Ariana Grande ist der Anti-Troll unter den Popstars. Die Sängerin aus Boca Raton im US-Bundesstaat Florida hat es ohne fingierte Skandale, übertriebenes Product Placement und sonstigen Spam auf Platz vier der erfolgreichsten Instagrammerinnen geschafft. Auch die Twitter-Top-Ten dürfte sie bald geknackt haben. Der Markenkern ihrer Social-Media-Präsenz ist Besonnenheit: Grande sagt immer das Richtige, sie schlichtet und beschwichtigt, demonstriert Fannähe und schreibt an besonders guten Tagen sogar Selbsthilfeessays, mit denen sie ihre wokeness in Beziehungs- und Feminismusfragen illustriert.

Etwas mehr Vernunft in der hitzigen Social-Media-Welt? Kann eigentlich nicht schaden. Und doch wünscht man sich angesichts Grandes Inszenierung auch mal einen kurzzeitigen Kontrollverlust, eine überraschende Position oder wenigstens etwas Humor, der über Selfies mit Katzenohrfilter hinausgeht. Es war bisher sehr einfach, Ariana Grandes Umsichtigkeit als langweilig, angepasst und bestenfalls pflichtschuldig progressiv abzutun.

Die Künstlerin scheint das ähnlich zu sehen. In der Nacht zum Montag wurde sie noch mit dem Grammy für das beste Pop-Album (Sweetener) ausgezeichnet – allerdings konnte sie ihn nicht persönlich entgegennehmen. Denn sie ist längst anderweitig unterwegs. Am Freitag ist ihr neues, fünftes Album Thank U, Next erschienen. Das nächste Kapitel steckt also schon im Albumtitel. Grande folgt im Rahmen dieser Kursänderung der rührend altmodischen Vorstellung, dass ein neues Popstarimage gemeinsam mit der Produktion neuer Popmusik entstehen muss. Bereits im vergangenen November schickte sie ein gleichnamiges Stück voraus, das nicht nur der Popdisziplin Break-up-Song, sondern auch der Marke Ariana Grande neue Kniffe hinzufügte. Es sollte sich zu ihrem bisher größten Hit entwickeln.

Stimme sucht Image

Thank U, Next ist ein Lied über Grandes prominente Ex-Partner, aber es ist keine Schlammschlacht. Schon in der ersten Strophe nennt die Sängerin unter anderem den Comedian Pete Davidson und die Rapper Big Sean und Mac Miller beim Namen, um in der Folge darzulegen, was sie aus den Beziehungen zu diesen Männern gelernt hat. Das uralte Popklischee vom (in der Regel männlichen) Schmerzenssänger, der am Beispiel seiner Eroberungen das persönliche Wachstum nachvollzieht, steht hier Kopf – und verliert zugleich alles Überhebliche und Selbstmitleidige. Für Grande ist das ein echter Durchbruch: ihr erster Song, der gleichzeitig nett und nicht nett ist.

Als Sängerin ist Grande zu allem fähig. Ihre Vieroktavenstimme bewältigt jeden Kraftakt, ihre Parodien auf Celine Dion, Mariah Carey oder Christina Aguilera gelten in den USA als legendäres Late-Night-Fernsehen. In Thank U, Next singt sie jedoch leichtfüßig, das Stück hoppelt beiläufig voran, es will wirklich niemandem etwas Böses. Und doch ist es irgendwie böse, wie dermaßen geheilt von jedem Trennungsschmerz sich Grande präsentiert, wie sehr ihre Ex-Freunde als Kollateralschaden ihrer neu entflammten Selbstliebe erscheinen. Die Botschaft ist positiv wie immer bei Grande, aber befreit von der Artigkeit ihres bisherigen Schaffens. Oder anders gesagt: So geht ein Popsong.

Grande ist bei Thank U, Next gelandet, indem sie alles andere ausprobierte, was einer Karriere im Unterhaltungsgeschäft zuträglich sein könnte. Die heute 25-Jährige begann im Teenageralter als Theater- und Musicalschauspielerin, durchlief die Kaderschmiede des Kinderfernsehsenders Nickelodeon und schwenkte schließlich ganz auf Musik um. Von 2013 bis 2016 veröffentlichte sie drei Platinalben zwischen Popzeitgeist und plüschigem Retrosoul, mit ihren milliardenfach gestreamten Singles sang sie alles in Grund und Boden, was sich sonst noch in die Charts traute. Blass blieb sie allen Erfolgen zum Trotz. Eine Stimme auf der Suche nach dem passenden Image.