Im Herbst 1992 veröffentlichte die Hip-Hop-Crew Advanced Chemistry ihre Single Fremd im eigenen Land. Kurz vorher, im August, hatten Hunderte Rechtsradikale in Rostock-Lichtenhagen ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. Tausende hatten applaudierend zugeschaut.

Den Songtext hatten die Heidelberger Rapper Toni L. und Torch schon vor den Pogromen geschrieben. Aus aktuellem Anlass bauten sie als Intro für den Song noch Liveaufnahmen eines Nachrichtensprechers ein. Fremd im eigenen Land handelte von den Erfahrungen der Rapper als Migrantenkinder, von Rechtsextremismus, Rassismus, Polizeibrutalität, Armut, Arbeitslosigkeit und der Einseitigkeit der Medien. Torch rappte:

Doch seit 20 Jahren leben wir hier, sind es leid zu schweigen
(Pogrome entstehen), Polizei steht daneben
(Ein deutscher Staatsbürger fürchtet um sein Leben)
In der Fernsehsendung die Wiedervereinigung
Anfangs hab' ich mich gefreut, doch schnell hab ich's bereut
Denn noch nie seit ich denken kann, war's so schlimm wie heut

Es war ein Protestsong gegen die herrschenden rassistischen Zustände in Deutschland und machte Toni L. und Torch landesweit bekannt. Der Song markierte außerdem die Gründungsstunde des deutschen Rap und ist der Anfang einer sehr langen Geschichte.

Jeden Freitagabend die Angst im Nacken

Wer in den Neunzigerjahren in Ostdeutschland aufgewachsen ist, weiß sehr genau, was Torch damals meinte. Rechtsextremismus war Alltag und ist Teil der Coming-of-Age-Erfahrungen vieler junger Ostdeutscher. Wer noch einmal nachempfinden will, was Rechte damals antrieb, dem sei der Dokumentarfilm von Thomas Heise Stau – Jetzt gehts los über die radikale Jugendszene in Halle an der Saale empfohlen.

Jeden Freitagabend die Angst im Nacken, dass vor Diskotheken, Kneipen, Haltestellen Neonazis mit geballten Fäusten oder Baseballschlägern in den Händen warteten. Jede Freitagnacht die Erleichterung, wenn man – schwarz oder weiß, nur eben nicht Neonazi – wieder sicher zu Hause im Bett lag. Jeden 1. Mai der große Knall in ostdeutschen Großstädten, wenn Neonazis durch die Zentren marschieren durften und alle anderen versuchten, sich gegen sie zu stellen. Haltung zeigen war für Jugendliche damals eine Selbstverständlichkeit. An jedem zweiten Rucksack klebte ein "Nazis raus"-Sticker. Der erste sächsische Ministerpräsident, Kurt Biedenkopf, versprach während seiner zwölfjährigen Amtszeit trotzdem stoisch: "Gegen den Rechtsextremismus ist Sachsen immun."

Acht Jahre und eine Generation später folgte dann Teil zwei. Im Jahr 2000 gründete Torch mit jüngeren, hauptsächlich afrodeutschen Rappern wie Afrob, Samy Deluxe, Denyo 77, Gentlemen und Xavier Naidoo den Verein Brothers Keepers. Im Juni desselben Jahres war der Mosambikaner Alberto Adriano von Neonazis in Dessau zusammengeschlagen worden und wenige Tage danach an den Folgen seiner Verletzungen gestorben. Die Gründung war eine Reaktion auf den Mord und den erneuten Anstieg des Rechtsextremismus in Deutschland. Reggae-, Soul- und Hip-Hop-Künstlerinnen wie Pat und Melli von Skills en Masse schlossen sich unter dem Namen Sisters Keepers der Initiative an.  

2001 veröffentlichte der Verein die Single Adriano (Letzte Warnung). Der Refrain:

Dies ist so was wie eine letzte Warnung 
Denn unser Rückschlag ist längst in Planung 
Wir fall'n dort ein, wo ihr auffallt 
Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt 
Denn was ihr sucht ist das Ende 
Und was wir reichen sind geballte Fäuste und keine Hände 

Brothers Keepers tourten daraufhin durch Festivals, Konzerthallen und Schulen in Ostdeutschland und warben für mehr Toleranz. Im Sommer 2001 spielten sie auf dem Hip-Hop-Festival Splash in Chemnitz. Die Erlöse der Konzerte gingen an Opfer von rechtsextremer Gewalt und deren Familien.

Wer Hip-Hop hörte, war gegen Neonazis

Chemnitz war in diesen frühen Nullerjahren eine Stadt, in die man als Jugendliche regelmäßig fuhr, um Hip-Hop-Konzerte zu besuchen. Diese Konzerte waren auch eine Form des Protests. Wer Hip-Hop hörte, war gegen Neonazis. Hip-Hop rettete aus dem graubraunen Leben und versprach Besserung. Wenn nicht durch Taten von oben, dann wenigstens durch Worte von unten. Rapper und Rapperinnen gehörten zu den wenigen, die die Probleme offen ansprachen, statt sie weg- oder schönzureden. Sie waren die, die dabei halfen, nicht an der Gegenwart zu verzweifeln. Man hielt sich an manchen von ihnen fest wie an Propheten.

2004 zog die NPD mit 9,2 Prozent das erste Mal in den sächsischen Landtag ein. Da waren schon viele ostdeutsche Jugendliche weggezogen, nach Westdeutschland oder nach Berlin. Irgendwann wurde es stiller. Vielleicht sah auch keiner mehr so genau hin. Sachsen präsentierte sich nach außen als ostdeutsches Musterland. Aber keiner fragte nach, ob der scheinbare Streber der neuen Fünf auch in Sachen Demokratie und Weltoffenheit hinterhergekommen war.

Fast 20 Jahre ist das nun her, dass Afrob in Adriano textete:

Wie viel Blut muss fließen in innerdeutschen Krisen 
Alter, schau, die letzten Jahre haben das mir zu oft bewiesen 
Dass die Menschen sich erheben, wenn die Leute nicht mehr leben 
Doch dann ist es zu spät, ihr solltet öfters drüber reden  

Geredet wurde seitdem wenig oder besser: nicht genug. Der Verein Brothers Keepers ist nicht mehr aktiv. Viele der damaligen Rapper haben sich zurückgezogen. Nur das ehemalige Mitglied Xavier Naidoo fällt immer wieder mit zweifelhaften Äußerungen auf, die den Eindruck erwecken, er hätte die Seiten gewechselt.

Im Dezember 2014 gingen die besorgten Bürgerinnen und Bürger mit rechter Gesinnung zum ersten Mal wieder geschlossen unter dem Namen Pegida in Dresden auf die Straße. Die Fremdenfeindlichkeit und der Rechtsextremismus sind seitdem nicht kleiner, sondern größer geworden. Das haben die Demonstrationen, Aufmärsche und Hetzjagden der vergangenen Woche in Chemnitz deutlich gezeigt. Anfang August veröffentlichte Samy Deluxe, als hätte er die Stimmung dieses Spätsommers vorhergesehen, eine neue Version von Adriano aus seinem MTV-Unplugged-Album.

Nun soll am Montagnachmittag Teil drei der langen deutschen (Musik-)Geschichte stattfinden. Innerhalb weniger Tage haben Rapper und Rapperinnen wie Trettmann, Marteria & Casper und Nura von SXTN als Antwort auf die rechtsextremen Ausschreitungen unter dem Hashtag #wirsindmehr ein Konzert mitorganisiert. Ab 17 Uhr treten sie auf dem Platz am Karl-Marx-Monument in Chemnitz neben den Toten Hosen, Kraftklub, K.I.Z und Feine Sahne Fischfilet auf.

Der Eintritt ist frei. Kommen sollen alle und ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt setzen. In einem gemeinsamen Statement der Musiker heißt es: "All den Menschen, die von den Neonazis angegriffen wurden, wollen wir zeigen, dass sie nicht alleine sind." Auf Facebook haben bereits Tausende ihre Teilnahme angekündigt. Ab 17 Uhr zeigt ZEIT ONLINE einen Livestream des Konzerts.

Schade nur, dass die Rapväter an diesem Abend fehlen. Es braucht sie, um das große Ganze zu begreifen, zu verstehen, dass Demos, Konzerte, Songs gegen rechts eine lange Tradition in diesem Land haben. Dafür sind natürlich auch die Toten Hosen da. Aber vielleicht sind jetzt eben die Jungen dran, die nächste Generation des deutschen Sprechgesangs, von denen Musiker wie Trettmann selbst aus dem Osten kommen. Der schwarze amerikanische Künstler Jean-Michel Basquiat hat mal gesagt: "Geschichte dreht sich immer weiter, bis sich etwas ändert." Die Frage, die bleibt: Wie viele letzte Warnungen wird es noch geben?