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Behemoth: I Loved You At Your Darkest (Nuclear Blast/Warner)

Zu den kompetentesten Kunstgrunzern und Gutturalgurglern, die es in der osteuropäischen Schwarzmetallszene gibt, zählt seit einem Vierteljahrhundert Adam Darski aus Danzig. Unter dem Namen Nergal steht er der Band Behemoth vor, die ihrerseits nach einem übellaunigen Landungeheuer aus dem biblischen Buch Hiob heißt. Die Musik von Behemoth ist ebenso erfrischend finster und misanthrop, wie sie stilistisch abwechslungsreich ist. Sie wurzelt in der sinfonisch angedickten Wald-und-Tundra-Ästhetik des norwegischen Black Metal. Es finden sich aber auch Sitar-Soli in ihr, leiernde Knabenchöre und grobes Schlagzeuggedresche wie von einem angeketteten Tier, das beim Spielen in einem Kerker unentwegt sabbert. In Polen kommen die Platten von Behemoth verlässlich auf Platz eins der Hitparade.

Bei der mit dem Zustand des Landes unzufriedenen Jugend ist der Sänger Nergal insbesondere auch als unbeirrbarer Blasphemiker beliebt, und das heißt: als Erzfeind der immer reaktionärer auftretenden katholischen Kirche und der angeschlossenen Regierungspartei PiS. Lange Zeit wurde bei jedem Behemoth-Konzert jeweils eine Bibel zerrissen.

Auch auf dem neuen Album I Loved You At Your Darkest gehört gut gelaunte Gotteslästerei zu den Leitmotiven. Gleich am Anfang bekundet ein Kinderchor, dass er dem christlichen Gott und seinem Sohn Jesus Christus die in ihrem Namen begangenen Greueltaten nicht zu vergeben gedenkt: Jesus Christ – I forgive thee not! In dem Video zur ersten Single-Auskopplung God=Dog lässt Nergal sich selbst als unerlöster Erlöser an das Kreuz schlagen. In dem Stück Havohej Pantocrator bietet er eine satanische Variante des Vaterunser dar: Our father, who art in hell / Unhallowed be Thy name.

Auch in musikalischer Hinsicht sind die zwölf neuen Stücke gleichermaßen drollig und böse; in dramaturgisch stets kluger Weise werden Melodien und Gebrüll, Brutalität und Bedächtigkeit ineinander verflochten. In Wolves Ov Siberia schwirren die Gitarren giftig wie ein Hornissenschwarm, während Nergal irgendwas Nietzscheanisches krächzt. Bartzabel beginnt wie ein gemütliches Gothic-Rock-Stück, steigert sich dann jedoch mit allem gebotenen Pomp in die Beschwörung des gleichnamigen, aus der Kabbala bekannten Dämonen, der mit seinen schwarzen Flügeln schwere Orkane entfacht.



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Bliss Signal: Bliss Signal (True Panther/Profound Lore)

Rundum besinnlichen Basslärm finden wir hingegen auf dem Debütalbum des Duos Bliss Signal. Dabei handelt es sich um den irischen Black-Metal-Gitarristen James "Kelly" O’Ceallaigh, den Genrefreunde aus den Gruppen Altar of Plagues und Wife kennen, und den Londoner Grime- und Dubstep-Tiefenfrequenzfummler Jack Adams alias Mumdance. Gemeinsam verbinden sie kiefernknochenerschütternden Dub mit rumpelnden Doomschleifen und untertourigem Hundegeknurr. Im Titelstück des Albums wird ein animalisches Doppelbasstrommelgeholze mit munteren Handclaps aus der Teenie-Disco bereichert sowie mit schäbigem Backblechgeschepper und rückwärts abgespieltem Aliengegurgel. Erhabene Metaphysik und säkulare Hochkomik sind bei Bliss Signal kein Widerspruch; auch taugt ihr ritueller Minimalismus gut als Soundtrack für das bei urbanen Hipstern gerade so beliebte Doom Yoga. Wen – sagen wir mal – die metaphysische Monotonie von SunnO))) inzwischen ein wenig langweilt, der findet hier eine reizvolle Alternative.



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UUUU: UUUU (Editions Mego)

Die rituelle Steigerung der männlichen Sex-Energie war das musikalische Ziel der britischen Industrial-Band Coil – so bekundete sie es jedenfalls 1984 auf ihrem stilprägenden Albumdebüt How to Destroy Angels. In den Achtzigerjahren reüssierten Coil mit barock ausgeschmückten und erotisch vibrierenden Rumpelgeräuschplatten. In den Neunzigern wandten sie sich der Acid-House-Szene zu. In den Nullerjahren nahmen sie unter anderem zwei fabelhafte Schallplatten mit antiken Synthesizern der Armee der Sowjetunion auf. In dieser Zeit wurde auch der walisische Drehorgelspieler und Alphornbläser Tim Lewis alias Thighpaulsandra zum festen Mitglied der Band; nebenher wirkte er noch als Mellotronist für den charismatischen Druidenrocker Julian Cope. In seinem neuen Quartet UUUU musiziert Thighpaulsandra nun mit Mitgliedern der Gruppen Tomaga und Wire mit Synthesizern, Schlaginstrumenten und Vibraphon. Gemeinsam lassen sie schwefelgelb schimmernde Geräuschwolken schweben, unter denen es klappert und klingelt und düdelt wie auf einem Alice-Coltrane-Album aus den Siebzigerjahren. Ob sich damit die männliche Sex-Energie steigern lässt, muss jeder selbst ausprobieren.



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Yves Tumor: Safe In The Hands Of Love (Warp)

Auch der unter dem Namen Yves Tumor musizierende Sean L. Bowie verbindet elektronische Produktionsweisen mit ritualistischen Rhythmen. Bei seinen Konzerten pflegt er sein Publikum so lange anzuschreien und zu bedrohen, bis es zu seiner untanzbaren Musik willig zu tanzen beginnt. Yves Tumor wurde in Tennessee geboren und lebt derzeit in Turin. Auf seinem neuen Album befasst er sich mit der Frage, ob Hoffnung im Leiden liegt. Zu diesem Behuf entfesselt er eine Kakophonie aus lieblichem Gequietsche und grobem Geschabe, aus giftigem Schwarmgesumme und mit spitzen Fingern gezupften Free-Form-Gitarren und rappt, singt und wimmert dazu. In dem Stück Recognizing the Enemy erfahren wir zum Beispiel, dass Yves Tumor sich nicht mehr selbst erkennt, wenn er in den Spiegel schaut. Der Höhepunkt des Albums ist der Song Noid, er klingt wie ein beschwingter Rave-Disco-Beat nach Art der frühen Neunzigerjahre. Der Künstler erläutert uns dazu im Detail seine paranoide Persönlichkeitskonstitution: I’m not part of the killing spree / A symptom, born loser, statistic.