Slash im Konzert in Hamburg mit Myles Kennedy & The Conspirators © Gaby Schütze für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Verspürten Sie manchmal in der Schule den Wunsch, ein gewöhnlicheres Kind zu sein?

Slash: Das kann ich schlecht sagen. Ich hatte immer lange Haare und lief in Jeans und T-Shirts herum, nie in Lacoste-Hemden wie andere. Ich erinnere mich aber auch daran, dass ich, als wir in die USA zogen, mich sehr anstrengte, meinen englischen Akzent loszuwerden.

ZEIT ONLINE: Ihre Eltern haben Sie nach Saul Steinberg, einem Illustrator und Karikaturisten, benannt, der unter anderem viel für das Magazin The New Yorker arbeitete. Mögen Sie diesen Künstler?

Slash: Ich finde ihn fantastisch. Aber bei meinem Namen hatte ich natürlich kein Mitspracherecht. Steinberg war ein Lieblingskünstler meines Vaters, daher kannte ich auch seine Arbeiten sehr gut. Aber ich wusste lange nicht, dass er es war, nach dem man mich benannt hatte. Zuerst hieß es, ich sei nach König Saul benannt worden. Als mein Vater mir dann von Steinberg erzählte, ergab alles plötzlich viel mehr Sinn.

ZEIT ONLINE: Sie selbst zeichnen auch.

Slash: Aber nur zum Spaß. Ich habe das erste Guns-N'-Roses-Logo entworfen, unsere ganzen Flyer – und meine Tattoos. Das Meiste entstand früher aus Notwendigkeit: Es diente meiner musikalischen Karriere. Jetzt zeichne ich nur noch, wenn ich Lust habe, ein bisschen zu kritzeln. Kunst zu machen, um damit mein Leben zu bestreiten, hätte ich mir nie vorstellen können. Es war nur etwas, von dem ich wusste, wie es geht. Andererseits habe ich lange auch gar nicht vorgehabt, Musiker zu werden. Obwohl Musik ständig Teil meines Lebens war.

ZEIT ONLINE: Es macht ja aber auch einen großen Unterschied, ob man Musik hört oder spielt.

Slash: Ja, das ist etwas ganz anderes. Ich glaube, Keith Richards hat es am besten formuliert, als er sagte: "Wenn du ein Instrument spielst, verlierst du das Recht, Musik richtig zu hören." Man hört als Musiker aus einer viel subjektiveren Perspektive.

ZEIT ONLINE: Kann das stören? Etwa, weil Sie ein Lied eigentlich mögen, aber den Klang des Gitarrenverstärkers nicht ausstehen können?

Slash: Nein, wenn ich etwas nicht mag, hat das nichts damit zu tun, dass ich Gitarre spiele. Es würde mich immer noch auf dieselbe Weise berühren. Aber davon abgesehen analysiert man Musik natürlich viel zu sehr. Als Musiker führt man eine musikalische Autopsie an allem durch, was man sich anhört.

ZEIT ONLINE: Zu welcher Art Musiker gehören Sie: zu jener, die das Performen bevorzugt, sei es im Proberaum oder auf der Bühne, oder zu jener, der es vor allem darum geht, im Studio ein Werk zu erschaffen?

Slash: Definitiv nicht zu letzterer Sorte. Als ich mit 14 Jahren anfing, Gitarre zu spielen, beeinflussten mich vor allem Livealben. Das lag erst einmal daran, dass ich wenig Geld hatte und mir mit dem Kauf einer Live-LP auf dem günstigsten Weg einen Überblick über das gesamte Material eines Künstlers verschaffen konnte. Mich packten aber auch das Gefühl und die Spannung eines Konzerts. Das blieb dann für immer mein Mittelpunkt. Ich mag es, Songs zu schreiben, und ich arbeite auch gern im Studio, aber es ist für mich nur ein Mittel zum Zweck. Ich bin keiner, der sich lange Zeit akribisch mit einem Lied beschäftigen kann. Ich ziehe Spontaneität vor. Was ein Vor-, aber auch ein Nachteil sein kann.