Um kurz nach 18 Uhr gibt sich Ignacio Uriarte alias Lions Head auf der Bühne des Dessauer Bauhauses jenem Weltschmerz hin, der entsteht, wenn man in Liebesdingen nicht mehr so recht weiß, was man will. "Don't wanna see you go, don't wanna see you, don't wanna see you go, don't wanna see you", so schmachtet der amerikanische Singer-Songwriter durch die dünnen Fenster auf den Vorplatz. Dort stehen ZDF-Trucks, diverse Security-Leute und ein paar Gäste des Café-Bistros im Souterrain – wertig gekleidete Kulturtouristen und gescheit aussehende junge Menschen, die rauchen und plaudern. Das ehrwürdige Bauhaus im Hier und Jetzt. Applaus von drinnen.

Wer Kultur nicht als schöne Tapete betrachtet, sondern als Reibungsphänomen, mag dennoch dem eigentlich geplanten Verlauf dieses Abends nachtrauern. Hier sollten Feine Sahne Fischfilet im Rahmen der gefilmten Konzertreihe ZDF@Bauhaus auftreten. Hätten nicht Rechte und Rechtsextreme gegen die aus ihrer Sicht extremistisch linke, also intolerable Band mobilisiert und hätte daraufhin nicht die Bauhaus-Chefin Claudia Perren Angst um Böden und Fenster bekommen und deren Bauhaus-Konzert kurzerhand abgesagt.

Man hätte das ja doch zu gern gesehen – und vielleicht wäre es ja sogar etwas für all jene gewesen, die in Feine Sahne Fischfilet die ultimative Gefahr für das demokratische Miteinander zu erkennen meinen: wie die überwältigende Bühnenpersönlichkeit Jan Gorkow alias Monchi, Sänger der Band, sich flauschige Übersocken an die Füße ziehen muss; wie das Schlagzeug sanft auf Repliken von Bauhausteppichen gestellt wird; wie Museumsmitarbeiter mit besorgtem Blick den Saal entstuhlen; und wie schließlich der Gropius-Bau selbst während des Konzerts die etwas befangen wirkende Band und das sich nicht recht zum Pogo aufraffende 120-Leute-Kulturpublikum befragt, ob so wirklich eine kraftvolle künstlerische und politische Antwort auf Rechtsradikalismus aussieht.

Feinste Ordnung

Stattdessen sieht es so aus, als bliebe die Dessauer Welt an diesem Abend in feinster Ordnung. Zwischen Bauhaus und Brauhaus, wo das Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert nach allerlei Hin und Her ersatzweise stattfindet, liegen rund ein Kilometer Wegstrecke und genau der Geländeübergang, der aus einem gewagten Experiment eine ziemlich gewöhnliche Angelegenheit machen kann. Über ein paar Bahnschienen geht es ins Gewerbegebiet, die Straße wird holprig, die Umgebung karstig. Rund um den Eingang zum ehemaligen Brauereigelände stehen Autos aus den umliegenden Städten und Landkreisen, aber auch aus Hildesheim, Berlin und Leverkusen. Die Menge am Einlass ist linkslastig bunt gemischt. Die wenigen Iros sind zur Feier des Tages hochgestellt, aufgekratzte Stimmung. Ob der Katastrophenschutz da vorn nicht mal ein paar Bier vorbeibringen könne, man sei ja schon ganz unterhopft in der Schlange. Oder vielleicht ja auch die Polizei. Die steht diskret, aber deutlich in den umliegenden Einfahrten bereit.

Drei Demos waren an diesem Tag in Dessau angemeldet, davon eine rechte, sie wurde kurzfristig wieder abgesagt. So wirkt das hier wie das sicherste Punkkonzert in einem für Punkkonzerte völlig normalen Rahmen. Muss das sein? Und vor allem: Muss man hier sein, wenn man sich auch sonst nicht um Punkrock schert?

Feine Sahne Fischfilet sind nicht staatlich verfolgt, nicht einmal der Verfassungsschutz interessiert sich noch für die Band. Sie spielen in vergleichbaren Städten in Kulturzentren und kleinen Hallen, sie haben ihr Publikum, Fans, einen durchaus behaglichen Kosmos. Dass das Brauhaus, wie Monchi gleich in seiner Begrüßung betont, "keine Hochglanzlocation, aber tausendmal geiler" ist als das Bauhaus, kann man vor diesem Hintergrund nachvollziehen. Man kann es aber freilich auch umdrehen: Nicht nur das Bauhaus verpasst eine Chance auf Auseinandersetzung. Auch Feine Sahne Fischfilet machen es sich bequem, indem sie die Tatsache, dass sie an diesem Abend ein Konzert in Dessau spielen, zu einem heroischen Akt der Fans, der Veranstalter und ihrer selbst überhöhen. Statt ernsthaft wütend zu bedauern, um einen großen kleinen Auftritt gebracht worden zu sein, lassen sie bei einem letztlich kleineren großen Auftritt im hohen Kesselhaus nur die eine oder andere Spitze Richtung Bauhaus los. So wird etwa die Tatsache, dass statt Glas- nur Plastikbierflaschen von der Bühne ins Publikum fliegen, damit kommentiert, dass es sich bei den Bandmitgliedern schließlich um wohlerzogene junge Leute handle, die weder Böden noch Wände zerkratzen wollten. "Denn da hört es auf!", ruft Monchi.