Chan Marshall hat schon einige leise Alben gemacht, aber Wanderer ist ihr erstes ruhiges. Seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht die Songwriterin, Sängerin, Multiinstrumentalistin, Produzentin und überzeugte Selbstmacherin Platten unter dem Namen Cat Power. Oft verrät der Gesichtsausdruck ihrer Songs dabei wenig über deren Gemütszustand. Noch aus den desolatesten jener Lieder, die Marshall Ende der Neunzigerjahre zum Kultstar aller Generation-X-Überbleibsel machten, konnte ihr selbstironischer Humor hervorscheinen. Später coverte sie Soul- und Rock-'n'-Roll-Standards, deren Ursprungssound und -stimmung meist nicht wiederzuerkennen waren.

Wanderer ist das zehnte Album der Künstlerin, die aus Atlanta stammt, aber schon lange zwischen Miami, New York und Tourleben pendelt. Es ist eine Platte, der die Zerrissenheit der vorangegangenen abgeht, sie scheint nicht an ihren Botschaften und eingeschlagenen Richtungen zu zweifeln. Früher war Marshall eine gute Sängerin und eine Meisterin des Ungesungenen: Es gab Songs von ihr, die sich praktisch selbst trugen, nur durch das, was mitschwang oder vom Publikum hinzuerfunden werden konnte. Diesmal jedoch geht es um klare Verhältnisse, geschaffen in elf gleich klingenden, gleich gesungenen, gleich gelaunten Folk- und Blues-Liedern. Das Cover von Wanderer zeigt alles, was Marshall lieb ist: ihren Sohn, eine Gitarre und sie selbst.

Ein solcher Kurswechsel muss nicht verkehrt sein, zumal es gute Gründe dafür gibt. Marshall gilt seit jeher als exzentrischer Charakter. Es gibt auch Leute in der Musikindustrie, die sie als unzuverlässig beschreiben. Ihre Kämpfe mit Depressionen, Alkoholmissbrauch und extremem Lampenfieber sind hinlänglich dokumentiert – nicht zuletzt, weil Marshall oft und offen darüber gesprochen hat. Als vor sechs Jahren ihr letztes Album Sun erschien, fanden die zugehörigen Interviews unter den noch frischen Eindrücken einer Trennung statt. Der Tonfall der Berichterstattung pendelte zwischen Mitleid, Häme und Sensationsgeilheit. Er überschattete eine der tollsten Platten in Marshalls Karriere.

Marshall denkt heute kaum noch an diese Zeit zurück, hat aber eins nicht vergessen: Verfehlungen und Verhaltensmuster, die bei männlichen Künstlern als amüsante Marotten oder wichtiger Baustein der Genie-DNS gelten, wurden ihr deutlich böswilliger angerechnet. Peter Doherty geht als temperamentvoll durch, sie nennt man hysterisch. Auf Wanderer beschäftigt sich der Song Woman mit dieser Schräglage. Marshall singt ihn gemeinsam mit Lana Del Rey und erinnert die Welt an den Wert und die Wahrhaftigkeit ihrer Arbeit. "I’m a woman of my word / Now you have heard." Den Rest besorgt eine Barband in Sperrstundenstimmung.

Woman ist umso bemerkenswerter, weil Marshall sich mit diesem Stück vom männlich geprägten Künstlerklischee des strauchelnden Schöpfergeistes verabschiedet – und zugleich ihre Aneignung eines anderen männlich geprägten Künstlerklischees einläutet. Auf Wanderer wird sie zur puristischen Folkmusikerin, bleibt immer nah am Mikrofon und der Wahrheit. Von einer Autotuneausnahme abgesehen, singt Marshall in einem raunenden, atmungsaktiven Timbre, das besondere Echtheit und Dringlichkeit signalisiert. Die Songs dazu bürstet sie auf schmucklose Intimität: Akustikgitarre, Klavier, handgetrommelte Percussion. Nur ein Mundharmonikagestell konnte sich Marshall gerade noch verkneifen.

Öffentliche Aufräumarbeiten

Die historischen Vorbilder für einen solchen Stilwechsel sind schwer beladen mit bedeutungsvoller Musikgeschichte. Meistens erscheinen sie gekoppelt an eine große Erzählung aus Läuterung und Comeback, etwa im Fall von Johnny Cashs American Recordings. Oder sie verschreiben sich mit ihren reduzierten Songs der Bewältigung besonders schwerer Traumata, etwa im Fall von Sufjan Stevens’ Carrie & Lowell. Cat Powers Wanderer klingt nicht wie diese beiden Platten, aber es ist wie sie: ein Album der Aufräumarbeiten, an deren Ende meist die Rückbesinnung auf das vermeintlich Wesentliche steht.

Ein paar Mal geht dieses Konzept spektakulär auf. Herzstück von Wanderer ist eine Interpretation der Powerballade Stay von Rihanna und Mikky Ekko, die zu den besten der vielen Coverversionen gehört, die Marshall in ihrer Karriere aufgenommen hat. Sie reduziert den Song auf seine Schlüsselzeilen sowie einige effektive Pausen zwischen den Klaviertönen und gibt damit auch die Richtung für das darauffolgende Black vor. Der ruhigste Song auf Wanderer ist zugleich der härteste: Während sich ihre Gitarre als einziges Begleitinstrument in Akkordandeutungen ergibt, erzählt Marshall die tragisch geendeten Geschichten einiger früherer Weggefährtinnen nach.

Die Künstlerin singt nicht nur dieses Stück, als hätte sie ein lange gehütetes Geheimnis zu verraten. Der Stil, den sie für Wanderer kultiviert, funktioniert in Black jedoch besonders gut, weil ihre Schilderungen so lückenhaft bleiben, dass man die entscheidenden Details selbst erfühlen muss. Andere Songs sind eindeutiger und deshalb weniger wirkmächtig. Sie erklären ihre handgemachte Schlichtheit zum Statement – und offenbaren damit überraschend gestrige Vorstellungen von Authentizität und Qualitätsmusik.

Überraschend, weil Marshall schon einmal weiter war. Das Tolle an ihrer vorigen Platte Sun ist die Streckbereitschaft Richtung Pop und Elektronik: eine ausproduzierte Künstlichkeit, mit der sie sich vom manchmal allzu gut geölten Memphis Soul ihrer vorherigen Karrierephase befreite. Das Album enthielt Lieder über unsteten Lebenswandel, Taumel und freien Fall – und mündete in der Endloshymne Nothin But Time, die David Bowie in den Siebzigerjahren auch nicht feierlicher am Punkt vorbeigeschlenzt hätte. Auf Wanderer wären solche Ausreißer weder in die Breite noch nach oben denkbar. Es ist das erste ruhige Album von Cat Power. Und auch ein vergleichsweise kleines.

"Wanderer" von Cat Power ist erschienen bei Domino/GoodToGo.