Nicht selten bietet das Seelenleben eines Künstlers Stoff für Dramen, wahlweise mit oder ohne Happy End. Vor allem, wenn derjenige mit geradezu missionarischem Exhibitionismus jede Gefühlsregung, den ganzen über die Jahre angesammelten Schmerz, seine Selbstzweifel, all die Angst in einsamen Stunden, die daraus resultierenden depressiven Schübe, aber auch die Augenblicke verhaltenen, manchmal sogar überschwänglichen Glücks regelmäßig in der Öffentlichkeit ausbreitet.

Wie der Jazzpianist Keith Jarrett gerade drauf ist, das weiß seit Jahrzehnten eigentlich jeder, der sich für ihn interessiert. Seine Musik, die Titel und Beigeschichten seiner Liveaufnahmen übermitteln zuverlässig den gerade aktuellen emotionalen Pegelstand. Wie ein Regenradar zeigen sie zurückliegende oder anstehende Hoch- und Tiefdruckgebiete an, warnen vor Hurrikans und geben manchmal sogar Erklärungen für vergangene Katastrophen. Natürlich ist das auch der Fall bei der neuesten Veröffentlichung La Fenice, aufgenommen im gleichnamigen Theater in Venedig am 19. Juli 2006, einem der heiligen Konzertsäle der klassischen Musik.

Das Album gehört zu den balanciertesten, reifsten, komplettesten, mithin nachhaltigsten Aufnahmen seiner umfangreichen Diskografie, entstanden auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Kein Vergleich zum Köln Concert, das als der meist verkaufte Jazztonträger aller Zeiten gilt. Jarrett selbst hasst das Köln Concert abgrundtief, heute mehr denn je, weil es seinem Anspruch von Perfektion nicht einmal im Ansatz genügt. Und weil es das Publikum mit seinen traumwandlerischen Wohlklangsfluten eher einlullt als fordert. Wer Keith Jarrett begreifen will, den Mann, der einfach spielt, anstatt zu komponieren, der komponiert, anstatt zu denken, sollte sich zuerst das jetzt erscheinende Venedig-Konzert von 2006 anhören.

Zu erleben gibt es hier den kompletten Jarrett. Den Wankelmütigen, den Forscher, den Aggressiven, den atonalen Brandstifter, den schwelgenden Balladenträumer, den grinsenden Tapdancer, den rasenden Bebopflitzer, den störrischen Akkordstanzer, den Jongleur des Banalen. Es scheint, als sei er in jenen Tagen absolut mit sich im Reinen gewesen. Dabei gelang ihm etwas, wonach er jahrzehntelang vergeblich gesucht hatte: den reißenden Fluss seiner Inspiration endlich zu kanalisieren und seine eigenen Ansprüche zu erfüllen. La Fenice besteht im Wesentlichen aus einer achtteiligen Suite, die alles vom Blues bis zur Atonalität referenziert. Zwischen dem sechsten und dem siebten Stück springt Jarrett überraschend zu The Sun Whose Rays (Are All Ablaze) aus Gilbert und Sullivans satirischer Operette The Mikado. Und wie immer umarmt er bei den Zugaben das zuvor domestizierte, arg geschundene Publikum, indem er ihm das Traditional My Wild Irish Rose, den Standard Stella By Starlight sowie eine Version des wunderbaren Belonging schenkt, das er bereits 1974 mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen aufgenommen hatte.

Die ganze Symbolkraft des Doppelalbums, seine Botschaft erschließt sich einem allerdings erst, wenn man Keith Jarretts Vergangenheit, Gegenwart und Vision miteinander abgleicht:

Dark Intervals (1987) thematisierte erstmals seine bis heute andauernde rastlose Suche nach dem perfekten Ausdruck in den Höllentälern der Musik. Inside Out (2000) markierte den Punkt, an dem er sich nach jahrzehntelangen Standardexzessen im Trio endlich wieder der Musik zuwenden wollte, die in ihm selbst erklang und mit Macht nach außen drängte. A Multitude Of Angels, erschienen 2016, rekapituliert die letzten vier Solokonzerte in Italien im Oktober 1996, bevor ihn das Chronische Erschöpfungssyndrom zu einer fast dreijährigen Schaffenspause zwang. Eine Zäsur. Die im Frühjahr 2018 veröffentlichte, durchaus programmatisch zu verstehende Trio-Aufnahme After The Fall ist das Dokument seiner Rückkehr aus der Einsamkeit – ein vorsichtiges, fast ängstliches Herantasten an die frühere Normalität.

Dann existiert da jene Liveaufnahme aus Paris und London vom Herbst 2008, die den apokalyptischen Zusatz Testament trägt und Jarretts Trennung von seiner zweiten Frau Rose Anne nach 30 Jahren Ehe verarbeitet. Der Pianist schreibt so etwas gern in die Linernotes seiner Booklets. Da steht dann unter anderem, dass er nur Tage nach der Trennung den Entschluss fasste, Konzerte zu geben. Stress, Leere, Zweifel ("Wenn ich jetzt aufgebe, dann ist es für immer vorbei"), Zusammenbrüche und unglaubliche Triumphe. In Musik gewendet ergab das verstörende Klangmobile voller Brachialität, entrückte Fantasien, traumhafte Balladen, die am Schluss in einem atemberaubenden, ekstatisch pulsierenden Rock aufgingen. Zum ersten Mal habe er seine Arme nach einem Konzert kühlen müssen, schreibt er. Bekenntnisse eines hypersensiblen, verletzlichen Exzentrikers. Der andere Jarrett erschien auf Rio von 2011. Hier durfte man über eine frei atmende Musik mit nahezu beschwingtem Gestus staunen. Die Inspirationsquelle hieß Akiko, eine junge Japanerin, die mittlerweile seine dritte Frau geworden ist.

Instinktmusiker ohne Notenblatt

Eigentlich geht all das niemanden etwas an. Private Tragödien, Krankheiten, Depressionen, das Sterben einer Beziehung, das Frischverliebtsein: Drama, Baby, Drama! Man muss Jarretts Hang zum Pathos, zum Klangexhibitionismus zu nehmen wissen. Der heute 73-Jährige stürzt sich lieber kopfüber in den Sog der unkontrollierten Emotionen, als das sichere Gleis der kalten, technisierten Routine zu wählen. Ein unberechenbarer Wahnsinniger, der sein Publikum bei zu lautem Atmen oder Husten maßregelt oder es sogar übel beleidigt; arrogant, anmaßend, hysterisch bis zur Schmerzgrenze, wachsam, lauernd nach allen Seiten, euphorisch oder vor Gram gebeugt. Jedes seiner Werke spiegelt eine wild tobende Gefühlswelt. Ohne sie wäre Keith Jarrett nur einer von Milliarden, die sich an den Elfenbeintasten versuchen.

In den Testament-Linernotes erklärt der Pianist, wie seine Musik entsteht. Schon als Kind log er der Mutter vor, alle seine "Kompositionen" aufzuschreiben. Stattdessen ruft er sie aus seinen Fingern ab, die ihm längst das Denken abgenommen haben. Spontan, instinktiv, ohne Partitur oder Vorgabe. Die Hände berühren die Tasten und alles geht wie von selbst. Ein assoziatives Agieren, bei dem allein die eigene Verfassung und die Atmosphäre eines Konzertsaales Regie führen dürfen. Dem Schweizer Journalisten Peter Rüedi verriet Keith Jarrett einmal, wie er seine Solodarbietungen angeht: "Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann." Eben aus diesem Grund betritt er seit beinahe zwei Jahrzehnten kein Tonstudio mehr. Das reinigende, selbstkasteiende, rauschhafte Momentum der Musik findet nur noch in den seltenen Augenblicken auf einer Bühne statt.  

Sein Auftritt in Venedig Ende September dieses Jahres war schon lange gebucht und Jarrett freute sich darauf: Beim 62. Internationalen Festival zeitgenössischer Musik der Biennale hätte er den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk entgegennehmen sollen, als erster Jazzmusiker überhaupt, in einer Reihe mit Ikonen der zeitgenössischen Klassik wie Pierre Boulez, Steve Reich, Wolfgang Rihm, György Kurtág, Helmut Lachenmann oder Luciano Berio. Ein weiterer, vielleicht sogar der wichtigste Ritterschlag für den Amerikaner: die lang ersehnte Anerkennung aus dem Olymp der Klassik, für ihn, den improvisierenden Instinktmusiker ohne Notenblatt.

Dann sagte Keith Jarrett alles ab, die Verleihung, das Konzert. Aber er bedankt sich nun öffentlich mit seinem neuen Album La Fenice, einem kleinen Schatz aus seinem Archiv, das am Ort der Ehrung, nur eben zwölf Jahre zuvor aufgenommen wurde. Schon seit März war er nicht mehr aufgetreten, jetzt aber ist klar, dass dahinter mehr als eine seiner Launen steckt. Dem Vernehmen nach ist der Pianist abermals ernsthaft erkrankt. Seine Plattenfirma ECM aus dem bayrischen Gräfelfing will dazu nichts sagen. Sie bittet nur darum, auf Spekulationen zu verzichten. Es bleibt zu hoffen, dass Keith Jarrett uns auf seinem nächsten Album detailreich erzählt, wie es ihm ergangen ist.

"La Fenice" von Keith Jarrett erscheint am 19. Oktober bei ECM/Universal.