Vor 47 Jahren für Spotify geschrieben – Seite 1

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hätte Marvin Gaye auch den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung singen können. Also tat er im April 1972 genau das. Nachdem ihm mit seiner ersten weitgehend selbst komponierten Platte, der psychedelischen Soul-Suite What's Going On, im Vorjahr ein künstlerischer und kommerzieller Quantensprung gelungen war, veröffentlichte Gaye als Nächstes die Single You're The Man. Der sozialkritische Ton seines bahnbrechenden Albums erklang darauf in verschärfter Form: Am Anfang eines Wahljahres, aus dem Richard Nixon als Sieger hervorgehen sollte, sang Gaye über Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit, Inflation und gerechte Steuerpolitik. Sexy hexy!

Tatsächlich gründete Gayes Karriere in den Sechzigerjahren darauf, dass er noch die niedlichsten Wegwerfliedchen der Songfabrik Motown mit erotischer Verheißung erfüllen konnte. Seine Duette an der Seite von Mary Wells, Kim Weston und Tammi Terrell sowie Interpretationen vermeintlich verbrauchter Stücke wie I Heard It Through The Grapevine hatten ihn zu einem der zuverlässigsten Hitlieferanten des Labels gemacht. What's Going On aber markierte eine Zeitenwende: Gayes erstes Album, das er gegen den Widerstand von Motown durchboxen musste. Trotz langer ineinander fließender Songs und unromantischer Themen wurde die Platte zum Erfolg. Der Künstler wähnte sich fortan unangreifbar.

Schon You're The Man zeigte, wie ernst er es damit meinte. Das zweigeteilte Sechsminutenstück ist ein weiterer künstlerischer Triumph von Gaye, wütender und expliziter als alles, was er auf What's Going On gesungen hatte. In die Motown-Geschichte ging es trotzdem als Dokument des Verzockens ein. Gerade einmal Platz 50 der US-Single-Charts erreichte Gaye mit seiner Anklage an Nixons Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Arbeit an einer themenverwandten Songsammlung legte er anschließend auf Eis. Er konzentrierte sich auf Ausweichprojekte wie den atmosphärischen Blaxploitation-Soundtrack Trouble Man und eine gemeinsame Platte mit der Motown-Göttin Diana Ross.

Ein halbes Jahrhundert später feiert die Plattenfirma, die lange Zeit als finanzkräftigstes schwarzes US-Unternehmen galt, ihren 60. Geburtstag. Gaye selbst wäre dieser Tage 80 geworden, hätte ihn sein Vater nicht am 1. April 1984 erschossen. Dass die Stücke der You're-The-Man-Periode nun doch noch in gebündelter Form erscheinen, geschieht also aus doppelt feierlichem Anlass. Im Gegensatz zur vergessenen John-Coltrane-Platte Both Directions At Once, die im Sommer 2018 mit 55-jähriger Verspätung herauskam, sollte You're The Man jedoch nicht zu einem in sich schlüssigen Statement hochgejazzt werden. Das Album ist gerade deshalb spannend, weil es Gayes karriereumspannende Zerrissenheit dokumentiert.

Leben und Werk des Künstlers gelten bisher als Abfolge einander bedingender Kapitel. Die Absicht, Gutes zu tun, und das Verlangen, es sich gut gehen zu lassen, werden als Triebkräfte von Gayes Karriere gegeneinander ausgespielt. Erst war er Pastorensohn mit Engelsstimme, dann verriet er Kirche und Vater, um sich der Motown-Show in Detroit anzuschließen. Erst sang er die salbungsvollsten aller vorstellbaren Liebeslieder, dann projizierte er zunehmend absurde Erwartungen auf die Frauen in seinem Leben und fand Wege, sie für seine finanziellen und familiären Sorgen und Selbstzweifel verantwortlich zu machen. Erst war er ambitionierter Netzwerker, später ein studio- und bühnenscheuer Faulenzer.

Die Stimme, die alle beeinflusst hat

You're The Man ist eine Momentaufnahme, die nahelegt, dass alles noch viel vertrackter war, als sich der vorangegangene Absatz lesen mag. Gaye war ein Schnulzensänger aus der Sinatra-Schule, der sein Traumpublikum einmal als "Republikaner im Frack" beschrieb. Er war Protestsänger gegen Nixon und den Vietnamkrieg und Prophet einer spirituellen Sexmusik, deren außerordentliche Sinnlichkeit im Kontrast zu jener Misogynie und Egozentrik stand, die seine Beziehungen prägten. Vor allem aber war Marvin Gaye all das gleichzeitig – mehr denn je im Jahr 1972, während er You're The Man und eine Handvoll anderer Songs aufnahm, die eigentlich niemals erscheinen sollten.

Das nun veröffentlichte Album enthält einige Stücke, die an den Achtsamkeitssoul von What's Going On anknüpfen, und einige andere, die auf den unanständigen Liebesfest-Funk von Let's Get It On vorausweisen, der im Sommer 1973 folgen sollte. Es postuliert Fantasien eines grüneren, gesünderen Lebens, aus deren weitschweifigen Arrangements die Koksreste beinahe buchstäblich herausrieseln, und zementiert Gayes lebenslange Tendenz, Frauen entweder als Heiligenfiguren oder Teufelsanbeterinnen zu besingen. Es ist zu viel, zu krass, zu geil, zu gut, zu peinlich – die Art von erhellendem Selbstporträt, die den meisten Künstlern nur dann gelingt, wenn sie es gar nicht darauf angelegt hatten.

Die Wirkung dieser Musik auf heutigen R 'n' B ist offensichtlich: Sie zeigt sich explizit bei Maximalisten wie D'Angelo und in der ökologisch besorgten Ganzheitlichkeitsmusik von Erykah Badu sowie implizit bei jüngeren Eigenbrötlern wie Frank Ocean. Dessen Songs bleiben skizzenhafter, sind weniger üppig arrangiert als die Stücke von Gaye. Springt Ocean jedoch mühelos von Genre zu Genre, vom Liebeslied zur politischen Anklage und schichtet mehrere Versionen seiner eigenen Stimme übereinander, verweist er damit auch auf Gayes Pionierarbeit aus den frühen Siebzigerjahren. Im Soul ist Marvin Gaye, was die Beatles im Pop waren: die eine Stimme, von der auch all jene beeinflusst sind, die es gar nicht sein wollen.

In der Zusammenstückelung aus mehreren Studiosessions mit verschiedenen Produzentinnen und Produzenten unterscheidet sich You're The Man zwar von Gayes durchgeplanten Konzeptalben derselben Schaffensphase. Den Aufprall der Platte wird der gegenwärtige Popbetrieb jedoch gerade deshalb spüren. Songs erklingen in neuen Versionen und Kontexten, ihre Reihenfolge ist beliebig vertauschbar. Das Weihnachtslied eines Vietnamveteranen wird mit 45 Jahren Abstand nicht nur zum historischen Zeitdokument, sondern auch zur Warteschleifenmelodie bis zum nächsten großen Kriegsbeginn. Natürlich ist Gayes Musik längst bei allen großen Streamingdiensten verfügbar. Erst auf You're The Man aber klingt sie wie dafür gemacht.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Platte, die das widersprüchliche Leben und Werk des Künstlers ebenso bereichert wie verkompliziert: Marvin Gaye war Muttersöhnchen und Kinderzimmerrebell, bester Mann und bösester Jünger von Jesus, Sexsymbol im Santa-Claus-Kostüm, Aktivist im Tonstudio und Zeittotschläger am wohnzimmerlichen Spiegeltisch. Jetzt ist er auch noch in der Ära von Spotify angekommen. Man wird ihn dort gut gebrauchen können.

"You're The Man" von Marvin Gaye ist erschienen bei Tamla/Motown/Universal.