürs griechische Delta, in der Wissenschaft ein Platzhalter für Differenz. Das vierte Album der Band aus Leeds dreht dieses Namensspiel nun gewissermaßen um. Verschiedene Kollegen wie der Hardrap-Wizzard Danny Brown, Jimi Charles Moodey aus dem leichteren Popfach, Synth-Bastler wie Twin Shadow, ja sogar ein Kontra K aus Deutschland erweisen alt-J ihre Referenz und machen aus deren dritter Platte Relaxer das Tributalbum Reduxer, auf dem Differenz als Gemeinsamkeit gefeiert wird. Fast nichts erinnert darauf ans Original, fast alles verströmt den verlockenden Duft der Grenzüberschreitung. Das ist so variabel und spannend, dass selbst Puristen trotz heftiger Entstellungen und einiger Autotune-Frechheiten nur Experimente zur gegenseitigen Horizonterweiterung erkennen dürften.



© staatsakt

Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben (staatsakt)

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist ein echtes Inszenierungsgenie. Mit 3 Zimmer/Küche/Bad hat er der Generation X/Y eine Liebeserklärung von entlarvender Leichtigkeit gemacht, das Glaubensdrama Kreuzweg eroberte 2014 gar die Berlinale und dem alten Tatort verlieh sein Stuttgarter Fall im Stau zuletzt neuen Glanz. Da überrascht es kaum, dass dieser Wirklichkeitsdichter die Gründungsstory seiner Band als verkorksten Roadtrip auf dem Balkan erzählt. Mit der Songwriterin Desiree Klaeukens, so geht die Legende, bringt er dabei ein Baby namens Theodor Shitstorm zur Welt, das fortan den besten Laberpop seit den Lassie Singers liefert. Begleitet von Bass und Drums schildert Sie werden dich lieben das Leben unserer multioptional beengten Zeit mit beißendem, nie zynischem Spott, der unter die Haut durchs Zwerchfell zu Herzen geht. Wenn sie den Alltag ihrer Peergroup beschreiben, in dem Madenkolonien unterm Bett wohnen, Sex ein qualvolles Chaos ist und der Drogenmix sowieso, fragt Theodor Shitstorm daher süffisant: "Fühlst du dich so wohl?" und antwortet: "Du sagst Rock 'n' Roll." Falls sich Thirtysomethings darin wiedererkennen: Kein Wunder! Hier tönt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte.



© Batov Records

Hallouminati – Tonight, Is Heavy (Batov Records)

Wer Bouzouki hört, hat vermutlich entweder Volksmusik aus dem letzten Korfu-Urlaub oder Cindy & Bert im Kopf, aber nichts, das auch nur im Entferntesten an Hallouminati erinnern dürfte. Die Londoner Band von Emilios Georgiou-Pavli nutzt das griechische Saiteninstrument zwar als Nuance ihres multikulturellen Orchesterfolks – allerdings nur als einen von vielen Einflüssen. Reggae und Ska sind darin ebenso fest verwurzelt wie Afrobeat, Balkan-Brass und jede Menge Funk. Besonders dem ist es zu verdanken, dass die Mischung vor acht Jahren aus der Nische des Ethnopops in die Clubs der Metropole befördert und dort zum schweißtreibenden Tipp wurde. Nun erscheint ihr erstes Album Tonight, Is Heavy, und weder wirkt daran alles neu noch makellos; dafür ist – wie so oft im Partyrocksegment – die Männerstimme ein bisschen zu testosteronhaltig. Dennoch schaffen es Hallouminati, die Dynamik ihrer Konzerte ohne Energieverlust auf Platte zu bringen. Live sind sie trotzdem besser. Nehmen wir Tonight, Is Heavy als Teaser …



© Axis Records

Spiral Deluxe – Voodoo Magic (Axis Records)

Wenn elektronische Musik nicht daheim am Rechner oder im digitalen Ambiente zugehöriger Labels entsteht, sondern dort, wo schon Serge Gainsbourg, Juliette Gréco und Manu Chao Platten auf Vinyl produziert haben, kann Elektronik kaum rein elektronisch klingen. Es ist daher gewiss auch den legendären, elegant holzgetäfelten Studios Ferber in Paris geschuldet, dass ein Projekt namens Spiral Deluxe die Grenzen zwischen House, Funk und Jazz gerade neu definiert. Verantwortlich dafür ist jedoch vor allem einer der Köpfe hinterm Quartett: Jeff Mills. Bekannt als Gründungslegende des Detroit Techno, kehrt der DJ auf Voodoo Magic zu seinen Wurzeln als Schlagzeuger zurück und macht das Debütalbum dank seiner virtuosen Percussions, Jino Hinos groovendem Bass und schmissigem Vintage-Sound von Yumiko Ohno und Gerald Mitchell an Moog oder Keyboards zum Manifest eines aktuellen Crossovers. Aufgenommen in nur zwei Tagen, atmen die fünf teilweise breit ausgewalzten Stücke einerseits den Duft bauchgesteuerter Improvisation; andererseits sind sie bis in den letzten Beat hinein ausgefuchst und berechnet. Eine Ader für Jazz kann da beim Hören nicht schaden, zwingend nötig ist sie nicht.