Wir sind etwas zu spät, die Parkplätze sind schon belegt, das gibt uns die Gelegenheit, ein wenig das Areal zu erkunden: Seit 2013 gastiert das Festival des auflagenstärksten Metal-Spartenmagazins, das Metal Hammer Paradise, hier in dieser tristen, grau-beigen, auf eine gepflegte Weise heruntergekommenen Ferienanlage am Weißenhäuser Strand. Beton fast bis zum Deich, eine Trabantenstadt aus Hotels, Ferienbungalows und Apartmentklötzen im moribunden Klinkerbaucharme der Siebziger. Das hier ist BRD Noir, die alte Bundesrepublik. Ein paar Jahre noch, dann greift der Denkmalschutz.

Der Weg in die Halbidylle allerdings ist nicht weit, ein paar Minuten an einer Rasensteppe vorbei, den kleinen Huckel hinauf, schon liegt die Ostsee vor einem, plan wie ein Brett, und der obligatorische kilometerlange Sandstrand davor. Diese Mischung aus Pseudourbanität inmitten der Natur war mal das Erfolgsrezept solcher Ferienburgen und für Festivalwochenenden wie auf dem Metal Hammer Paradise ist sie ideal, außerdem passt das abgerockte Ambiente hervorragend zu den 4.000 abgerockten Gestalten, die hier am ersten Novemberwochenende einfallen. Circa 300 Euro kostet die Karte plus Unterbringung, wenn man nicht gerade ein Zweierapartment hoffnungslos überbelegen will. Das leistet sich vor allem die Alterskohorte, die aus dem Gröbsten raus ist. Metal kommt ja schon seit geraumer Zeit in die Jahre, wie alt er wirklich ist, kann man hier am Weißenhäuser Strand beobachten. Kumpeltrupps, Clubs, Cliquen und viele Pärchen mit einem Altersdurchschnitt weit über 40 haben das Festival ausverkauft. Der Genius Loci und die Gäste verschmelzen hier wirklich einmal zu einer Einheit.

Ein "Indoor-Komfort-Festival" soll es sein. Was Metaller eben so unter Komfort verstehen. Es gibt ein Bonsai-Spaßbad mit Tunnelrutsche, das von den Anwesenden gern genutzt wird, um am Mittag des zweiten Tages mal wieder den Kopf freizukriegen. Ein Eiscafé, eine Fettschmelze, ein Italiener und ein gutkleinbürgerliches teutonisches Restaurant sind in Reichweite. In den Gängen der Ferienmall bieten Händler Platten und CDs feil, und sie machen ihr Geschäft, denn Metalbrüder und -schwestern kaufen tatsächlich noch solche Tonträger. Die älteren zumal. Ohne sie müsste die Musikindustrie noch schneller einpacken. In der Spielhalle mit Old-School-Flippergeräten, Billardtischen und kleiner angeschlossener Bowlingbahn läuft am Samstagnachmittag natürlich auch Bundesliga. Ein paar Hannoveraner kommen mit einer ziemlichen Schippe heraus. Schalke hat ihre Mannschaft gerade vom Platz gefegt.

Die Riff Alm

"Wer hat eigentlich diese blöde Idee gehabt", fragt einer seine Bezugsgruppe, "das ganze schöne Wochenende im Anus!" Sie lachen ihn herzlich aus. Aber auch seine Züge hellen sich sofort auf. Er ist jetzt erst einmal Metalhead und danach kommt lange Zeit gar nichts mehr. "Armored Saint!", sagt er nur, das muss als Erklärung reichen und reicht auch. Wenn etwas die Stimmung eines wahren Metallers heben kann, dann ist es der Name dieser Band, die auch schon in den Achtzigern mit von der Partie war, aber es nie geschafft hat, ihren Ruhm in kommerziellen Erfolg umzumünzen.

Die gebuchten 27 Bands verteilen sich auf drei Bühnen – auf die Maximum Metal Stage im beheizten Zelt für die Topacts, den Baltic Ballroom, wo gut 1.000 Menschen Platz finden, und schließlich die kleine, wegen ihrer interessanten Kiefernholzvertäfelung von allen nur als "die Sauna" bezeichnete Riff Alm, in der die Newcomer und kommenden Stars spielen.

Vor allem am Freitag erweist sich dieser Ort als hoffnungslos unterdimensioniert. Bands wie Skull Fist, Portrait und Bullet sind zwar jung, aber in der Szene etabliert und gerade bei der True-Metal-Hörerschaft überaus beliebt. Die harte Security an der Tür zählt durch und lässt genau 200 Menschen hinein, damit die Luft nicht zu schlecht wird und der reibungslose Verkehr zwischen Publikum und Theke nicht gestört wird. Es kommen jeweils mehr als doppelt so viele Interessenten, die dann wieder weggeschickt werden oder in der Kälte draußen ausharren und auf dem Bildschirm mitverfolgen, wie sich die Bands drinnen verausgaben. Das passiert hier wirklich. Der Sound klingt zwar tatsächlich nach Sauna, Kiefernholz kills Rock 'n' Roll, aber das kümmert keinen, weil Bands auf diesem Niveau mit lausigen Clubs umgehen können, indem sie den Einsatz verdoppeln und saunagemäß schwitzen.