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Low: Double Negative (Sub Pop)

Auf der EP Songs For A Dead Pilot von 1997 klingt das Abschiednehmen so gespenstisch abwesend und verzerrt, als lausche man in einem Kellergewölbe aus weiter Ferne einer Schattenband. Gitarre und Gesang, Keyboard und Streicher verhallen betörend und verstörend langsam – Minimalismus und Drama – Schauer des Slowcore. Als dessen Urheber gilt das Trio Low, vor 25 Jahren gegründet von dem Ehepaar Mimi Parker und Alan Sparhawk aus Duluth, Minnesota. Vom zarten Folk-Album Secret Name über grollenden Gitarrennoise bis zu Sehnsuchtsrockballaden wie Dinosaur Act oder Silver Rider schufen Low einen unverwechselbaren Sound, der Künstler wie Sun Kil Moon, Bill Callahan, Cat Power und viele andere beeinflusste. Parkers schleppendes Schlagzeugspiel und dazu der scheue und doch schwelgerische Harmoniegesang des Paares bildeten einen mainstreamuntauglichen Gegenentwurf zum Hochglanzpop und Alternative Rock der Neunzigerjahre. 

Bis 2011 das Album C'mon erschien. Es enttäuschte Kritiker und Fans, lieferte jedoch einen Song für die Netflix-Serie Orange Is The New Black. Vier Jahre später dann das Meisterwerk Ones And Sixes, das Intime und Analoge trat in Interaktion mit programmierten Beats. Wie unter einem Brennglas schoben sich die subsonischen Lärmerschütterungen und das an Körper und Seele kratzende Zeitlupensaiteninferno zu stabilen Songs zurecht. Ein letztes wunderbares Manifest?

Mitnichten, jetzt stürzen sich Parker und Sparhawk mit ihrem Bassisten Steve Garrington und dem Bon-Iver-Produzenten BJ Burton in neue Experimente und klingen auf Double Negative abrasiver und monumentaler als je zuvor. Burton fügt nicht einfach seine Hip-Hop-Skills hinzu, er ist der Fährmann in eine Unterwelt aus sakral anmutenden, sich aneinander aufreibenden Drones und Geisterchören. Zerbröselnde Loops und Beats entfachen shakespearsche Stürme, brüchig kämpfen sich die mahnenden Stimmen durch: Before it falls into total disarray/You’ll have to learn to live a different way. In Zeiten von Fake-News und Meinungsterror beschwören Low ihre ureigenen inneren Heerscharen und finden Gutes in deren Furor. Selten war Musik zugleich so brachial und empfindsam.

 


 

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Kala Brisella: Ghost (Tapete Records)

Morgendämmerung beim Punknachwuchs. Die Hoffnungsträger heißen Erregung Öffentlicher Erregung, Trucks, Acht Eimer Hühnerherzen, Vizediktator – und Kala Brisella. Wer sich voriges Jahr beim Debüt Endlich Krank in den schrammelrockigen Post-Punk des Berliner Trios vernarrte, ist womöglich zunächst irritiert vom neuen Album Ghost. Die Goldenen Zitronen in Grübellaune? Unveröffentlichtes von Tocotronic? Knapp daneben. Der rotzig exaltierte Gesang deutet in Richtung NDW, die Texte hingegen brennen vor privater und politischer Verzweiflung im Hier und Jetzt. Die kreischende E-Gitarre wird dabei glatt von der ruhigen Spoken-Word-Nummer Gezackte Linie überstrahlt. Poetisch wie JaKönigJa, aber nur echt mit Polizeihubschraubergebrumm im Hintergrund. In Dein Du skandieren Kala Brisella das Dilemma ihrer Generation: Was ist die Zukunft, was ist neu [...] Ist doch klar, alles was neu ist, ist nicht the future, ist nicht mehr da. Dass mehr dahinter steckt als die Nostalgie des Rauen und Ruppigen, signalisiert auch die Einladung des Avantgardemusikers Thurston Moore, ihn auf seine Deutschlandtour zu begleiten. Dort und auf den eigenen Konzertterminen gibt es Zeilen wie Jedes Versteck hat jemand, der es findet zu feiern.

 

 

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Thomas Fehlmann: Los Lagos (Kompakt)

Bei den Ambient-House-Pionieren The Orb ist er seit neuestem nicht mehr mit von der Partie. Doch ist es für Thomas Fehlmann weniger ein großer Abschied als ein Beiseitetreten, um sich wieder stärker seiner ebenso lebensprägenden Leidenschaft zu widmen, dem Berlin-Detroit-Techno. Mit 61 Jahren hat der Mitbegründer von Palais Schaumburg schon viele Experimente hinter sich und überließ das siebte Soloalbum Los Lagos ganz seiner Intuition. Die Tracks pendeln lässig zwischen Kunst und Disco, Minimal und Übertreibung, De- und Rekonstruktion. Sie fließen frei oder heben funky in den Orbit ab oder lassen in Tempelhof with Max Loderbauer in Neunzigermanier den Schaffel wühlen. Kommt mit ins Löwenzahnzimmer, wo die gniedeligen Melodiekürzel, der Dub-House aus Moritz von Oswalds Nachbarkeller und die aus einem Mouse-On-Mars-Labor entfleuchten Geräusche fröhliche Urständ feiern. Langweilig wird es nie, wenn Fehlmanns Sounds und Samples ihre Histörchen erzählen, und in jedweder BPM-Zahl bewegt sich der Körper wie von selbst dazu.

 

 

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Web Web: Dance Of The Demons (Compost Records)

Sogar der Jazz muss nicht angestrengt klingen und verführt zum entspannten Abheben, wenn die Akteure es verstehen, sich von ihrem Profistatus freizuspielen. Das gelingt der Supergroup Web Web jetzt auch mit ihrer zweiten Gemeinschaftsproduktion Dance Of The Demons, einer rauschhaften Reise durch den Soul- und Ethiopian Jazz der Sechzigerjahre. Roberto Di Gioia (Piano, Synthesizer), Tony Lakatos (Saxofone), Christian von Kaphengst (Kontrabass) und Peter Gall (Schlagzeug) sind allesamt Koryphäen, das Aufzählen ihrer Profile würde hier jegliches Format sprengen. Di Gioia zum Beispiel kollaborierte mit Klaus Doldingers Passport, Charlie Watts, Console, The Notwist, Max Herre und Peter Kruder. Der eigentliche Star ist dieses Mal jedoch der Gnawa-Musiker, Gimbri-Spieler und Sänger Majid Bekkas. Er bringt das spirituelle nordafrikanische Timing und Lebensgefühl in die westlichen Improvisationsmuster zurück. Bevor sich in Supereruption der Space-Jazz in die Cocktaillounge fläzen kann, haben im Stück Sandia die Stimmen der Urahnen längst den Tanz der Dämonen verfügt.