Anmachsprüche von Gefühlskrüppeln – Seite 1

Aller guten Dinge sind drei, denken wir etwa an die Dreifaltigkeit des christlichen Gottes, die drei Musketiere, die drei Stufen der Erleuchtung beim tantrischen Sex oder den dialektischen Dreischritt, wie er von Johann Gottlieb Fichte in die deutsche Philosophie eingeführt wurde. Zum dritten Mal versucht nun auch das US-amerikanische Sanges- und Tanz-Ensemble Backstreet Boys, mit einer Comeback-Schallplatte an seine großen Erfolge in den Neunzigerjahren anzuschließen. Auf dem am Freitag erscheinenden Album DNA finden sich zwölf muntere Lieder, die zumeist davon handeln, dass Männer mittleren Alters sich wünschen, von jüngeren Frauen begehrt zu werden. Die Publikumsgruppe, auf deren Befindlichkeit die Backstreet Boys damit zielen, ist ohne Frage recht breit und freut sich darüber, wenn ihre Gefühle einmal musikalische Berücksichtigung finden.

Auch in der ersten Phase ihrer Karriere präsentierten die Backstreet Boys sich als Männer, die von jüngeren Mädchen begehrt werden möchten. Allerdings waren sie damals in Wahrheit noch gar keine Männer, sondern mehrheitlich Teenagerknaben, und die jüngeren Mädchen, an die ihre Lieder sich wandten, befanden sich ihrerseits im Grundschulalter. Gegründet wurde die Gruppe im Jahr 1993 in Florida auf Initiative des Musikmanagers und Anlagebetrügers Lou Pearlman, der seine letzten Lebensjahre in einem Gefängnis in Texas verbrachte und dort im Jahr 2016 verstarb. Vorher formte er aus fünf unterschiedlich gut, aber vor allem unterschiedlich aussehenden Boys die erfolgreichste "Boygroup" der späten Neunziger- und frühen Nullerjahre, womit er sowohl in pop- wie auch sexualhistorischer Hinsicht zu einem bis in die Gegenwart prägenden Impresario wurde.

Denn anders, als es bei Rock- und Popgruppen bis dahin üblich erschien, spielten die Backstreet Boys keine Musikinstrumente und taten auch nicht einmal so, als ob sie dazu in der Lage wären. Stattdessen sangen und tanzten sie lediglich, wobei sie freilich mit Letzterem angesichts der komplexen, von ihnen zu bewältigenden Choreografien auch hinreichend beschäftigt waren. Ihre Lieder boten sie in einem Wechsel aus Solo- und Satzgesängen dar, wobei sie einerseits unterschiedliche Rollen übernahmen – so gab es den gefühlvollen Boy (Brian Littrell), den unschuldigen Boy (Nick Carter), den erwachsenen Boy (Kevin Richardson), den frechen und leicht versaut wirkenden Boy (AJ McLean) und schließlich den Boy, der nicht weiter auffiel (Howie Dorough).

Doch wechselten sie andererseits aus diesen Rollen auch immer wieder sogleich in die kollektive Backstreet-Boys-Identität zurück, sowohl beim Tanzen als auch beim Singen, was dadurch unterstrichen wurde, dass ihre Lieder nur selten im Plural verfasst waren (wie ihre allererste Single We’ve Got It Going On), sondern zumeist aus der Perspektive eines einzelnen lyrischen Ichs davon erzählten, dass sich dieses Ich darum sorgt, dass sein Herz gebrochen werden könnte (Quit Playin’ Games with My Heart) oder wahlweise beteuert, sich beim Brechen fremder Herzen zurückzuhalten (I'll Never Break Your Heart).

Süß und und sexuell unaufdringlich: die jungen Backstreet Boys © Sony Music

Mit dieser ausgefeilten Inszenierung musikalischer und menschlicher Schizophrenie verkauften die Backstreet Boys nach eigener Auskunft mehr als 130 Millionen Alben; zahlreiche Gruppen wurden nach ihrem Vorbild erschaffen wie etwa (ebenfalls von Lou Pearlman) *NSYNC, später auch als ’N SYNC, NSYNC oder N’Sync bekannt. In sexualhistorischer Hinsicht wurden die Backstreet Boys insofern zum Vorbild, als sie erstmals in massenbegeisterndem Maßstab ein neues Maskulinitätsmodell auf die Popbühnen brachten, nämlich den erotisch interessanten, aber keineswegs aufdringlichen, offensiven oder gar sexuell aggressiven Mann. Die Backstreet Boys waren zugleich anziehend wie auch niedlich und süß; sie konnten über ihre Gefühle singen, ohne dabei – wie noch die Rock-Männer der vorangegangenen Grunge-Generation – in weinerliche Opferposen zu fallen oder – wie die Protagonisten des zeitgleich erblühenden Gangstarap – in Sexismus und Misogynie. Auch das Verhalten des Konzertpublikums änderte sich in der Folge dieser emotionalen Verschiebung: Wurden beispielsweise die Bands der Punk- und Postpunk-Ära der Achtzigerjahre von ihren Fans zum Ausdruck der Sympathie bevorzugt mit Bierflaschen beworfen, traten bei den Anhängerinnen und Anhängern der Backstreet Boys an deren Stelle nun Teddybären.

Von den westlichen Popbühnen ist diese Art der Männlichkeitsinszenierung in den Nullerjahren schnell wieder verschwunden. Mädchen, die niedliche Männer bevorzugen, wandten sich in der Folge darum japanischen und – noch etwas später – südkoreanischen Popgruppen zu. Nicht zufällig nennt die weltweit erfolgreichste Boygroup der Gegenwart, BTS aus Seoul, die Musik und die Choreografien der Backstreet Boys als wesentliche Inspiration.

Erstaunlich niedriges Niveau der gesungenen Anbaggersprüche

Die Fünf im Jahr 2001: Sahen Häkelmützen und Paisley-Hemden je besser aus? © Sony Music

Der erste Karriereabschnitt der Backstreet Boys endete im Jahr 2001, nach einem Greatest-Hits-Album lösten sie sich bis auf weiteres auf. Anders als Justin Timberlake von *NSYNC und Robbie Williams vom erfolgreichsten britischen Boygroup-Pendant, Take That, gelang es indes keinem Backstreet-Boys-Sänger, in eine nennenswerte Solokarriere zu wechseln. Darum brachten alle Beteiligten reumütig 2005 und 2008 ihre ersten beiden Comeback-Alben Never Gone und Unbreakable heraus, mit allerdings überschaubarem ästhetischem wie kommerziellem Erfolg. Auf der Unbreakable-Tour konnte man sie etwa 2008 in der halbleeren Max-Schmeling-Halle in Berlin dabei betrachten, wie sie in Bademänteln in einem Boxring umeinander hüpften oder mit Zigarren im Mund an einem Pokertisch zu singen versuchten.

Etwas einträglicher, wenn auch nicht länger anhaltend war der zweite Comeback-Versuch im Jahr 2011, bei dem sich die Backstreet Boys mit ihren Vorgängern aus den späten Achtzigerjahren vermählten, den seinerzeit noch einem älteren Publikum zugewandten New Kids on the Block. Unter dem relativ schwer auszusprechenden und zu merkenden Namen NKOTBSB nahmen sie ein mäßig verkaufendes Album auf, das im Wesentlichen aus alten Liedern bestand, spielten daran anschließend aber immerhin drei erfolgreiche Oldie-Tourneen.

Das dritte Comeback, dem wir jetzt beiwohnen dürfen, fällt demgegenüber deutlich ambitionierter aus. Für das Album DNA haben die Backstreet Boys unter anderem den erfolgreichsten Songschreiber des vergangenen Jahrzehnts engagiert: Ryan Tedder hat seit Mitte der Nullerjahre Nummer-1-Hits für nahezu jeden Popmusikstar komponiert, der gut aussieht und singen und/oder tanzen kann, aber keine eigenen Lieder zu schreiben vermag, zum Beispiel für Jennifer Lopez, Ariana Grande und Selena Gomez. Musikalisch betrachtet schlingert die Band in ihren zwölf neuen Liedern in typisch hektischer Ed-Sheeran-Streaming-Pop-Art durch sämtliche Stile, die irgendwem unter den Fans eventuell gefallen könnten. Es gibt weichgespülten Stadion-R’n’B mit Quetschhodenfalsetten zu hören wie in der ersten, schon im letzten Sommer vorgeschickten Single Don’t Go Breaking My Heart, aber auch schwül temperierte Tropical-House-Schmachter (Nobody Else), traditionellen Du-bi-du-Satzgesang (Breathe), geschmirgelten Gospelpop nach Sam-Smith-Manier (The Way It Was) sowie immer wieder, ob es passt oder nicht, ein paar reuelos in den Mix gedrehte Electronic-Dance-Music-Beats.

In inhaltlicher Hinsicht haben die Gruppe und ihre Songschreiber sich darum bemüht, die romantischen Befindlichkeiten gereifter Männer zum Leitmotiv der neuen Lieder zu machen. Es geht darum, dass man schon oft enttäuscht wurde, aber sich jetzt wieder für einen neuen Menschen öffnen möchte (New Love) oder auch nicht (Don’t Go Breaking My Heart). Auch Strategien der Beziehungsanbahnung spielen eine Rolle. Erstaunlich niedrig – gerade angesichts der versammelten Lebenserfahrung – ist dabei indes das Niveau der von den Backstreet Boys gesungenen Anbaggersprüche. Mit "What’s a girl like you doing in a place like this?" dürfte man bei modernen Mädchen nicht mehr sonderlich weit kommen; wahrscheinlich spielt das Video zu dem dazugehörigen Song Chances darum auch in einem nostalgischen Eisenbahn- und Bahnhofsambiente.

Auch ansonsten vergreifen sich die Backstreet Boys gelegentlich im Ton. In dem Song Passionate singen sie etwa zu einem unangenehm unsauber gegriffenen Knurzbass und einer vermutlich an den Sound von Nile Rodgers angelehnten Ich-krieg-dich-schon-noch-rum-Funk-Gitarre davon, dass sie die Liebe eines Mädchens wollen, koste es, was es wolle. "I want your love / I will do whatever it takes": Insbesondere im Refrain werden die Stimmen mit elektronischen Mitteln derart zu einem Konvolut aus kleinen Klangbröckchen verzerrt, dass sie nun eher fordernd und fies wirken als romantisch und schmeichelnd. "I want your love", das klingt dadurch eher so, als ob der angesprochenen Person etwas weggenommen werden soll, was sie hinterher entsprechend nicht mehr besitzt – hier wäre wohl noch einmal daran zu erinnern, dass eine gelingende Liebesbeziehung aus einem Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen besteht.

So durchlaufen wir mit den Backstreet Boys auf DNA in wechselnden musikalischen Erscheinungsformen diverse Liebes- und Seelenzustände nicht mehr ganz junger Männer. Das tollste und innovativste Stück aber kommt ohne Frage am Schluss. Es heißt OK. Darin wird zu ein wenig roh abgemischtem Gitarrengezupf und Händchengeklatsche ein weiteres Mal die Ankunft einer neuen Beziehung beschworen. Aber wie! "We fit together / you make me feel better / we’ll find a way / as long as I’m with you / I’m okay" – das ist nun allerdings die schlappste Liebeserklärung, die seit langer Zeit irgendjemandem in irgendeinem Popsong offeriert wurde. Mir geht’s besser, wenn Du da bist, wir kriegen das schon irgendwie hin: Da spricht jemand, der die Fähigkeit zum romantischen Überschwang lange verloren hat und mit ein wenig Wohlbefinden bereits ganz zufrieden ist. Wie es weitergeht, weiß er zwar auch nicht, aber das ist schon in Ordnung. Mit diesem Song haben die Backstreet Boys im 26. Jahr ihrer Karriere noch einmal ein ganz neues Genre erfunden: Vielleicht könnte man es als realistischen Gefühlskrüppelpop für die Fortysomethings bezeichnen.