Wenn die Stimmung einer Nation nach oben ausschlägt und neue Gemeinschaftsgefühle ihr Volk ergreifen, hat das manchmal mit Musik zu tun und meistens mit Fußball. In England kam Mitte der Neunzigerjahre beides zusammen: eine halbwegs erfolgreiche Europameisterschaft im eigenen Land und eine rockmusikalische Rückbesinnung auf die hohe Zeit von Beatles, Stones, Kinks und Who. Neue Bands mit schönen oder wenigstens markanten Männern übertrugen den Sound und das Selbstverständnis der goldenen britischen Sechzigerjahre auf ein stadiontaugliches Großklotzformat. Was sie spielten, nannte man Britpop. Es klang wie Fußball mit Gitarren.

Als erfolgreichste Bands der Bewegung waren Blur und Oasis geborene Todfeinde. Hier die Londoner Schnösel und Artschool-Abbrecher, da die Prügelbrüder aus dem rauen Manchester. Die einen hielten die anderen für hochnäsig, die anderen hielten die einen für dumm. Recht hatten beide – und trotzdem mehr gemeinsam, als ihnen lieb war. Sowohl Blur als auch Oasis schrieben ihre Lieder in dem Glauben, das Schicksal der Popmusik wieder in heimische Hände legen zu können. Angefeuert von Wembleystadien voller Ultrafans entfachten sie eine Aufbruchsstimmung, bei der es gar nicht um Aufbruch ging. Man sehnte sich zurück in ein Königreich der musikalischen Autarkie und Bedeutsamkeit, eine heile Welt von vorgestern.

25 Jahre nach dem ersten Britpop-Hype und zehn Jahre nach der Selbstzerfleischung von Oasis erscheint diese Welt so unerreichbar weit entfernt, dass man glauben könnte, es habe sie nie gegeben. Während Theresa May am Ob, Wann und Wie des britischen EU-Austritts verzweifelt, häufen sich deshalb auch die unbequemen Bemerkungen zu Nostalgie und Nationalstolz der längst versandeten Pop-Bewegung. Eine Frage haben seit November 2018 unter anderem der Guardian, der Tagesspiegel und der Deutschlandfunk gestellt, der deutsche Ableger des Rolling Stone greift sie in seiner aktuellen Ausgabe noch einmal auf: "Ist Britpop schuld am Brexit?"  

In weniger schlagzeilenträchtiger Sprache heißt das: Gibt es eine Verbindungslinie zwischen dem neuen kulturellen Selbstbewusstsein der Britpop-Bands und einer Leave-Kampagne, die das Brexit-Referendum erfolgreich zur Gewissensentscheidung über die nationale Identitätsbildung stilisieren konnte? Steckte nicht schon im Kleinkrieg zwischen Blur und Oasis ein Klassenkampf im Sandkastenformat, der heute das ganze Königreich spaltet? Und wieso bloß ist das damals niemandem aufgefallen?

Komplizierte Fragen. Wenn Damon Albarn über britischen Vorstadtalltag sang oder Noel Gallagher seine Soli auf einer Gitarre im Union-Jack-Look spielte, war den Musikern der Subtext ihrer Selbstinszenierung möglicherweise gar nicht bewusst. Einer aber kapierte ganz sicher, was abging. Im Wahlkampf um das Amt des Prime Ministers suchte der hoffnungsvolle Labour-Kandidat Tony Blair ab Mitte der Neunzigerjahre die Nähe des neuen Volksmusikphänomens. Britpop war auserwählt als Soundtrack seines New-Labour-Deals. Dem Königreich wollte er damit nach 18 Jahren Tory-Regentschaft ein jüngeres, menschenfreundlicheres und zukunftsfreudigeres Erscheinungsbild geben.

Tony Blair und Noel Gallagher 1997 in der Downing Street. Von nun an ging's bergab. © Reuters

Die Rechnung ging nicht zuletzt deshalb auf, weil die neue Labour-Regierung im Mai 1997 ein Land im Freudentaumel übernahm, das zwischen Britpop-Begeisterung und Fußball-EM schon mal ordentlich vorgeglüht hatte. Der Leitspruch Cool Britannia stammte zwar noch vom abgewählten Prime Minister John Major. Erst unter Blair jedoch verselbstständigte er sich zu einem Lebensgefühl und Marketingkonzept, mit dem Großbritannien in Mode-, Pop- und Kunstfragen auf die Rückkehr zu einer weltweiten Vorreiterrolle pochte. 

Die Rechnung zeigte aber auch: Gut geht das nie aus, wenn sich die Popmusik eines Landes zu eng an dessen Entscheidungsträger schmiegt. Als Blair im Sommer 1997 zu einer Einweihungsparty in Downing Street 10 einlud, wollte sein einstiger Gin-Tonic-Kamerad Damon Albarn schon nicht mehr mitfeiern. Stattdessen kam Noel Gallagher im schlecht sitzenden Anzug, kippte ein paar Sektflöten mit dem Prime Minister und sprach Lippenbekenntnisse zu dessen Cool-Britannia-Vision aus. Ein gemeinsames Handschlagfoto der beiden gilt heute als Symbolbild des nahenden Britpop-Abstiegs. Die Affirmation der Staatsmacht erwies sich als Sargnagel einer Bewegung, die ihr kreatives Potenzial ohnehin schon erschöpft hatte.