Noch während das neue Rammstein-Musikvideo am Donnerstagabend um 18 Uhr auf YouTube erstmalig präsentiert wurde, bekundete der Twitter-User Dennis. sanfte Enttäuschung: "Vielleicht hätte ich mir bei dem Video eine noch klarere Message gewünscht. Irgendwas fehlt mir da aktuell noch."

Dass von dem Video eine möglichst eindeutige Aussage erwartet wurde, ist nur allzu verständlich. Schließlich hatte die Band selbst die Erwartungshaltung angeheizt, indem sie einen Tag vor Erstveröffentlichung der neuen Single Deutschland einen kurzen Videoausschnitt zeigte – der seinerseits eine ebenso plötzliche wie überschießende Empörung auslöste. Die Entrüstung, die von unterschiedlichsten Seiten vorgebracht wurde, reagierte auf eine vorab verbreitete Szene, in der sich die Mitglieder der Band als KZ-Häftlinge vor der Hinrichtung zeigten. "Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch," erklärte daraufhin der Zentralrat der Juden.

Verstärkt wurden die Vorhaltungen durch Hinweise auf die Vergangenheit der Band. Immer wieder seien Rammstein durch ein indifferentes, mehrheitlich diffuses, letztlich also verhängnisvoll ungeklärtes Verhältnis zu rechten Ideologien aufgefallen. Tatsächlich steht die Band seit ihrer Gründung im Verdacht, eine nationalistisch-faschistische Ästhetik anspielungsreich zu adaptieren, diese gar zu kopieren und – auf den ertragreichen Tabubruch spekulierend – zu reproduzieren. Gleichwohl haben sich die Musiker dazu mehrmals eindeutig geäußert, sich gar als linksorientiert bekannt und wiederholt versucht, an die fiktionale Ebene des ästhetischen Arbeitens zu erinnern: ein Vorgang, der nach Auffassung der Band bereits eine Praxis der Kommentierung – und damit Distanzierung – erzeuge.

Nun also ist das neue Video mit dem Titel Deutschland seit wenigen Stunden im Netz auffindbar – und deutlich wird, dass die Band an ihrer künstlerischen Strategie festhält. Sie präsentiert ein medial-barockes, popkulturell gemixtes, gigantisch-überfrachtetes Setting unterschiedlichster Figuren. Eine Collage deutscher Gewaltgeschichtsschreibung, von Germanenkriegern über Preisboxer bis hin zu Nazis und DDR-Kadern. Unzählige Handlungsstränge werden angedeutet in fantastischen Miniaturszenen, in denen sich wiederkehrende physische Grausamkeiten mit allerlei Grotesk-Surrealem wechselseitig verstärken. Es wird die Popexegeten noch ein paar Tage beschäftigen, all diese Referenzen aufzulösen. Im Gesamten setzt das Video – wie im Grunde fast alle Videos von Rammstein – auf wirkungsästhetische Affektion: Das Gigantomanische möge vor allem einen emotionalen Eindruck erzeugen und sich als inszenatorische Ausnahmeerscheinung im Gedächtnis verankern. 

Diese kalkulierte Aufwallung mag einerseits ermüdend wirken, da sie sich rasch in sich selbst erschöpft. Sie kann andererseits aber auch dazu verleiten, präzise gesetzte Andeutungen zu übersehen. Bei genauer Beobachtung fällt etwa auf, dass die Band die KZ-Referenz keineswegs zum Zwecke eines bequem integrierbaren Aufregers benutzt. Entscheidend ist, was der Sänger Till Lindemann in diesem Zusammenhang textlich vorträgt: "Deutschland, meine Liebe kann ich Dir nicht geben" – und die Gründe dafür liegen eben unter anderem in der Existenz der Konzentrationslager selbst.

Unterstrichen wird diese Absage an ein deutschtümelndes Bekenntnis durch eine zweifellos kühne, aber damit umso wirkungsvollere Verkehrung der Verhältnisse: An einer Stelle werden die KZ-Schergen von den Häftlingen zur Erschießung zusammengetrieben. Das ist gewiss als revisionistischer Zynismus auszulegen, kann zugleich aber auch als Versuch gelten, die Gebrochenheit der Beziehung zum eigenen Land übersteigernd auszustellen. Passend dazu singt Lindemann: "Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen (...) Deutschland, ich will dich nie verlassen, man kann dich lieben und will dich hassen."

Ja, die Band bleibt, obwohl videoästhetisch einmal mehr aufs Extreme getrimmt, semantisch fluide. Es fehlt in der Tat die "klare Message". Das aber ist die Rolle, die einer ironisch gebrochenen Haltung eigen ist. Die Ironie misstraut allen Formen klarer Botschaften. Sie scheut Bekenntnisse, konterkariert Dogmen, sie umgeht ganz bewusst die ideologische Vereinseitigung.

Es ist daher falsch, Rammstein des Relativismus oder gar Geschichtsrevisionismus zu verdächtigen. Mit dem neuen Video haben sich die Musiker – und sicherlich vorrangig der Regisseur Specter Berlin – als Vertreter der ästhetisierten Ironie erwiesen. Und es darf als gesellschaftspolitisches Verdienst gewertet werden, vor dem Hintergrund eines aktuell erstarkenden Nationalismus in nahezu allen Teilen der Welt das letztlich unpopuläre Prinzip der Ironie als künstlerische Haltung einzubringen. Gewiss, für Rammstein wird sich die Sache auszahlen. Das aber sollte nicht dazu führen, die Notwendigkeit einer ironischen Entgegnung im Zeitalter der identitätspolitischen Verhärtungen zu verkennen. Auch und gerade nicht im Kontext der Popkultur.       

Lesen Sie hier Jens Balzers Artikel zur unterdrückten männlichen Sexualität im neuen Rammstein-Video