Barbara Morgenstern: "Unschuld und Verwüstung" (Staatsakt) © Staatsakt

Barbara Morgenstern: Unschuld und Verwüstung (Staatsakt)

Als Elektrofee beschrieben sie Fans und Kenner, seit Barbara Morgenstern in den Neunzigerjahren ihren Weg in der Berliner Wohnzimmerszene begann. Eigentlich hockt aber statt der Fee bis heute ein heimlich trotzendes Kind im Zerbrechlichen und Melancholischen ihrer Musik. Das zehnte Album Unschuld und Verwüstung bringt die Sängerin, Keyboarderin und Produzentin jetzt mit neuer Nachdrücklichkeit beim Protestpop-Label Staatsakt heraus. Da wummern die Beats in die filigranen Pianoläufe, das elektronische Zirpen und die agitatorische Poesie. Morgenstern beherrscht das Biegen ohne Brechen, wenn sie die hakelige, deutsche Satzmelodie dem Kunstlied zwischen Brecht und Dancepop beugt: Und alles soll farbenfroh sein/ Endlos gestreamt wandert der Schein/ Weiter, von Hand zu Hand/ Grausames Spiel, eiskaltes Land. Globale Wissensverwirrung und die Übel des Neoliberalismus, wonach klingt das, jenseits eines Mitte-Vierzig-Gefühls? Nach Selbstausbeutung aber auch Selbstbehauptung inmitten gescheiterter Hoffnungen. Denn für den hinteren Teil von Live fast, die young! ist es eh zu spät. Die Kunst als letzte Bewahrerin der Unschuld – damit allein will Barbara Morgenstern sich nicht begnügen. Ihr Motto lautet "Loslassen, um wiederzufinden". Und es infiltriert das amöbenhaft sich ausbreitende Holzbläsersummen ebenso wie den unheilvollen Atem der Vox-Orgel. Zart, schön, in sich gekehrt und doch zu allem entschlossen: Das Unbehagen gilt der Machtlosigkeit/ Die Klinke in die Hand, sei bereit!

 

PeterLicht: "Wenn wir alle anders sind" (Tapete Records) © Tapete Records

PeterLicht: Wenn wir alle anders sind (Tapete Records)

Der Jungemännerdeutschpop der Jahrtausendwende wirkte oft etwas verkrampft. Bis PeterLicht alias Meinrad Jungblut mit seinem Hipsterminihit Sonnendeck schelmisch um die Ecke kam. Seit 2001 exponiert der Kölner Musiker, Buch- und Theaterautor auf Platten wie Lieder vom Ende des Kapitalismus seine Schunkeldialektik in der Mitte von Klamauk und Sozialkritik. Nach sieben Jahren ohne Studioalbum offeriert er jetzt auf Wenn wir alle anders sind neue Weisheiten und Reimbastarde aus der Chipstüte des Lebens. 

Neben Knabberzeug und Liebe von unten geht es um Die hinterfotzigen Hintergründe des Systems, konterkariert von Dreiwortrefrains voll lakonischem Witz: Falsch gemacht/ Umentscheiden. Die Lyrics sind Staffettenläufe der Vieldeutigkeiten und meinen es doch sehr ernst: Blutsverwandte und Benässte!/ Nässt euch ein und seid stolz!/ Auf eure richtigen Pigmente/ Ihr seid das Holz auf dem Weg, auf dem ihr geht! Dazu rütteln Rumble-Beats am ohnehin zuckenden Versmaß. Ein schlichtes Piano und ein verhuschter Chor rollen der Umdichtung des berühmtesten aller Kampflieder in Emotionale / Hört die Signale den blutroten Teppich aus. Wandergitarre und DIY-Electronica sind nicht mehr wirklich originell, aber sympathischer als die Schlagerrockzuckrigkeit des Vorgängeralbums. Im Gegenzug versucht Jungblut es mit Autotune, was den (leider zum Video ausgewählten) schwächsten der zehn neuen Songs, Menschen, komplett killt. Im Übrigen jedoch sprüht sein Eulenspiegel-Alter-Ego endlich wieder vor subversiver Energie!


Moon Relay: "IMI" (Hubro / Broken Silence) © Hubro / Broken Silence

Moon Relay: IMI (Hubro / Broken Silence)

Die Skandinavier haben es drauf, selbst wenn sie nur mit ollen Kamellen werfen. Vier Norweger heizen durch ein Szenario aus Krautrock, Psychedelia, Free Jazz, Techno und Noise und landen bei – Moon Relay. Daniel Meyer Grønvold, Håvard Volden, Ola Høyer und Martin Smådal Larsen gehören zur Osloer Experimental-Szene und entwickeln auf ihrem zweiten Album IMI einen gitarren- und synthesizerlastigen Rausch. 

Irgendwo zwischen Brian Enos New-York-Wave-Phase und Jimi Tenors finstersten Albträumen hantieren sie mit eckigen Riffs und kurvigen Flows. Die Mehrspurtechnik verleiht dem E-Schlagzeug Breite und dem Rest orchestrale Dichte, ausgebremst und wieder angeschubst von plötzlich verlangsamten oder beschleunigten Samples und Radiogeräuschen. Als hätte Holger Czukay sich für die ferne Zukunft einen Talking-Heads-Relaunch ausgedacht. Zu weiteren Verrücktheiten befragen Sie bitte die im Spektrallichtgewitter boxenden Hasen im beigefügten Video.

 

Neneh Cherry: "Broken Politics" (Smalltown Supersound) © Smalltown Supersound

Neneh Cherry: Broken Politics (Smalltown Supersound)

Ein großer Titel, Broken Politics, und eine warme Platte mit glosenden Dub-Vibes. Sogleich erinnert der Song Kong an Neneh Cherrys frühes Wirken bei der reggaebegeisterten Punkformation The Slits und bei den New Age Steppers, einem 1980 von Adrian Sherwood gegründeten Kollektiv. Zu diesem Eindruck hat sicher der Produzent 3D von Massive Attack beigetragen. Ein Neuanfang ist aus dem fünften Soloalbum der schwedischen Sängerin und Rapperin nicht geworden. Vielmehr setzt sie ihre Kernerkenntnis, dass das Politische ein Gefühl von privater Verantwortung sei, in musikalisch milde Konflikte um. Von pianoumflorter Empathie für Geflüchtete bis zum paramilitärischen Snare-Rasseln und den Spoken-Word-Beschwörungen in Faster Than The Truth reichen die Nuancen, deren elektronische Feinabstimmung wieder Kieran Hebden alias Four Tet besorgte. Auch in Natural Skin Deep künden Martinshorn und Vuvuzela, blubbernde Synthesizer und verzerrte Steeldrums vom unruhigen Geist in unruhigen Zeiten jenseits der Downbeat-Wohlfühloase. Vor allem ist Neneh Cherry mit Songs wie Synchronised Devotion immer noch eine große R 'n 'B-Erzählerin. Ihre leisen Botschaften It‘s my politics living in a slow dance und Just because I’m down/ Don’t step all over me gehen nicht unter.