© Young Money

Lil Wayne – Tha Carter V (Young Money)

Vergifteter und weniger aussagekräftig als "Lil Waynes bestes Album seit Jahren" könnte ein Lob kaum sein. Das Œuvre des Rappers aus New Orleans gehört zu den unübersichtlicheren im Hip-Hop, es besteht aus angekündigten und immer wieder verschobenen Alben samt geleakter oder inoffizieller Versionen und vielen Mixtapes. Der Markstein war dabei immer seine Tha Carter-Reihe, deren fünfter Teil nach Jahren nicht nur juristischer Kämpfe mit seinem ehemaligen Labelboss Birdman jetzt erscheint.

Die Nicht-Geschlossenheit des Albums mit der komplizierten Entstehungsgeschichte zu erklären, wäre zu naiv. Für Waynes Musik wurde das Adjektiv überbordend erfunden – viele wilde Reime, viele Songs, viele Stile und Tonfälle. Bei allen ekstatischen Wortkaskaden ist Wayne immer ein Suchender, Verzweifelter, oder oft einfach traurig, so traurig wie die Pianoloops oder die Gitarrensamples. Andeutungen zufolge könnte es das letzte Album des Rappers sein und tatsächlich wirkt es wie ein Resümee, auch durch die Auftritte alter Gefährten wie der Produzentenlegende Mannie Fresh.

Durch die Musik wabert eine unbestimmte Religiösität: irgendwas mit Sünde, Tod und Leid, verkörpert von Waynes erstem Feature, dem Rapper XXXTentacion, der vor seinem Tod bekannt wurde durch verstörende Missbrauchsvorwürfe und eine fast ebenso verstörende, apathische Fanbase. Auf der anderen Seite steht die Hoffnung auf (falsche) Erlösung, ausgedrückt von Popgospelanklängen und dem Auftritt seiner Tochter Reginae Carter als Gastsängerin. All das ist nicht neu, aber mehr als souverän serviert.

Trotzdem schafft es Wayne, auch neues Terrain zu betreten, und lässt am Anfang und am Ende des Albums seine eigene Mutter mit Tränen in der Stimme ihre Dankbarkeit ausdrücken, dass es ihn gibt, womit er alle Mama-ist-stolz-Songs anderer Rapper mit einem freudianischen Looping hinter sich lässt. Regeln und oft verquere Moral gibt es im Hip-Hop genug, Ego sowieso – aber nur Lil Wayne verkörpert so sehr das Es des Genres.



Tunde Olaniran – Stranger (QPM)

"It's my party", verkündet Tunde Olaniran zu Beginn seines Albums und lässt dabei offen, ob er wie im gleichnamigen Schlager auch weinen wird, wenn ihm danach ist. Zwar hat der in Detroit ansässige Sänger ein paar Mal Schluchzer in der Stimme, aber die Stimmung seiner Musik ist ansonsten eher trotzig-stolz.

Die Referenz an Lesley Gore ist nur eine von vielen an vergangene Pop-Zeiten, von denen sich Olaniran nicht im Sound, aber in der Energie und Substanz inspirieren lässt. Im Gegensatz zu vielen seiner R'n'B-Gefährten, die sich oft in der hooklosen Skizzenhaftigkeit treiben lassen, hat Olaniran fast zu viele Ideen. Seine Songs sind meist kleine theatralische Dreiakter. Als Hauptdarsteller fühlt sich Olaniran in winterlichen Synthwehen genauso wohl wie im teenieradiotauglichen EDM-Pop mit Gospelharmonien.

Olaniran kommt aus Flint, der amerikanischen Stadt ohne Trinkwasser, aber sein Album ist keine erwartbare Protestmusik, sondern leuchtet Herzschmerz, Selbstbewusstsein und Ekstase aus. Nur am Ende bringt der Refrain "My body is a symbol" alle Albträume der Gegenwart vorsichtig wieder in die Musik, um dann doch weiterzutanzen. Es ist Olanirans Party und er muss ja nicht weinen, wenn ihm nicht danach ist.



© Merge Records

Fucked Up – Dose Your Dreams (Merge Records)

Tatsächlich sollte Protestmusik nach Brexit, Trump und einem allgemeinen Rechtsruck wieder an Bedeutung und Schärfe gewinnen, so eine der denkbar dümmsten Prophezeiungen der letzten Jahre. Die Punkband mit dem schönen Namen Fucked Up aus Toronto galt dabei als eine der Hoffnungsträgerinnen, hatte sie doch schon während der ungleich langweiligeren Jahre von Obama und Harper die Hardcoreflagge gehisst.

Jetzt kehrt sie mit dem denkbar unrevolutionärsten Medium zurück, dem Artrock-Doppelalbum. Trotzdem – oder, wenn wir ehrlich sind, deswegen – sind die stärksten Songs die, die unter drei Minuten bleiben.

Das ist zum Glück die reale oder wenigstens gefühlte Länge der meisten Stücke, die dann auch wirklich aggressiv nach vorne gehen und komplizierte Emotionen wie Weltentfremdung einfach herausschreien, statt wie auf dem Rest des Albums eher simple Ideen in komplizierte Madchester-Gebilde zu verpacken, die doch nie wirklich Feuer fangen. Und auch die Behauptung in den liner notes, die 18 Songs des Albums würden die 18 Kapitel von Ulysses widerspiegeln, vergessen wir mal ganz schnell und nehmen den Song Raise Your Voice Joyce lieber als die Pogues-Hommage, als die er gut funktioniert.



© Sacred Bones

Marissa Nadler – For My Crimes (Sacred Bones)

Solche literarischen Vergleiche hat sich die Singer-Songwriterin Marissa Nadler schon eher verdient. Sie hat sich einen Ruf als Emily Dickinson des Goth-Folks erspielt, nur ohne Agoraphobie, wovon ihre zahlreichen Konzerttouren zeugen, auch in überraschenderen Konstellationen mit Drone-Bands. Die Dickinson-Vergleiche ergeben sich nicht nur aus der gemeinsamen Heimat Massachusetts, sondern auch aus Nadlers lebhafter Todesobsession, die sie auf ihren Alben in immer neuen und fast nie abgenutzten Variationen durchspielt.

Einer sich eventuell einschleichenden Goth-Selbstparodie entgeht Nadler durch fast klinische Analysen ihres Innenlebens, zu dem eine biografisch bedingte Gewöhnung an geteiltes Glück gehört. So sind ihre Songs, fein gewebt wie ein Totentuch, immer öfter Konfrontationen mit erlebtem Schmerz und realen Ängsten, oder auch Erzählskizzen, wie das Titelstück, das in einem Todestrakt spielt. Zwischen hypnotischer Gitarre und sanft wogender Depression sowie morbider Euphorie und süß hallendem Gesang entwirft Nalder so etwas wie einen Ethos für Menschen, die den Tod immer neben sich spüren, aber sich von ihm keine Erlösung versprechen können.