Der Schlager wurde lange belächelt – ja, ja ganz lustig am Ballermann oder auf einer Karnevalsfeier. Den Rest des Jahres überließ man ihn den Über-60-Jährigen. Inzwischen aber ist er beinahe cool geworden. Sogar die CSU sieht keinen Anlass mehr, eine Radioquote für deutschsprachiges Liedgut zu fordern: die Hitparaden sind voll davon. Wie das Marktforschungsinstitut GfK ermittelt hat, standen 2017 doppelt so viele Schlageralben in den Charts wie noch 2013. Nach einer aktuellen Schätzung des US-Wirtschaftsmagazin Forbes verdient die Schlagersängerin Helene Fischer mit 28 Millionen Euro im Jahr mehr als Britney Spears oder Céline Dion. Und das, obwohl sie im nicht deutschsprachigen Raum unbekannt ist. Wir haben mit sechs Musikern über ihren Erfolg und den des Schlagers gesprochen.

Vanessa Mai, 26

Das 25hours-Hotel in Berlin, Zimmer 726, ein Panoramablick über Westberlin. Am Tag zuvor ist Vanessa Mai in Hoppegarten aufgetreten, beim "SchlagerHammer", am Morgen war sie zu Gast im Sat.1 Frühstücksfernsehen. Es läuft gut bei ihr gerade. Mai trägt diese Buffalos, die in den Neunzigern schon so beliebt waren, Jeans und ein bauchfreies Sportoberteil des schwedischen Tennisspielers Björn Borg. Schlagerklischees sucht man vergeblich an ihr. Aufsehen erregte sie in diesem Jahr mit ihrem Song "Wir 2 immer 1", eine Kollaboration mit dem Deutsch-Rapper Olexesh. Ihr aktuelles Album "Schlager" landete im August sofort auf Platz 1 der deutschen Albumcharts.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie zur Schlagermusik gekommen?

Vanessa Mai: Die erste Musik, die ich mit meinem Vater gemacht habe, war Schlager. Damals wusste ich aber nicht, dass das Schlager ist, weil es bei uns zuhause nicht dieses Schubladendenken gab.

ZEIT ONLINE: Als Sie es dann verstanden haben: Haben Sie überlegt, ob Sie musikalisch in diese Schublade wollen?

Mai: Diese Frage hat sich mir nie gestellt. Ich habe es einfach gemacht. Es war ja auch nicht so, dass da jemand zu mir kam und sagte: Mach’ mal Schlager, dann bekommst du einen fetten Plattenvertrag und hast großen Erfolg. Ich habe in einer Coverband angefangen, jedes Wochenende machten wir Musik.

ZEIT ONLINE: Ihr aktuelles Album haben Sie mit dem Slogan beworben: Schluss mit Schubladendenken, Schuss mit Vorurteilen, Zeit für Schlager. Ihren Fans müssen Sie das doch eigentlich nicht erklären, oder?

Mai: Denen nicht. Aber vielen anderen. Viele, die meine Musik nicht kennen, stempeln mich als Schlagertante ab, weil sie beim Wort Schlager an früher denken. Mit dem Album will ich zeigen, dass man dem modernen Schlager eine Chance geben sollte.

ZEIT ONLINE: Ist der Titel ihres aktuellen Albums als Kommentar dazu zu verstehen?

Mai: Ein Freund fragte mich, warum ich mein Album nicht einfach "Schlager" nenne. Neeein!, sagte ich – und überlegte dann, weshalb ich so extrem darauf reagierte. Ich finde Schlager doch cool. Aber die Reaktion zeigte mir, dass selbst ich Schlager mit bestimmten Bildern verknüpfe. Damit muss ich aufräumen, los geht’s!