Wunder gibt es immer wieder? Dieses war höchst ungewiss. Im März 2017 veranstaltete die Zeitgenössische Oper Berlin das Festival Female Voice of Iran. Elf Sängerinnen aus der Islamischen Republik taten, was sie daheim nicht öffentlich dürfen: solistisch singen. Wir berichteten, auch über die schiitische Staatsideologie hinter der Restriktion. Nun gelang tatsächlich eine Neuauflage, am selben Ort: Berlin-Mitte, Villa Elisabeth, gleich neben Schinkels neoantikem Kirchentempel von 1835.

Viel älter und prächtiger ist das Gotteshaus, in dem das Festival filmisch begann: die Schah-Abbas-Moschee von Isfahan, 1611 vollendet. Es ist früher Morgen. Der riesige Imamplatz liegt noch menschenleer. Zwei Tauben fliegen auf. Hoch ins Gewölbe schwingt sich eine Frauenstimme. Maedeh Tabatabaei Niya besingt die Schönheit ihrer Stadt. "Wenn ich in diese Moschee gehe", sagt sie, "dann ist mir, als würde ein gütiger Vater oder ein großer liebevoller Mann sagen: Hab keine Angst, komm in meine Arme, hier bist du geschützt. Gesang ist mit allen Fasern der Existenz verwoben. Wer singt, kann all seine Probleme aushauchen. Die Stimme begleitet dich immer."

Neun Sängerinnen, privat eingeladen, kamen diesmal nach Berlin. Alle entstammten der jüngeren Generation, mehr geprägt vom Iran-Irak-Krieg (1980 bis 1988) als von der Islamischen Revolution (1979). Jede porträtierte ein kleiner Film in selbstgewählter Umgebung. Die Heimatorte unterschieden sich wie die Regionen des riesigen Landes zwischen der Türkei und Pakistan. Die mondäne Maliheh Moradi Haghighi zeigte den Tumult der 16-Millionen-Metropole Teheran und ihre Eltern. Die scheue Jamileh Amaniyan sah man im turkmenischen Bergland, zwischen Schafen und Kamelen. Weiter als bis Teheran war die junge Frau noch nie gereist. Als sie heiratete, sei sie sogar zu schüchtern gewesen, um vor ihrem Mann zu singen. "Er sang, ich stimmte ein. Ihn beglückte meine Stimme, er ermutigte mich. Um mich zu begleiten, lernte er Dotar."

Dotar heißt die zweisaitige Langhalslaute. Im Zentrum der mittelasiatischen Klangwelt stehen Oud und Tar, die Kniegeige Kamantsche, die Flöte Nay, die Klöppelzither Santur. Trommeln und Tamburine dienen, aber nicht immer. Persische Klassik ist häufig Musik ohne Rhythmus, Akkordik und Kontrapunkt. Ihre architektonische Komplexität entgeht dem abendländischen Laien, doch ihn ergreift die meditative Durchseelung dieser Gespinste, ihre delikate Ornamentik, ihr spiritueller Fluss. Die Flatterbänder der Stimmen verknüpfen Himmel und Erde. Solche Metaphysik hat der Westen längst wegrationalisiert.

Rhythmisch, aber nicht profan ist die klassische Volksmusik. Samin Ghorbani sang engelhaft Azeri-Folk, Mina Deris aus Abadan Arabisch und mit Schmelz. Atefeh Moghimis kehlige Sinnlichkeit erzeugte Mitklatsch-Orgien wie eine Party am Kaspischen Meer. Sahar Zibaeis mächtiges Organ segelte bereits im Film vom kurdischen Gebirge weit über Kermanschah.

Keine dieser Künstlerinnen ist ein Star – wie auch, ohne Bühnenpräsenz? Falls sie mit Musik etwas verdienen, dann durch Unterricht. Nur wenige der Frauen kannten einander vor der Expedition nach Berlin. Das Festival verdankte sich, wie 2017, der Musikethnologin und Tar-Spielerin Yalda Yazdani aus Isfahan. In Teheran, Istanbul und Köln hat sie studiert. Seit 2009 durchreist sie den Iran, erforscht und konserviert Musikkulturen, sucht und vernetzt Sängerinnen – diesmal in Grenzregionen, entsprechend dem Festivaltitel Sounding Borders. Die Kuratorin mahnte, man möge nicht generalisieren. Kulturen, Sprachen, Religionen, Lebensformen im Vielvölkerstaat Iran differierten gewaltig. Mitunter sei ihr unterwegs, als wechsele sie das Land. Mancherorts lebten die Menschen wie vor 200 Jahren. Ohne Kontakte und Helfer werde man nicht eingelassen. Vertrauen brauche manchmal Monate.

Wechselseitige Befremdung

Gemeinsam ist allen Sängerinnen das solistische Auftritts- und Publikationsverbot. Hierzu bemerkte Yalda Yazdani wohlweislich vage: "The women find their way." Musik begleitet im Iran das ganze Leben – seit frühester Kindheit: als Schlaflied. Gesungen wird bei Hochzeit und Beerdigung, bei Saat und Ernte, beim Weben und beim Melken, auf der nomadischen Wanderung … Jedes Gefühl, jede Lebenslage hat ein Echo in Musik. Was das Regime öffentlich untersagt, ist privat erlaubt. Der Garten zählt zum Haus; dort musiziert man (frau) nach Belieben, selbst wenn 200 Freunde eingeladen sind. Vielleicht hat jemand ein Handy dabei. Möglicherweise findet, was er vernimmt, weitere Freunde, auf Instagram. Orientalische Logik wirkt nicht strikt. Verbindlich ist die kulturgemeinschaftliche Tradition. Die Gegenwelt der Diktatur heißt Häuslichkeit. Das nützt auch dem Regime.

"Die Sängerinnen wollen bei der Heimkehr keine Probleme bekommen", sagte Yalda Yazdani. "Sie leben gern im Iran. Sie singen nicht über Politik und Gesellschaftsfragen, sondern über die Liebe, das Leben, Religion …" Zensur sei ja keine iranische Spezialität, sondern zentralasiatisch üblich. Man arrangiere sich. Hochentwickelt ist die Allegoriekultur. Wer sich der klassischen Dichter Hafis, Rumi, Omar Chayyam bedient, kann Erstaunliches singen. Das Publikum weiß die uralten Poeme zu aktualisieren. Auch die Berliner Hörer dachten, was sie wollten.

Während der vier Festivaltage herrschte striktes Film- und Fotoverbot fürs Publikum. Die Zeitgenössische Oper nahm sämtliche Konzerte auf und wird sie, wie im vergangenen Jahr, via Vimeo veröffentlichen. "Voriges Jahr waren wir sehr nervös", sagte Andreas Rochholl, der Chef der Zeitgenössischen Oper. "Wir haben aber gecheckt: Keine der Sängerinnen kriegte nach ihrer Rückkehr politische Probleme." Er entsinnt sich einer Äußerung von 2017: Natürlich hätte ich gern eine andere Politik, aber noch wichtiger ist, dass wir unsere Männer und Brüder ändern. "Diesmal konnte eine Sängerin aus Belutschistan nicht kommen. Der Ehemann hatte verboten, dass sie reist." Zwar starb der Gatte, doch nun durfte sie vier Monate nicht aus dem Haus.

Zwei Sängerinnen sprengten die klassische Rahmung. Die Filmporträts ließen es schon ahnen. Faravaz Farvardin aus Teheran wählte als ihren liebsten Ort die Gräber der legendären schah-persischen Chanteusen Pooran und Delkash. Im Konzert präsentierte sie die pop-elektronische Moderne. Aida Nosrat, die auch Violine spielt, vertrat das Exil – ohne Kopftuch, mit wallender Mähne. Ihr Mann, der filigrane Gitarrist Babak Amir Mobasher, umspann rauchige Vokalisen aus Jazz, Flamenco und Orient. Heimat Paris? Sie vermisse das Feuer – ganz wörtlich. Wenn Iraner zusammenkämen, würden sie unverzüglich Feuer anzünden. Es gebe ein Teilen und Zusammenhalten, das beim Weitermachen helfe. "Im Westen leben die Menschen einsam. Du siehst, dass sie nicht verbunden sind."

Der Abschlusssonntag diente der wechselseitigen Befremdung. Im Matinee-Konzert vereinte die Wahl-Wienerin Golnar Shahyar nach zehn Probetagen alle Sängerinnen in einer A-cappella-Suite. Abends trat jede mit Instrumentalisten auf, die sie bislang nicht kannte. Der überfüllte Galeriesaal der Villa Elisabeth, ein andalusischer Patio, überhitzte sich mit Emotion. Fast schwappte das Publikum zu den Künstlern aufs Mittelpodest. Fünfzig Musiker bauten sich zum Finale auf. In der ersten Reihe strahlten die neun Königinnen und sangen den Abschiedschoral. Rosen, Tränen, tobende Rührung. Andreas Rochholl  verschaffte sich Gehör und sprach den Reisesegen für den Heimflug nach Teheran: "Have peace."