Ein lauter Schrei nach Liebe

Das neue Video "Deutschland" von Rammstein hat große Empörung ausgelöst, weil sich Mitglieder der Band darin als KZ-Insassen inszenieren. Lesen Sie hier auch den Kommentar des Kunstwissenschaftlers Daniel Hornuff, der argumentiert, warum die Entrüstung ungerechtfertigt ist.

Guten Appetit! Falls sich jemand gefragt haben sollte, was es bei der Familie Rammstein nach verrichtetem Tagewerk zum Abendbrot gibt, bietet das neue Video der Berliner Gruppe mit dem Titel Deutschland die Antwort: Es wird eine leckere Frau serviert mit schwarzer Hautfarbe und güldenem Geschmeide über der Stirn, der in geselliger Runde der Leib ausgeweidet wird. Man schlabbert in Gedärmen und knurpselt an Knochen, und die jedenfalls oberhalb der Halswirbel noch recht lebendig wirkende Frau blickt wohlwollend lächelnd auf das Spektakel hernieder.

Die schwarze Frau ist als Personifikation der deutschen Geschichte zu verstehen. Sie tritt im Video in den verschiedensten Variationen der Nationalallegorie Germania auf, mal als wackere Reckin, die – sagen wir einmal: im Teutoburger Wald bei der Hermannsschlacht – gegen römische Usurpatoren kämpft; man sieht sie als flotte Nazidomina mit Lackledermantel und Lederstiefeln wie in einem kanadischen KZ-Porno der Siebzigerjahre (Ilsa – She Wolf of the SS); als sexuell unberührte und entsprechend unschuldige Nonne mit Flügelhaube wie in einem Gemälde von Rogier van der Weyden (ein Hauptstück der Gemäldegalerie in Berlin); oder als wehrloses Opfer einer westdeutschen Terroristengruppe mit dem Rammstein-Sänger Till Lindemann als maschinenbewehrtem Dragqueen-Kommandanten.

Deutschland ist eine Frau: Das ist die zentrale Botschaft dieses neunminütigen Kurzfilms. Und diese Frau versetzt Generationen, Epochen und Genealogien, Sippschaften, Stämme und Reiche von Männern in den Zustand einer unauflösbaren erotischen Spannung. Sie alle würden am liebsten nichts anderes tun als mit Deutschland zu kopulieren; von vorne, von hinten; in jede Öffnung, die sich ihnen so bietet. Doch sind die deutschen Männer dafür sexuell zu verklemmt. Sie haben zu viel Angst vor der Frau, die ihnen mal gewalttätig und gebieterisch, mal unschuldig und unberührbar entgegentritt. Darum müssen sie ihre Energien und ihre Roheit, ihre Libido und ihre Kraft aufeinander richten im endlosen Kampf Mann gegen Mann: mit Schwertern und Lanzen in den germanischen Wäldern oder in den feuchten Katakomben des Mittelalters; mit schlagringbewehrten Fäusten im Hinterzimmer einer Ganovenkneipe des Franz-Biberkopf-Berlins; sie müssen mit der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten auf andere Männer losgehen oder mit der Überwachungsmaschinerie der Staatssicherheit in der DDR.

Vielleicht würde es schon helfen, wenn die deutschen Männer mal auf eine andere Frau treffen würden als eben bloß auf Frau Deutschland. Dann könnten sie küssen und kuscheln und sich über das verschmierte Haar streicheln lassen oder erfahren, wie schön es ist, wenn jemand ihnen mit feingliedrigen Fingern die blutigen Narben bezärtelt. Aber andere Frauen sind im Video Deutschland nicht in Sicht, es gibt keine Geliebten und keine Begehrten; es gibt nicht mal Mütter oder wenigstens Huren; es gibt nur maskuline Kriege und Kämpfe, Täter und Opfer, Triumphe und Niederlagen. In dieser sexuell amputierten und darum vor ziellos versprühtem Testosteron nur so stinkenden Welt kann der Mann gar nicht anders, als triebhaft, todessehnsüchtig und wahnsinnig zu werden.

Deutschland ist ein erstaunlicher Film, inszeniert von dem Berliner Grafikdesigner und Regisseur Eric "Specter" Remberg, der uns mit seinem Label Aggro Berlin in den Nullerjahren schon so bedeutende Künstler wie Sido, Fler, B-Tight und Bushido schenkte. Erstaunlich ist Deutschland, weil Rammstein darin im 25. Jahr ihrer Karriere den Kern ihrer Kunst und ihrer politischen und sexuellen Ästhetik freilegen. Diese sonderbare Mischung aus erotischer Aggressivität und Verklemmtheit, aus männlicher Tatkraft und masochistischer Opferpose, aus Brutalität und Weinerlichkeit, die das Schaffen der Band seit jeher prägte, wurde wohl noch nie so konzise formuliert wie in diesem Film. Es handelt sich mithin um große Kunst.

Man kann leben, ohne Deutschland zu lieben

Germania mit Till Lindemanns Kopf unter dem Arm © Quelle: Screenshot YouTube; Rammstein

"Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau", hat der westdeutsche Bundespräsident Gustav Heinemann im Jahr 1969 einmal gesagt. Vielleicht lässt sich die Ästhetik von Rammstein im Lichte ihrer jüngsten Entäußerung als Antithese zu Heinemanns Bekenntnis begreifen oder als Einblick in die psychische Verfassung von Männern, die keine Frau finden, die sie zu lieben vermögen. In diesem Fall bleibt ihnen offenbar keine andere Wahl, als ihre Liebe auf ihren Staat, ihre Nation, ihre Volksgemeinschaft zu wenden, der sie dann ihrerseits die Gestalt einer Frau leihen. An dieser Liebe müssen sie notwendig verzweifeln, weil sie nicht erwidert wird – welche Nation liebt schon ihre Untertanen? – und weil sich in der deutschen Geschichte so viel Scheußliches findet, das sie wenig liebenswert macht. "Deutschland, mein Herz in Flammen, / will dich lieben und verdammen", heißt es im Song, und später: "Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, / Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben". Dazu lassen sich einige Mitglieder von Rammstein in KZ-Häftlingsuniformen sehen. Sie sollen in eher KZ-untypischer Weise an Galgen gehenkt werden, während ein anderes Mitglied der Band in der Uniform eines SS-Kommandanten die Exekution beaufsichtigt. In einer späteren Szene sind die Häftlinge zu Gewehren gekommen und erschießen ihren Aufseher, also mithin: sich selbst.

So werden hier Täterschaft und Opferschaft, Mitleidlosigkeit und Empathie, zynisch ausgekostete Kälte und momenthafte Demut, das Spiel mit Zitaten faschistischer und antifaschistischer Haltung so lange und konsequent ineinandergeblendet, bis sich beim Betrachten nichts anderes einstellt als ein schwirrender Kopf. Man hat mancherorts versucht, die dieser ästhetischen Strategie zugrundeliegende Haltung als Ironie zu bezeichnen. Freilich beinhaltet der Begriff der Ironie auch die Fähigkeit zur geistigen Lockerung und Reflexion; beides lässt sich bei Rammstein eher nicht finden. Stattdessen bieten sie – darin liegen ihre unbezweifelbare Genialität und wohl auch die Wurzeln ihres ungeheuren Erfolgs – ein getreues Abbild einer Gesellschaft, die im Kampf aller gegen alle immer weiter zerfasert und die sich gleichzeitig nach einer überindividuellen Kollektividentität sehnt, die diese Kämpfe zumindest zu rahmen und ihnen einen Sinn zu geben versteht.

Germania auf der Geburtsstation umringt von einem Geistlichen und den Bandmitgliedern in Schutzanzügen. Sie hat übrigens gerade Schäferhunde zur Welt gebracht. © Quelle: Screenshot youtube; Rammstein

Das Deutschland von Deutschland ist dafür ein Sinnbild; darum ist Specters Video so gut. Und auch, weil es in seiner zwanghaften Konzentration auf die Verklammerung all der dargestellten verklemmten Männer dem Kollektiv ex negativo die Perspektive auf ein Außerhalb der nationalen Monade eröffnet: "Wir müssen hier raus", wie es vor langer Zeit einmal bei einer anderen großen deutschen Band hieß, Ton Steine Scherben.

Man könnte ja eben auch zu der Erkenntnis gelangen, dass ein glückliches und erfülltes Leben möglich ist ohne die unentwegte Spiegelung des Ichs in einer mythologisch aufgepimpten Nationalidentität. Man kann leben, ohne Deutschland zu lieben oder an Deutschland zu leiden; man kann ganz ohne Deutschland leben, und zwar gut. Man kann ein Bewusstsein für Geschichte besitzen, ohne diese in die Schematik von Nationalgeschichten pressen zu müssen. Man kann übrigens auch Empathie mit den Opfern der deutschen Massenvernichtung zeigen, ohne sie – wie Rammstein in ihrem trüben Promotionstunt am Tag vor der Veröffentlichung des Videofilms – erst einmal verhöhnen zu müssen, um damit die typisch deutsche Freiheit des Geistes zu demonstrieren: Rammstein über alles. Man kann sich aus all diesen Prägungen und Panzern befreien. Allein: In der Welt von Rammstein und ihren unzähligen Fans scheint dies zurzeit keine Perspektive zu sein. Vielleicht wäre ein Anfang damit gemacht, wenn sie als heterosexuelle Männer ein Verhältnis zu Frauen und ihren Körpern zu finden vermöchten, das sich nicht in der Übersteigerung ins Mythologische erschöpft, in masochistischen Masturbationsfantasien oder im Kannibalismus. Verstünde man es einmal richtig, das Wort für dieses Verhältnis wäre doch wiederum: Liebe.