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The Prodigy – No Tourists (BMG)

Als The Prodigy vor 20 Jahren die elektronische Musik revolutionierten, wirkte ihre brachiale Vorform des Dubstep dennoch seltsam deplatziert. Die Dot-Com-Blase blähte sich noch hoffnungsvoll, Demokratie und Wohlstand schienen den Planeten endgültig zu erobern, trotz anhaltender Kriege in entlegeneren Winkeln der Welt waren Staatskrisen und Terror zumindest aus mitteleuropäischer Sicht fern. Warum also zersägten die drei Briten mit den absurden Tattoos und Frisuren das beginnende Zeitalter himmlischer Harmonie mit so infernalischem Krach? Vielleicht weil sie ihrer Zeit damals voraus waren – und es bis heute sind! Nicht, dass die verbliebenen Bandmitglieder Keith Flint und Liam Howlett auf der siebten Platte signifikant anders randalierten als auf dem legendären The Fat Of The Land. Wie damals zerrüttet ihr Electropunk jedes Wohlklangbedürfnis mit Dauersalven brutaler Breakbeats, die nur unwesentlich digital verfeinert wurden. Im Jahr 2018 jedoch ist No Tourists der passgenaue Soundtrack einer Zeit zertrümmerter Werte und Gewissheiten. Dass die heile Welt total kaputt ist, haben The Prodigy schließlich schon immer gewusst.

 


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Audiobooks – Now! (In a Minute/PIAS)

Die ewige Frage nach dem richtigen Leben im falschen, ob man den Tiger also lieber reiten oder meiden sollte, ist für Menschen auf der Suche nach Systemalternativen schwer zu beantworten. Das englische Indie-Duo Audiobooks dagegen springt einfach auf und knallt den autotunesüchtigen Charts der Gegenwart ein Stück wie It Get Be So Swansea vor den Rechner. Evangeline Ling krächzt darin ein heillos verzerrtes Textgestrüpp über den aufgemotzten Retrowave von David Wrench. Da liefe wohl selbst der Autotune-Pionierin Cher vor Schreck das Botox aus. Das Debütalbum Now! (In a Minute) umweht ein Hauch von Irrsinn, der sich nicht nur aus exaltierten Alltagsgeschichten speist, sondern aus Lässigkeit und Albernheit zugleich – die beiden Londoner klingen ungefähr so, wie sie aussehen. Hot Salt zum Beispiel bringt diesen Spagat prima zum Ausdruck. Zwischen dem Electroclash der Neunziger und dem Synthiepop der Achtziger führt Wrenchs Keyboardsprengsel ein wirres Gefecht mit Lings Gesang aus. Am Ende gibt es drei Sieger: Spaß, Kreativität und Tanzwut.

 


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Moonface – This One's For The Dancer & This One's For The Dancers Bouquet (Jagjaguwar)

Auf seiner neuen Platte hört sich Spencer Krug oft so an, als hätte er den Audiobooks heimlich Brian Ferry ins Studio geschmuggelt und ihren Sound danach in ein weltmusikalisches Bällebad geworfen. Während seine Hauptformationen von Swan Lake bis Wolf Parade oft eher getragen musizieren, manchmal gar melodramatisch, bringt Spencer Krugs Soloprojekt Moonface seit Jahren schon die experimentelle, gelegentlich fast glamouröse Persönlichkeit des kanadischen Soundbastlers zum Schwingen. Neben seiner gewohnt warmen und dunklen Stimme mischt er Steeldrums, Marimba, Xylophon und fröhliche Fanfaren jeder Art in sein neues Album: This One’s For The Dancer & This One’s For The Dancers Bouquet ist nicht nur ausgesprochen feierlich betitelt, sondern angeblich auch sein letztes Album als Einzelkünstler. Schade eigentlich. Denn wie er griechische Mythologie mit brummenden Synths und orchestralem Pop kombiniert, hellt das jede noch so triste Mollsequenz mit Begeisterungsfähigkeit auf. Polyglotter Darkwave zum Jubeln, souverän verabreicht von einem Riesen der Nische.

 


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Orchestra of Spheres – Mirror (Fire Records)

Wenn ein Album schon so anfängt: ein didgeridooartiges Raunen, überlappt von fiebriger Percussion, orientalischem Getröte und tonlosen Mantras. Wer diese Kakophonie offenbar unversöhnlicher Töne knappe zehn Minuten durchhält, ist entweder gehörlos, masochistisch veranlagt oder belastbar genug, um sich den Rest eines durch und durch erstaunlichen Werkes zu verdienen. Mehr noch als auf den drei Platten zuvor nämlich verlieren sich die neuseeländischen Neokrautrocker Orchestra of Spheres nicht in ihren teils absurden Klangkonstrukten. Kurz vorm Hörsturz biegt Mirror in Richtung Afro-Future-Funk ab, der mitunter klingt, als seien The Mamas and the Papas in einer Science-Fiction-Bigband gelandet. Begleitet von einem halben Dutzend klassisch ausgebildeter Virtuosen wirbelt das Kammerquintett durch tropische Ethnosounds und wird mit jedem der zehn Stücke ein bisschen bekömmlicher, ohne den Mainstream auch nur zu streifen. Oboe und Drums, Harfe und Bass, E-Gitarre und Geschrei, Klarinetten und Synths – erstaunlich, was hier am Ende alles harmoniert. Wer soweit kommt, wird fürstlich belohnt.