"Was sind meine Handicaps? Meine Stimme. Mein kleiner Wuchs. Meine Gesten. Meine geringe Bildung. Meine Offenheit. Meine fehlende Persönlichkeit." In Aznavour, der ersten Fernsehdokumentation über ihn aus dem Jahr 2014, liest Charles Aznavour von einem Zettel ab, was er sich vor Jahrzehnten einmal als seine individuellen Schwächen notiert hat.

In Bezug auf seine Persönlichkeit habe er sich wohl geirrt, gibt er später in der Dokumentation zu, aber selbst das macht er auf eine Art, die jede Bewunderung und jeden Stolz abwehren will. In dieser tief greifenden Zermürbung vereint Aznavour auf sich, was das spezielle Wesen des Chansonniers ausmacht: das Zweifeln, die Überwindung, auf die Bühne zu gehen und in den Texten das Innerste nach Außen zu kehren.

Wer Chansons vorträgt, kann damit vielleicht als Star wahrgenommen werden, wovon man in diesem Fall ausgehen darf. Charles Aznavour hat in einer mehr als 70 Jahre andauernden Karriere mehr als tausend Chansons komponiert und getextet und mehr als 180 Millionen Tonträger verkauft. Außerdem hat er als Filmschauspieler gewirkt, beispielsweise in der Blechtrommel, er war armenischer Botschafter in der Schweiz sowie ständiger Vertreter Armeniens bei den Vereinten Nationen in Genf.

Der Chansonnier – und ebenso die Chansonnière, etwa Juliette Gréco – will von Berufs wegen nicht Star sein. Sondern eine Geschichte erzählen, mit den Mitteln des Gesangs. So lautet ja eine der inhaltlichen Grundanforderungen an das Genre des Chansons, das sich musikalisch aus dem Walzer heraus entwickelt hat: eine in drei Minuten zu erzählende Geschichte, die auch als Gedicht Bestand haben könnte. Aznavour hatte ohnehin immer eher die Stimme eines Geschichtenerzählers, nicht strahlend, sondern melancholisch. Nicht groß im Umfang, sondern stets wie mit etwas Sand im Getriebe.

"Meine Stimme klingt nicht typisch französisch, sie klingt mediterran, ein bisschen rau. Es ist etwas von einem Muezzin drin und etwas von einem Kantor, auch etwas Persisches und Nordafrikanisches", hat er im Interview mit der ZEIT einmal gesagt.

Schwarz war Pflicht

Diese Brüchigkeit gehört im Grunde auch dazu, wenn man im Chansonfach etwas werden will. Es geht darum, eine intime Situation zu erschaffen, zu einem Vertrauten für jeden und jede der Zuhörer zu werden. Diese Situation war bisweilen ein wenig schwer heraufzubeschwören. Aznavour, der bis zuletzt immer gerade wieder auf Tournee zu sein schien, zog es in die großen Hallen. Auf solchen Bühnen kann man leicht verloren gehen.

Aznavour, um damit anzufangen, hat selbst genug über seine Körpergröße von 1,61 Meter geredet und sich doch nie pompöse Gesten angeeignet, sondern einfach mit seinem sanften Zögern zu singen begonnen. Stets erschien er zu seinen Konzerten in Schwarz, schwarz schillerndes Conférencier-Sakko, schwarze Tanzschuhe, schwarze Hose, schwarzes Hemd: Die Farbe muss wohl Pflicht sein für die Vertreter des Nachkriegschansons, die sich in der Tradition des Existenzialismus sahen.

Aznavours Eltern waren aus ihrer Heimat geflüchtet, um dem Völkermord an den Armeniern zu entkommen; er war 1924 im Pariser Studentenviertel Quartier Latin zur Welt gekommen. Im Jahr 1946 wurde er von Édith Piaf entdeckt und mit auf Tournee genommen. Er sang auf Französisch, auf Italienisch, auf Deutsch, auf Englisch. Du lässt dich gehen, die eingedeutschte Version von Tu t'laisses aller, nimmt in der zwischen harsch und charmant changierenden Anklage einer Frau, die sich nicht mehr schön macht, viele Ratgeberbücher über die Miseren des Ehelebens vorweg.

Charles Aznavour schrieb Lieder über Transvestiten und Kriegskinder, über das Alter, über die Liebe im Wandel ­– wie man sie eben über sieben Jahrzehnte hinweg professionell beobachtet. Immer schienen seine Texte, klassisch existenzialistisch eigenen elementaren Erfahrungen abgerungen, sehr nah an ihm selbst. She hat es in den Film Notting Hill mit Julia Roberts geschafft und gilt als eins von Charles Aznavours berühmtesten Liedern. Weil es der Liebe keine Bedingungen stellt, sondern sich ihr ergibt.

Am 1. Oktober 2018 ist er mit 94 Jahren in seinem Haus in der Provence verstorben.