ZEIT ONLINE: Warum ein Nachteil?

Slash: Weil man manchmal mehr mit einem Song erreichen könnte, wenn man die Geduld hätte, lange daran zu feilen. Ich verliere aber, sobald der erste Funken erloschen ist, das Interesse. Live ist das anders: Selbst wenn du einen Song schon eine Million Mal gespielt hast, gibt es noch Wege, anders an ihn heranzugehen.

ZEIT ONLINE: Und wenn Sie dann improvisieren, kommt nicht die Furcht auf, vielleicht eine Richtung einzuschlagen, die sich als Irrweg herausstellt?

Slash: Das passiert. Aber man muss dieses Risiko eingehen. Auf der Bühne zu improvisieren, bedeutet für mich, als Musiker zu wachsen.

ZEIT ONLINE: Dieser Fokus auf die Improvisation – das klingt fast nach einem Jazzmusiker.

Slash: Ja, und es gibt ohne Frage einige verdammt geniale Jazzgitarristen, die ich über die Jahre für mich entdeckt habe. Ich liebe die Fähigkeit, aus dem Bauch heraus zu spielen.

ZEIT ONLINE: Aber mögen Sie Jazz auch als Musikgenre?

Slash: Ich bin kein großer Jazzfan. Interessant, dass Sie das ansprechen. Ich konnte mal mit Ray Charles arbeiten. Für den Film Ray habe ich mit seiner Band alte Standards aufgenommen. Einige der Akkorde, die da gespielt werden sollten, kannte ich gar nicht. Weil alles schnell vonstattengehen sollte, schrieb man sie mir auf, und ich ging nach Hause, um zu üben. Als ich am nächsten Tag wieder ins Studio kam und spielte, sagte Ray nur: "Das ist nicht so dein Ding, oder?"

ZEIT ONLINE: Machen Sie sich eigentlich manchmal Gedanken darüber, worin die Chemie zwischen Musikern besteht?

Slash: Ich versuche, nicht an so etwas zu denken. Grübeln ist für einen Musiker nicht wirklich förderlich. Man denkt eh schon zu viel: zwischen zwei Konzerten, im Bus, Flugzeug oder Studio … Wenn man dann mit einer Rock-'n'-Roll-Band auf der Bühne steht, ist es am besten, nicht zu überlegen. Oder zumindest so wenig wie möglich. Zu hören, was man tut, bevor man es tut – das ist die Fähigkeit, nach der wir alle streben. Das heißt: sich musikalisch so leicht zu verständigen wie beim Sprechen.

ZEIT ONLINE: Bis Mitte August sind Sie noch mit Myles Kennedy & The Conspirators auf Welttournee. Welche Pläne haben Sie für die Zeit danach?

Slash: Wenn ich wieder zu Hause bin, setze ich mich mit den Jungs von Guns N' Roses zusammen, und wir werden uns gemeinsam auf ein neues Album konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Sie haben bis jetzt noch nicht daran gearbeitet?

Slash: Nein, aber ich weiß, dass alle Beteiligten diese Platte wirklich machen wollen. Wir sprechen darüber, und Axl hat auch schon einen Haufen Material, das er allein produziert hat. Ich glaube, wir sind in hervorragender Form, um loszulegen.