Es ist Mitte der Neunzigerjahre und fast Nacht. Mit meinem Lieblingskugelschreiber habe ich meiner ersten Liebe einen Brief geschrieben, morgen werde ich ihn überreichen. Das Telefon klingelt um diese Zeit nicht mehr. Ich gehöre zur zukunftsmüden Generation XInternet gibt es für uns damals gar nicht. Es existiert seit Neuestem die Band Tocotronic, und die flüstert und surrt nicht wie das lahme Modem unten im Wohnzimmer meiner Eltern, sondern hämmert begleitet von wüsten Gitarren Sätze in meinen Kopf, die auch heute noch ungefragt aufflattern wie Vogelschwärme und auswendig ausgesprochen die wahrgenommene Wirklichkeit unterlegen.

Wir kommen um uns zu beschweren.

Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt.

Es ist egal, aber. 

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.

Damals um elf in der Nacht, als von draußen die dunkle Provinz hineinragt, war ich nicht allein. Denn damals wollte ich sein wie du, Dirk. 

Heute, nach einem Vierteljahrhundert Bandbestehen, arbeiten Tocotronic gerade am 13. Studioalbum. Und ihr Sänger Dirk von Lowtzow, der mit seinen Texten oft (und mutmaßlich oft unfreiwillig) Stichwortgeber war und bis heute ist für Lebensgefühlsdiskurse im deutschsprachigen Raum, hat zum ersten Mal ein Buch geschrieben. Getarnt als Enzyklopädie versammeln sich darin Miniaturen einer Künstlerbiografie, surrealistische Träume, private Fotos und Zeichnungen. Für die 26 Buchstaben des Alphabets hat sich der Rocksänger 72 Begriffe ausgedacht, von A wie ABBA, ALEXANDER, ALIENS, APOCALYPSE und AUFRUHR bis Z wie ZEIT. Sie handeln von der Kindheit und Jugend im Badischen zwischen Tuborg Pils und Autobahnbrücke, führen nach Hamburg, erzählen von dem Zusammenfinden und dem unerwarteten Erfolg der Band, der glücklichen Gefangenschaft in den Armen einer Künstlerin, dem Idiotentest und vom frühen Tod des engsten Kindheitsfreundes.

Und zwischendurch blitzt die Gegenwart auf. In ihr entwickelt der Sänger einen ausgewiesenen Putzfimmel, geht gerne joggen und irrwitzig oft ins Kino. Dabei hat er Visionen. Immer wieder tauchen unversehens kleine Tierchen auf und flüstern ihm etwas zu. Das ist alles einigermaßen ulkig. Und ziemlich süß. Beim Lesen stellt sich aber schnell noch ein anderes Gefühl ein: Es kriecht eine Sanftheit und seltsame Hoffnung aus diesem komischen kleinen Buch heraus. Ich kann es mir nicht richtig erklären. Muss ihn fragen. 

Auf einen Pfefferminztee mit Dirk

Als ich zur verabredeten Zeit im Café in Berlin-Mitte eintreffe, sitzt er bereits dort. Wir bestellen frischen Pfefferminztee und haben dieselbe Frisur. Weite Teile des Schopfes von Dirk, dem im Vergleich zu mir selbst ungefähr zehn Jahre Älteren und mittlerweile immerhin fast Fünfzigjährigen, sind bereits ergraut. Seitdem das Grau da ist, steht in dem Buch, fühlt Dirk sich wie ein Dachs. Unter dem Sakko des Sängers erkennt man einen Pulli mit lauter kleinen Micky-Maus-Figuren. Dirk spricht druckreife Sätze, in die Welt befördert mit dieser unverwechselbar weichen Bassstimme: "Wenn man es genau betrachtet, sind die Tiere eigentlich Mischwesen, Comicfiguren, sprechende Fabelwesen. Mischwesen sind die Ergebnisse einer Transformation, sie haben für mich viel mit Sprache und dem Vorgang des Schreibens zu tun. Es gibt auch viele enzyklopädische Werke, die sich mit Tieren und Bestiarien beschäftigen. Das Buch handelt wohl oft von Verlassenheit und Einsamkeit, die sprechenden Hunde, Vögel oder Füchse sind Begleiter, Dämonen, liebe Geister, Kobolde oder auch lebende Stofftiere, die einen besuchen kommen. Etwas, an das man sich knuddelt."

Ich habe gehört, dass du über eine relativ große Stofftiersammlung verfügst?

"Das stimmt. Ich bin ein Großmeister des Stofftierautomaten an Raststätten. Auf unseren Touren konnte ich das oft üben. Der Anblick des Automaten erweckt noch immer das Begehren, die Stofftiere zu befreien. Allerdings: Wenn sie zu eng gestopft sind, braucht man erst gar nicht anfangen. Auch wenn Ohr oder Pfote rausgucken, ist der Greifarm zu schwach, um es herauszuziehen. Ein sachter Greif."