Die erste Ausgabe der "Spex" im September 1980 © Spex Magazin für Popkultur

Im Dezember wird die Spex zum letzten Mal erscheinen, das wissen wir seit heute. Im September 1980 erschien das erste Heft an den Kiosken, überformatig, noch mit einer Fanzine-Anmutung. Es war damals, als hätte sich zum Pflichtblatt Sounds aus Hamburg, auch schon einige Zeit tot, das im lässigen, immer etwas westcoastigen Ton der Überlegenheit den Pop definierte, eine heftigere, zeitgemäßere Alternative ergeben: Pop, Mode, Musik und auch Kunst im Zustand der Erfahrung, des Experiments, des fundamentalen Hier und Jetzt. Dass die Zeitschrift nach der Band X-Ray Spex mit der grandiosen Poly Styrene als Mittelpunkt benannt war, tat ein Übriges: Spex handelte nicht von Punk und New Wave, Spex war Punk und New Wave. Und dann im Verlauf der Zeit manches mit einem Post- davor. Jedenfalls war es, wie im Untertitel zu lesen: Musik zur Zeit.

Am Anfang stand das alles im Zeichen eines extrem subjektiven Do-it-yourself-Journalismus. Aber als Sounds dann eingestellt wurde, musste die Spex auch noch die Funktion eines Popleitmediums einnehmen, natürlich auch, weil einige der heimatlos gewordenen Sounds-Autoren nun für Spex arbeiteten. In den Achtzigerjahren war die Spex einfach unverzichtbar, wenn man über das unterrichtet sein wollte, was gerade im Entstehen war. Vor allem aber war es mehr ein Autoren- als ein Redaktionsprojekt, das Zentrum der deutschen Popkritik war eher ein gewachsenes als ein konstruiertes Produkt und entsprechend gestaltete sich auch die Beziehung zwischen der Zeitschrift und den Leserinnen und Lesern. Die Spex war das ideale Medium für das, was den "Essay" im Innersten ausmacht: offen, persönlich, neugierig und wagemutig. Klar, war das auch schon der nächste Spagat: Popleitmedium zu sein und Experimentierstation, vom literarischen Anspruch und Design her Avantgarde zu sein und gleichzeitig im Pop geerdet. Da wurde im Prinzip jede Entscheidung, jeder neue Impuls zur Gestaltung der schönen Widersprüchlichkeit, in der man zu arbeiten hatte.

Von der Musik zur Zeit ging der Weg zum Magazin der Popkultur. Das bedeutete unter anderem, nicht mehr so selbstverständlich "drin" zu sein, sondern einen politischen, theoretischen, "linken" Ansatz zu verfolgen, der mit einer ungeheuren Differenzierung im Patchwork der musikalischen, ästhetischen und diskursiven Szenen und Subszenen, mit dem Verlust einer verlässlichen Bewegung ins Morgen fertigwerden muss. Die Krisen von Spex, und davon gab es seit den späten Achtzigerjahren genug, waren immer auch Krisen der Popkultur.

Kein Platz auf den Inseln der Nerdigkeit

Genauer gesagt: Von einer Popkultur zu sprechen, war in den Neunzigerjahren schon unmöglich geworden, und unmöglich war es auch geworden, sich auf eine breitere Leserschaft zu stützen, deren einzelne Segmente sich immerhin in Neugier und wohlwollendem Abgrenzungsspaß miteinander verbinden ließen. Nebenbei verlor auch die Gleichung von Pop und Politik – Pop als Begleitmusik zur Verbesserung der Welt, Pop als Signal der Befreiung – ihre Gültigkeit. Die Spex hatte nun eine bizarre Chronistenpflicht: Sie musste von den Bedingungen des Niedergangs der eigenen Kultur sprechen und konnte sich dabei doch nie auf die Inseln der schönen Nerdigkeit zurückziehen, wie man es gelegentlich bei der Konkurrenz von Rolling Stone oder Musikexpress machen durfte.

Zwei Einschnitte waren es, die das Verglühen der Spex einleiteten. Der Umzug nach Berlin, der einen gar nicht so unbedeutenden Kulturwechsel mit sich brachte, und die ökonomische Rettung durch einen Verlag, der das Projekt der Selbstermächtigung von Redaktion und Autoren zumindest einschränkte. Auch ästhetisch war nun alles etwas anders; der nächste Spagat war zu bewerkstelligen: Überleben als pop- und zeitkritisches Projekt in einer Welt, in der für Printmedien nur noch das Anschmiegen an den Markt oder die radikale Selbstausbeutung zu gelten schien.

Immer wieder gelang es der alten Spex, sich ein wenig neu zu erfinden, ein wenig an alte Zeiten und Impulse anzuknüpfen und ein wenig dem Markt Tribut zu zollen. Und gerade in ihrem Überlebenskampf schaffte es die Spex immer wieder einmal, spannend und relevant zu sein. Aber eben nur noch für eine Minderheit von Leserinnen und Lesern, für die Pop und Kultur einen Zusammenhang aus Enthusiasmus und Kritik haben. Am Ende hat es zum ökonomischen Überleben nicht gereicht. Enthusiasmus und Kritik, Pop und Kultur müssen sich einen neuen Ort suchen. Dort wird man nicht vergessen, was die Spex bedeutet hat. 

Georg Seeßlen, der Autor dieses Textes, schrieb selbst für die "Spex".