Anna Calvi hat ein queeres Manifest veröffentlicht, Eminem das Gegenteil davon, und Casper mit Marteria eine erstaunlich unpolitische Platte. Unsere Alben der Woche © Domino

Anna Calvi: Hunter (Domino)

Das tollste, klügste und erotischste Album, das man in diesem Jahr bislang zu hören bekommen hat, stammt von der Londoner Sängerin und Gitarristin Anna Calvi. Es trägt den Titel Hunter und ist von ebenso abwechslungsreichen wie erfreulich bedrohlichen nichtbinären Brunftbekundungen geprägt. Bereits auf ihrem 2011er Debüt begeisterte Calvi mit unwiderstehlichen Ich-krieg-Dich-schon-rum-Liebesliedern; als wesentliche Inspirationen für ihr Gitarrenspiel nannte sie damals Jimi Hendrix, Django Reinhardt und den Flamenco als solchen. Auf dem Folgewerk One Breath aus dem Jahr 2013 weitete sie ihre Klangbilder und Kompositionen ins episch Schwelgerische hinein.

Danach wurde sie von dem berüchtigten Theaterkitschgroßmeister Robert Wilson für seine Inszenierung des Sandmann in Düsseldorf engagiert; eine Entwicklung, die Anlass zur Sorge gab, denn die Zusammenarbeit mit Wilson hat schon viele Poptalente dauerhaft ruiniert, zum Beispiel Tom Waits und Rufus Wainwright. Doch Anna Calvi ist daraus unbeschadet hervorgegangen: Allein das zeigt, dass sie eine sehr starke Frau ist.

Hunter ist sogar noch konzentrierter und im guten Sinn gröber geraten als sein Vorgängerwerk. Calvi möchte das Album als queeres Manifest verstanden wissen, es handelt von dem Wunsch nach sexueller Metamorphose und abwechslungsreichem Geschlechtsverkehr; wobei sich dieser Abwechslungsreichtum, wie wir in dem Stück Don’t Beat the Girl Out Of My Boy erfahren, vor allem durch den kontinuierlichen Wechsel der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zwischen dominanten und submissiven Rollen ergibt. In diesem Sinn wechselt auch die Musik zwischen den Zuständen und Intensitäten: Hunter ist Calvis bislang bestes Album, es beschenkt uns mit kräftigem Krach und flottem Feedbackgefiepe ebenso wie – in dem sagenhaften Swimming Pool – mit dramatisch schillerndem Technicolorpop. Zu kräftig aus der Gitarre herausgekraulten Soli fordert Calvi die Männer auf, die weibliche Seite in sich zu entdecken – sie selbst versteht sich hingegen als Alphawesen, das über den Niederungen des Geschlechterdualismus thront. Sie allein bestimmt, wer für sie der Mann und wer die Frau ist und wer beim Sex mit ihr zu welchem Zeitpunkt zum Orgasmus gelangt: "Ich teile und herrsche", bekundet Anna Calvi am Schluss des Stücks Alpha.



Eminem: Kamikaze (Interscope/Universal) © Interscope/Universal

Eminem: Kamikaze (Interscope/Universal)

Aus dem Pastorensexpaläolithikum der patriarchalischen Männlichkeit kommt hingegen das neue Album des Detroiter Rappers Eminem zu uns herübergeklungen. Es heißt Kamikaze und handelt im Wesentlichen davon, dass Eminem darüber zornig ist, dass sein letztes Album Revival nicht so erfolgreich war wie seine früheren Werke und überwiegend ablehnende Rezensionen erhielt. Deswegen beschimpft er nun in hektischer Weise alle seine Kritiker und den unabhängigen Journalismus als solchen; aber auch alle anderen Rapper, die es auf der Welt gibt: weil sie seiner Ansicht nach nicht so gut sind wie er oder weil sie eine sexuelle Orientierung besitzen, die er abstoßend findet, wie Tyler, the Creator, "the faggot". Auch emanzipierte Frauen kann er nicht leiden, weil sie es für Männer so kompliziert machen im Leben: "I just want you to be normal / Why can’t you bitches be normal?", fragt er seufzend in dem Stück Normal.

Um zu beweisen, dass er der beste Rapper auf der Welt ist, rappt Eminem so schnell wie er kann, und er ist wirklich schnell! Die ausgiebige Demonstration der Hochgeschwindigkeitssprechkompetenz ist für den Hip-Hop das, was für den klassischen Gitarrenrock das endlose und besonders schnell gegniedelte Gitarrensolo ist: Man kann sich das neue Eminem-Werk also wie die Analogie zu einer neuen Scorpions-Platte vorstellen, auf der es Rudolf Schenker mit seiner Gitarre noch mal so richtig krachen lässt; bloß, dass sich bei den Scorpions nicht um homophobe und misogyne Idioten handelt.



Casper & Marteria: 1982 (Zwei Bernds tanken Super/Sony) © Zwei Bernds tanken Super/Sony

Casper & Marteria: 1982 (Zwei Bernds tanken Super/Sony)

Während Eminem also als rappender Wutbürger posiert, haben wir es bei Casper und Marteria mit Rappern zu tun, die sich Wutbürgern entgegenstellen; am Montag spielten sie etwa in Chemnitz auf dem Festival #wirsindmehr. Beide sind für deutsche Hip-Hop-Verhältnisse musikalisch ungewöhnlich offen und interessant; Casper hat auf seinen letzten Platten Hip-Hop mit Chill Wave und Industrial oder auch Bruce-Springsteenschem Breitreifenbluesrock verbunden; Marteria lässt sich seine Beats von dem jazz- und reggaeinspirierten Produzententrio The Krauts fabrizieren.

Gemessen an der musikalischen Güte ihrer Soloarbeiten ist ihre erste gemeinsame Platte 1982 jedoch eine Enttäuschung. Bei den Beats und den Melodien herrscht ein Dienst-nach-Vorschrift-artiger Minimalismus, und auch lyrisch bleiben sie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dabei gäbe es im Moment so viel zu erzählen, gerade wenn man die Biografien der Beteiligten betrachtet. Beide sind 1982 geboren, Marteria ist in einem Plattenbauviertel in Rostock aufgewachsen, Casper hat seine Kindheit in den USA verbracht und seine Jugend in einem westdeutschen Vorort.

Der Ost-West-Unterschied spielt aber keine Rolle auf dieser Platte, ebenso wenig wie die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Der wachsende Rassismus und die Pogrome in Rostock 1992 kommen allenfalls in Andeutungen vor; im Wesentlichen beklagen Casper und Marteria sich unisono über die mangelnde Lebensqualität für Jugendliche in Vororten. Wie sie sich auch ansonsten in allem einig sind, insbesondere in der Sentimentalität, mit der sie im Alter von 36 auf ihr Leben zurückblicken. Sie sind stolz auf die Erfolge, die sie errungen haben, aber auch traurig darüber, dass sie nicht mehr so oft mit ihren Kumpels billigen Fusel versaufen können. Was sie heute stattdessen gern konsumieren, erfahren wir in dem Stück Chardonnay & Purple Haze, in dem sie ihre Lieblingswein- und Cannabissorten aufzählen. Das ist immerhin interessant, denn während andere Rapper in solchen Songs nur das Teuerste nennen, bevorzugt Casper zum Beispiel Weine vom Weingut Hermenegild Mang in der Wachau, wo man die Flasche Grünen Veltliner bereits für zehn Euro erhält.



$uicideboy$: I Want To Die in New Orleans (G59 Records/Caroline International) © G59 Records/Caroline International

$uicideboy$: I Want To Die in New Orleans (G59 Records/Caroline International)

Oxycontin ist wiederum die meistzitierte rauscherzeugende Substanz auf I Want To Die in New Orleans, dem Albumdebüt der $uicideboy$. "Black out the city, I'm back on them 30s / In 'bout twenty minutes we'll be on the moon", rappt einer der beiden Suizidknaben, Ruby Da Cherry, in dem Stück Carrollton. "30s" sind 30-mg-Tabletten jenes legal erhältlichen und gern verschriebenen, aber sofort abhängig machenden Schmerzmittels, das in den USA in den letzten Jahren zu einer wahren Drogenepidemie geführt hat. Man kann sich mit Oxycontin schnell "auf den Mond schießen", aber der darauf folgende Kater macht einen zu einem Untoten: "I be that walking zombie / eating bodies", verkündet der zweite $uicideboy Lil Cut Throat alias $crim später im selben Stück.

Die $uicideboy$ sind zwei rappende Vettern aus New Orleans. Seit 2014 haben sie zirka 40 selbstproduzierte Mixtapes herausgebracht, von denen 20 den Titel Kill Yourself Part I bis Kill Yourself Part XX tragen; I Want To Die In New Orleans ist nun ihr erstes reguläres Album. Oxycontin ist eine uncoole, hässliche, finstere Droge; nicht einmal mit der blühendsten Fantasie und stärksten Verleugnung der Realität kann man ihr irgendeinen glamourösen Charakter andichten: Wer sich zu ihrem Gebrauch bekennt, outet sich als Verlierer und hoffnungslose Figur.

So wirken auch die Musik und die Texte der $uicideboy$ so, als ob sie von Junkies oder von Zombies stammten. Ihr rhythmisches Fundament bilden berstende Bässe und Glöckchengeklingel wie aus einer Friedhofskapelle, dazu rappen sie von Depression, Verzweiflung und Voodootänzen auf frisch zugeschütteten Gräbern. Manchmal holen sie die Toten auch zurück in die Welt: Bring Out Your Dead heißt das zweite Stück auf dem Album; "I can hear my dead homies sing", rappt Ruby Da Cherry in Carrollton: Die $uicideboy$ sind gothicverliebte Apokalyptiker und Sozialrealisten; in der gegenwärtigen Lage der USA, sagen sie, ist das kein Unterschied.